Katastrophe in Haiti Erdbebenopfer hungern und verzweifeln

Viel zu langsam werden Lebensmittel an die Erdbebenopfer in Haiti ausgeliefert, die Verzweiflung der Menschen wächst stündlich, so wie ihr Hunger und Durst. Unter logistischen Gesichtspunkten ist es die schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Vereinten Nationen.

REUTERS

Aus Port-au-Prince berichtet


Port-au-Prince - Wenn Jean-Francois Roosevelt seine weiße Baseballkappe zur Seite legt, die Hände gefaltet in den Schoß fallen lässt und aus dem Flugzeugfenster schaut, wirkt der 45-Jährige wie in ein Gebet versunken. In ein Gebet für sein Land - und für seine Familie.

Ein paar tausend Meter unter ihm liegt Haiti. Vor fünf Jahren ist Roosevelt nach Miami in die USA gezogen und jetzt sitzt er in einer Maschine, die ihn von Santo Domingo in der Dominikanischen Republik in seine Heimat bringen soll. Zu seinem Vater, 80, und zu drei seiner Geschwister.

Von hier oben sieht Roosevelt die Gipfel der Sierra de Neiba, ein paar harmlose Wolken ziehen über die Berge, irgendwann taucht der Atlantik auf, die Sonne steht schon tief über der Küste: Eine Szenerie für Karibik-Klischees - aber im Kopf hat Jean-Francois Roosevelt ganz andere Bilder.

Als am Dienstag die Erde in Haiti bebte, klingelte wenig später das Telefon. "Hast Du von dem Beben gehört?", fragte seine Schwester aus Boston. Roosevelt schaltete seinen Fernseher ein. CNN. Er hat in der Nacht kein Auge mehr zugetan. "So etwas Schlimmes habe ich noch nie gesehen", sagt Roosevelt.

Dazu quälende Fragen: Wie geht es dem Vater? Wie der Schwester und den beiden Brüdern, die wie der Vater in einem Dorf nordöstlich von der Hauptstadt Port-au-Prince leben. Dort wütete das Erdbeben besonders stark.

Roosevelt konnte noch keine Verbindung zu seinen Verwandten herstellen. Die einzig vage Information, die er über Facebook von einem Freund aus seinem Heimatort bekam: Sein Vater soll überlebt haben. "Ich mache mich sofort auf dem Weg zu ihm, egal wie", sagt Roosevelt - selbst wenn es zu Fuß wäre.

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Tausende Menschen sind auf den Straßen Haitis unterwegs. Sie quetschen sich in Port-au-Prince auf vollbeladene Pick-ups, fahren zu dritt oder viert auf Mopeds, stehen mit leeren Kanistern in langen Schlangen vor Tankstellen. Aber Benzin ist knapp, nur wenige haben Glück. Ein Uno-Konvoi mit Wasserlieferungen fährt durch die Straßen, Soldaten mit Maschinengewehren sichern den Transport.

Nach Angaben einer Uno-Sprecherin handelte es sich um die unter logistischen Gesichtspunkten schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Vereinten Nationen. Die Infrastruktur des Landes ist schwer beschädigt und die bei der Verteilung der Hilfsgüter federführenden Vereinten Nationen selbst schwer getroffen. Bei dem Beben kam die gesamte Spitze der Uno-Mission in Haiti um: Missionschef Hédi Annabi, sein Stellvertreter Luiz Carlos da Costa, der Uno-Polizeichef in Haiti, Doug Coates. Ihre Leichen wurden inzwischen in den Trümmern entdeckt.

Es ist ein merkwürdiges Treiben in dieser Stadt, ein endloses Gewusel, hupende Autos auf staubigen Straßen. An manchen Ecken versuchen die Menschen inzwischen wieder, ein Stück Alltag in das Chaos zu bringen. Haben Stände aufgebaut, an denen es Bananen oder Äpfel zu kaufen gibt. Selbst einer von Dutzenden Schönheitssalons ist geöffnet. Aber wer braucht jetzt schon frisch lackierte Fingernägel, wenn in den Trümmerbergen nebenan mit Eisenstangen nach Überlebenden gegraben wird?

Immer mehr Menschen tragen inzwischen Atemschutzmasken oder haben sich Tücher vor Mund und Nase gebunden. Gegen den beißenden Gestank und aus Sorge vor Krankheitserregern. Es riecht nach Urin, nach Exkrementen und nach Tod. Und noch immer liegen Leichen auf den Straßen, manche notdürftig mit Stofffetzen bedeckt, unter denen die Füße herausragen. Andere einfach halbnackt zwischen Geröll, Dreck und Bergen aus Müll.

Der Lebensmittelladen "The Caribbean" ist wie so viele Gebäude nur noch eine Trümmerwüste. Das Geschäft einer libanesischen Familie stürzte unter der Kraft des Bebens vollständig ein und begrub mehrere Menschen unter sich. Am Freitag konnten Helfer sieben von ihnen lebend aus dem Inferno bergen. Philippinische Uno-Soldaten sichern das Gelände mit Maschinengewehren - gegen mögliche Plünderer.

Parks werden zu Sammellagern

Die Versorgung ist auch mehrere Tage nach dem Beben noch immer schwierig. "Wir brauchen Lebensmittel", steht auf Tüchern, die Haitianer in einem provisorischen Zeltlager aufgehängt haben. Wer hier ausharren muss, dem ist nicht mehr viel geblieben. Parks und früher als Fußballfelder genutzte Flächen sind zu Sammellagern für viele Erdbebenopfer geworden. Dort sitzen oder liegen sie, schauen still vor sich hin. Warten, dass es endlich etwas zu essen gibt. Dass es besser wird am nächsten Tag.

Die Hilfsorganisationen bemühen sich um rasche Unterstützung der Erdbebenopfer. "Program Strategy" haben sie bei den "Christian Relief Services" auf ein Papier an der Wand geschrieben und dazu: "10.000 Nahrungsmittelpakete, Wasser, Decken". Doch die Hilfslieferungen kommen noch immer nicht bei den Menschen an.

Mehr Elend als in diesem Land gibt es in der westlichen Hemisphäre nicht, das war schon vor dem Beben so. Korruption, Gewalt und Armut, das ist seit Jahrzehnten der bittere Dreiklang des Karibikstaats. Das Erdbeben vom Dienstag hat das Land noch weiter zurückgeworfen.

Der 23-Jährige Minel Lofficial sagt es so: "Es wird Jahre dauern, bis wir wieder dort sind, wo wir vor dem Beben waren."

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