Katastrophe in Burma Helfer werfen Militärjunta Verbrechen an der eigenen Bevölkerung vor

Burma bleibt weitgehend abgeriegelt, Hilfsgüter werden beschlagnahmt - während die Bevölkerung größte Not leidet: Weltweit wächst der Zorn auf die Militärjunta, die trotz der humanitären Katastrophe Hilfsanstrengungen vereitelt. Laut Uno könnte die Opferzahl auf über 100.000 steigen.


Rangun - "Bitte kommt und helft uns", haben Menschen im Irrawaddy-Delta in großen Lettern auf eine Straße geschrieben. Daneben, berichtet der Sender "Democratic Voice of Burma", findet sich der Schriftzug "Wir haben Hunger".

Doch die Hilfe, auf die diese Menschen jetzt warten, darf nicht ins Land.

Die Burmesen sind nicht nur Opfer des Wirbelsturms "Nargis", sie sind auch Opfer der Katastrophe in der Katastrophe: Ihre Regierung lässt keine ausländischen Helfer in die Krisenregion - das uneinsichtige, zynische Regime treibt seine Verweigerungshaltung auf die Spitze. Einzig dürften Hilfsgüter am Flughafen in der Metropole Rangun abgeliefert werden, hieß es aus dem Außenministerium.

In einem beispiellosen Affront gegen die Uno hat die burmesische Militärjunta Hilfslieferungen des Welternährungsprogramms (WFP) beschlagnahmt. Außerdem verweigerten die Generäle auch knapp eine Woche nach dem verheerenden Zyklon "Nargis" ausländischen Helfern die Einreise - ein nach Uno-Angaben in der Geschichte der humanitären Arbeit noch nie dagewesener Vorgang.

"Alle Lebensmittel und Hilfsgüter, die wir bislang ins Land bringen konnten, wurden beschlagnahmt", sagte WFP-Sprecher Paul Risley. Es sei "unklar", warum die Hilfslieferung - darunter 38 Tonnen Energieriegel - beschlagnahmt worden sei. Burmas Außenministerium teilte am Freitag nur mit, man sei zwar dankbar für Versorgungsgüter aus dem Ausland, wolle diese aber selbst verteilen.

Zunächst setzte das WFP weitere Hilfslieferungen bis zur "Klärung des Problems" aus. Am Abend kündigte es allerdings an, es werde die Hilfe fortsetzen und zwei weitere Güterladungen auf den Weg bringen - während die Gespräche mit dem Regime noch liefen.

Am Montag soll dann endlich ein erstes US-Militärflugzeug in Burma landen dürfen, wie der Sprecher des nationalen Sicherheitsrates, Gordon Johndroe, am Freitag auf der Präsidentenranch in Crawford (Texas) sagte: "Wir hoffen, dass dies der Beginn für eine umfassende amerikanische Hilfe an die Menschen in Burma sein wird."

Steigende Opferzahlen

Die Vereinten Nationen rechnen mit einem massiven Anstieg der Opferzahlen. Die Zahl der Toten könne auf "63.000 bis 100.000 oder sogar noch höher" steigen, sagte Uno-Nothilfekoordinator John Holmes am Freitag in New York. Die Zahlen beruhen seinen Angaben zufolge auf Einschätzungen von 18 Hilfsorganisationen in 55 Städten. Die Regierung von Burma geht bisher von mehr als 23.000 Toten aus, mehr als 42.000 Menschen werden nach offiziellen Angaben noch vermisst.

Bei den Helfern wachsen unterdessen Frust und Wut. Immer mehr sehen die Verweigerungshaltung als Verbrechen des Regimes an der eigenen Bevölkerung. Der Vertreter einer Hilfsorganisation, der seinen Namen nicht genannt wissen will, sprach gegenüber SPIEGEL ONLINE von "Völkermord", den das Regime an den eigenen Leuten begehe.

Markus Köhler, 32, Projektleiter bei Humedica, berichtet von schlimmen Geschichten aus dem Krisengebiet: "Man hat die Not der Menschen vor Augen, hört, dass sie schon Kadaver essen müssen und weiß, dass man nichts tun darf." Schlimm sei vor allem, dass die Ressourcen im Land fast aufgebraucht seien: "Der Markt ist leergekauft. Das übt Druck auf die Helfer aus. Wir wissen, dass wir jetzt dringend gebraucht werden."

Deutsche Spender sind verunsichert

Die jahrzehntelange Abschottung des Landes und die unerbittliche Haltung der burmesischen Generäle haben noch einen weiteren Effekt: Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist bislang deutlich geringer als bei vergleichbaren Großlagen. "Im Verhältnis zu den Ausmaßen der Katastrophe ist die Bereitschaft zu spenden erschreckend gering", sagt Christian Osterhaus, Mitarbeiter der Welthungerhilfe. Zwischen den Spendeneingängen, die während des Tsunami im Dezember 2004 bei der Welthungerhilfe eingingen und den jetzigen Geldern lägen Welten.

"Die Spenden kommen sehr schleppend", sagt auch Janina Niemietz, Sprecherin der "Aktion Deutschland Hilft", einem Bündnis von 10 deutschen Hilfsorganisationen, von denen vier Mitarbeiter in Burma haben. "Die Menschen sind durch die Meldungen verunsichert. Sie fürchten, dass nichts von der Hilfe ankommt bei den Menschen, die sie brauchen."

Diese Angst sei unbegründet, erklären deutsche Hilfsorganisationen übereinstimmend. "Wir werden mit Sicherheit unsere Nahrungsmittel und anderen Hilfsmittel nicht dem Militär geben, sondern sie selbst verteilen", sagt die Vorsitzende der Welthungerhilfe Ingeborg Schäuble, zu SPIEGEL ONLINE.

Ingeborg Schäuble hat Hoffnung, dass das Regime in Burma irgendwann kooperiert. "Die Junta ist noch nicht so weit, dass sie die Kontrolle aufgibt."

Kleine Hilfsorganisationen seien im Moment vielleicht im Vorteil, weil sie dem Regime nicht so "bedrohlich" erscheinen, so Schäuble.

Seit jeher habe das Regime der Bevölkerung schließlich weiß gemacht, dass sich außer ihnen niemand um sie kümmere. Wenn die Junta plötzlich uneingeschränkt Hilfe zuließe, "würde das ihr Image konterkarieren", sagt Gerhard Will, Burma-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Der Verfassungsentwurf "verspottet die Menschenrechte"

Die Verweigerungshaltung der Junta folgt einer ebenso klaren wie unmenschlichen Strategie: Bis zur Abstimmung über die neue Verfassung am Samstag dürfen keine Fremden ins Land.

Zu groß ist die Angst der Machthaber, dass sich Regimekritiker und Journalisten unters burmesische Volk mischen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) hat die Absicht der Militärjunta, am Verfassungsreferendum festzuhalten, scharf kritisiert. Der zur Abstimmung gestellte Entwurf sei ein weiterer Versuch, die Menschenrechte in dem Land zu untergraben und die Macht des Militärs auszuweiten. Der Verfassungsentwurf "verspottet die Menschenrechte".

Die Haltung der burmesischen Militärregierung ruft in aller Welt Besorgnis und Kritik hervor.

Steinmeier: "Im Augenblick zählt jede Stunde"

Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte an die Generäle, so schnell wie möglich die dringend benötigte Hilfe ins Land zu lassen. Mit "großem Unverständnis" nehme sie zur Kenntnis, dass die Einreise von Hilfsorganisationen blockiert und damit die Situation für die notleidenden Menschen erschwert werde, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg.

Merkel sei für eine Sitzung des Uno-Sicherheitsrats zu "Nargis" und den Folgen des Sturms. Mit der Situation, dass die Regierung keine ausländischen Helfer ins Land lasse, "kann sich die internationale Staatengemeinschaft nicht einfach abfinden", sagte Steg.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier rief die Junta auf, die Grenzen zu öffnen und Hilfsorganisationen ins Land zu lassen. Zum Beispiel das Deutsche Rote Kreuz und das Technische Hilfswerk könnten längst helfen, wenn Visa erteilt wären. "Im Augenblick zählt jede Stunde", sagte Steinmeier.

Der Uno-Koordinator für humanitäre Aktionen, John Holmes, sagte der französischen Zeitung "Le Monde", er wisse nicht, warum die Behörden ausländischen Helfern und Organisationen den Zugang zur notleidenden Bevölkerung verhindere. "Ich verliere die Geduld", zitierte die Zeitung Holmes.

Australiens Premier Kevin Rudd sagte, das burmesische Regime verhalte sich "einfach abscheulich". Er rief Burmas Nachbarn und Verbündeten China auf, den Druck auf das Regime zu erhöhen.

Ob Druck auf die Militärs allerdings helfen würde, scheint mehr als fraglich: "Ich glaube, auch wenn wir ihnen jetzt eins über den Schädel geben, macht das die Sache nicht besser", sagte Uno-Nothilfe-Koordinator Holmes. "Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten."

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR will am Samstag einen Landtransport mit 22 Tonnen Hilfsmaterial auf den Weg in die Katastrophenregion um die Metropole Rangun schicken. Die Ladung, hauptsächlich Plastikplanen für temporäre Flüchtlingsbehausungen, steht schon an der thailändisch-burmesischen Grenze im Nordwesten Thailands bereit. "Wir haben eine Versicherung der burmesischen Regierung, dass unsere lokalen Helfer die Planen an die Bevölkerung verteilen können, und darauf verlassen wir uns", sagte UNHCR-Sprecherin Vivian Tan SPIEGEL ONLINE am Freitag an der Grenzbrücke zu Burma.

Jeder Tag kostet Menschenleben

Sie sagte, die Aktion sei seit mehreren Tagen eng mit der burmesischen Regierung abgestimmt. "Die Menschen brauchen diese Planen", sagte Tan. "Natürlich" könne das UNHCR aber nicht garantieren, "dass das Militär sie nicht auf dem Weg beschlagnahmt". Man wolle die Ladung am Samstagmittag den lokalen Mitarbeitern kurz hinter der Grenzbrücke übergeben. Allerdings wird der Transport der Hilfsgüter nach Rangun mindestens eine Woche dauern, schätzen UNHCR-Vertreter.

Die Lieferung wäre der erste größere Transport von Hilfsgütern über den Landweg nach Burma, der bisher weitgehend abgeriegelt ist. Bisher hatten alle anderen Hilfslieferungen nur über den Luftweg stattgefunden.

"Die Öffnung des Landwegs wäre für die Menschen in Burma ein extrem wichtiges Zeichen", sagte die UNHCR-Sprecherin. Ganz sicher ist der Transport allerdings nicht. "Wir werden die ganze Nacht beraten und am Morgen sehen, wie die Lage ist."

Die Planungen des UNHCR demonstrieren die Hilflosigkeit der internationalen Helfer, die an der Sturheit der burmesischen Regierung verzweifeln. Jeder Tag kostet Menschenleben.

pad/taf/sv/cko/anr/jdl/dpa/AP/AFP/Reuters



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