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Plagiate Karte aus der Kälte

Mit Telefonkarten angeblich aus Stasi-Produktion hat ein Spaßvogel in großem Stil Sammler gefoppt.
aus DER SPIEGEL 22/1995

Die Plastikkarte besticht durch ihre giftgrüne Farbe, hat mit 54 mal 85 Millimetern Kantenlänge Standardgröße und ist, ausweislich eines Querdrucks in roten Initialen, »NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH« bestimmt.

Das sonderbare Ding, insinuieren ein aufgedrucktes Staatswappen und die Buchstaben MfS, Kürzel für das einstige Ministerium für Staatssicherheit, soll der Prototyp der ersten DDR-Telefonkarte gewesen sein.

Den hingeschiedenen zweiten deutschen Staat, der nach Spöttermeinung technologisch noch im Stadium des »begehbaren Chips« war, sollte der Dummy angeblich auf Weststandard katapultieren.

Die Sammlerbranche, stets auf Raritäten im bunten Plaste-Markt aus, sei praktisch über Nacht mit den Karten überschwemmt worden, sagt Michael Burzan. »Die Karte, die aus der Kälte kam«, urteilt der renommierte Fachautor ("Telefonkarten sammeln"), sei zum Hauptgesprächsstoff in der etwa 200 000 Köpfe zählenden Szene geworden.

Das wird sie wohl, zumindest in dieser Woche, auch bleiben: Der Bremer Scherzbold Peter Winter, 39, selbst wegen Republikflucht einst in Stasi-Haft, hat jetzt zugegeben, daß er sich die Karte samt dazugehöriger Legende »in einer Schnapsnacht ausgedacht« hat. 70 000 der gefälschten Karten hat er, zum Stückpreis von rund 25 Pfennig, von der Oldenburger Spezialfirma Novacard pressen lassen und auf den Markt geworfen.

Das Ganze sei, so der freischaffende Opernsänger, »ein Bluff, eine Eulenspiegelei«, erfunden zur Verhohnepiepelung der Sammlerbranche.

Michael Ehrhardt, Inhaber des auf Briefmarken, Münzen und Sammler-Telefonkarten spezialisierten Münchner Versandhauses Krüger, offerierte das Sammlerstück Anfang des Monats in einer Bild-Anzeige für 49,50 Mark pro Stück. Der Marktführer pries das Schnäppchen »trotz aller Zweifel« an der Echtheit als »einmaliges Dokument von zeithistorischem Wert«.

Tatsächlich war die vermeintliche Ockasion umstritten. Warum sollte sich die Stasi, fragten Realisten, durch die Verwendung ihres Firmenkürzels selbst dekonspirieren?

Auch die Behörde des Stasi-Aktenverwalters Joachim Gauck hatte nur Spott für die Karte übrig. »Es wäre das erste Mal«, so Sprecher Thomas Rogalla, »daß die Stasi etwas Bleibendes hinterläßt.«

Doch das »Schlitzohr« (Winter über Winter) ist ein Bluff-Profi, der schon viele Sammler geleimt hat. In den achtziger Jahren hatte sich der Tenor darauf verlegt, philatelistische Raritäten wie die blaue und die rote Mauritius als Plagiate massenhaft zu verkaufen. Verdient habe er daran wenig, sagt er, ihm sei es um den Spaß gegangen.

Selbst der prominente Plagiator Konrad Kujau, Autor der gefälschten Hitler-Tagebücher, »ist ein Blaßschnabel gegen mich«, rühmt sich der fleißige Fälscher Winter. Rechtlich belangt wurde der Sänger für seine Produkte jedoch nicht, weil die Imitate in Mikro-Schrift als solche gekennzeichnet waren, oft auf der Rückseite.

Aus juristischen Gründen hat der Schelm diesmal die verwendeten DDR-Symbole, Hammer im Ährenkranz, verfremdet - der Hammer zeigt in die falsche Richtung. Wer dem Gag trotzdem aufsitze, meint Winter, sei selber schuld.

Ursprünglich hatte eine »Ostdeutsche Treuhand« per Magdeburger Postlageradresse ("Postamt V, DST 136 Sch-Halle") einer handverlesenen Schar von Händlern die Karte für 750 Mark pro Exemplar angeboten. Dahinter stand Winter, Sitz der obskuren Firma war die britische Kanalinsel Jersey.

Den Versuchsballon will Winter lediglich gestartet haben, »um den Markt auszuloten«. Trotz mehrerer ernsthafter Bestellungen seien die Stasi-Karten »in keinem einzigen Fall« zu diesem Wucherpreis verhökert worden.

Dafür will Winter Tausende von Exemplaren für Pfennig- oder Markbeträge an Zwischenhändler weitergegeben haben. Ein großer Stapel, versichert er, sei ihm »geklaut worden«, 30 000 Exemplare habe er noch.

Eine Beschlagnahme-Aktion, etwa im Auftrag der Telekom, muß er nicht befürchten. Anders als die amtlichen Chip-Karten ist Winters Produkt mit einem Magnetstreifen versehen, auf dem weder Daten noch Gebühren gespeichert sind - eine Benutzung in Telefonzellen ist unmöglich.

Fälscher Winter entschloß sich nach der Groß-Annonce des Versandhauses Krüger, den Coup preiszugeben, um die Geschäftemacherei mit seinem Gag zu unterbinden. »Alle verdienen an der Karte«, klagt er, »nur ich nicht.«

Krüger-Chef Ehrhardt dagegen setzt darauf, daß Sammler die Karte auch weiterhin kaufen werden, obwohl sie nun als Plagiat erkannt ist. Hoffnung macht ihm die Erfahrung mit einer »berühmten Fälschung«, die nach wie vor für rund 200 Mark gefragt sei.

Es handelt sich dabei um gefälschte Exemplare einer Briefmarke, die im Dritten Reich als Anti-NS-Propagandamittel in Umlauf gebracht worden waren. Auch sie hatte Winter, frühe Schaffensperiode, in seiner Kollektion. Die Marke zeigt den Kopf Adolf Hitlers, der sich in einen Totenschädel verwandelt. Die Aufschrift: »Futsches Reich«. Y

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