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06. April 2009, 11:26 Uhr

Katastrophe in Italien

Angehörige graben mit bloßen Händen nach Erdbebenopfern

Jede Minute zählt: Im mittelitalienischen Erdbebengebiet werden noch viele Menschen in zerstörten Häusern vermisst, Angehörige tragen Schutt mit den Händen ab. Bisher wurden mindestens 50 Tote geborgen, Tausende sollen obdachlos sein - ein Experte hatte vor dem Beben gewarnt.

Rom - Entsetzen in Mittelitalien: Bei dem verheerenden Erdbeben sind laut Innenminister Roberto Maroni mindestens 50 Menschen ums Leben gekommen. Je nach Messung hatte das Beben eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richterskala. Die Carabinieri teilten in einer ersten Bilanz mit, allein in dem Ort Castelnuovo, in dem Dutzende Häuser und eine Kirche einstürzten, seien fünf Menschen gestorben. Bewohner versuchten oft mit bloßen Händen, Überlebende aus dem Schutt zu befreien.

Die Rettungsmannschaften hätten nicht schneller zur Stelle sein können, sagte Minister Maroni: "Schon eine Viertelstunde nach dem Beben waren sie auf dem Weg." Italienischen Medien zufolge sind unter den Toten auch fünf Kinder. Sie sollen im Hospital von L'Aquila ihren schweren Verletzungen erlegen sein. Im nahegelegenen Fossa starben laut Fernsehsender SkyTG24 eine ältere Frau und ein kleines Mädchen. Luca Spoletini, Sprecher des Zivilschutzes, erklärte, die Situation sei "extrem kritisch".

Der Zeitung "Corriere della Sera" zufolge wurde das Hotel "Duca degli Abruzzi" komplett zerstört. Notärzte, Feuerwehr und Zivilschutz seien vor Ort, um nach Überlebenden zu suchen. Dutzende Menschen würden noch vermisst. Allein in L'Aquila ist unter anderem ein vierstöckiges Haus eingestürzt. Unter den Trümmern könnten sich 15 bis 20 Menschen befinden. Durch Nachbeben stürzten weitere zuvor bereits beschädigte Häuser ein.

Am stärksten betroffen ist die 70.000-Einwohner-Stadt L'Aquila in Mittelitalien. Die Kuppel einer Kirche im Zentrum von L'Aquila stürzte ein, die Kathedrale wurde beschädigt. Ganze Wohnblocks klappten zusammen wie Kartenhäuser. "Mir ist das Haus über dem Kopf eingestürzt. Wir sind gerade noch rausgekommen", berichtet Vittorio Perfetto auf der Internetseite der römischen Zeitung "La Repubblica".

Guido Mariani, 23, erzählt: "Ich war drei Stunden unter den Trümmern begraben. Erst dann kamen die Helfer." Ganze Straßen in L'Aquila wurden erst viele Stunden nach dem Beben von den Hilfskräften erreicht. Besonders kritisch ist die Situation in den Straßenzügen zwischen der Via XX Settembre und dem Campo Di Fossa. Hier werden noch viele Opfern unter den Trümmern eines fünfstöckigen Hauses vermutet.

Karte von Mittelitalien: Das Epizentrum lag rund 85 Kilometer nordöstlich von Rom
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Karte von Mittelitalien: Das Epizentrum lag rund 85 Kilometer nordöstlich von Rom

Vor dem Krankenhaus der Stadt warteten hunderte weinende und unter Schock stehende Menschen auf ärztliche Behandlung. Die Universitätsklinik der Stadt wurde wegen Einsturzgefahr gesperrt. Auch vor anderen Krankenhäusern mussten Verletzte unter freiem Himmel behandelt werden, die Notaufnahmen waren überfüllt. Laut Nachrichtenagentur Ansa ist ein Feldlazarett auf dem Weg nach L'Aquila. Die am schwersten Verletzten wurden per Hubschrauber in benachbarte Krankenhäuser transportiert.

Die Autobahn zwischen L'Aquila und Rom wurde teilweise geschlossen, für Lkw sogar ganz. Auf der Fahrbahn liegen große Geröllbrocken. In der Stadt laufen Überlebende, in Decken gehüllt, wie in Trance durch die Straßen, campieren auf den Plätzen, vor den Supermärkten.

Das Ausmaß der Katastrophe wird offenbar erst schrittweise deutlich: Am frühen Montagmorgen teilte der italienische Zivilschutz mit, das Beben habe Tausende Gebäude beschädigt und Tausende Menschen obdachlos gemacht. Laut Nachrichtenagentur Ansa werden in San Demetrio dei Vestini acht Menschen vermisst. "Es ist die schlimmste Katastrophe seit Beginn des Jahrtausends", sagte Guido Bertolaso, Leiter des Zivilschutzes.

Das Dach eines Studentenwohnheims in L'Aquila soll eingestürzt sein. Ein Student konnte lebend geborgen werden, sieben weitere werden noch vermisst. Die Kuppel einer Kirche im Stadtzentrum sei eingestürzt, auch die Kathedrale sei schwer beschädigt worden. Der Leiter des Zivilschutzes vor Ort, Agostino Miozzo, warnte die Bevölkerung, sich in der Nähe beschädigter Gebäude aufzuhalten, da es zu Nachbeben kommen könne.

"Wir sind aus der Wohnung gerannt"

Bereits während des Bebens waren Tausende aus dem Schlaf aufgeschreckte Menschen in Panik auf die Straße gelaufen. Den Bewohnern der Region wurde geraten, sich in großen Stadien zu sammeln, viele Menschen kommen der Aufforderung aber nicht nach - offenbar aus Angst vor Nachbeben.

Mit einer Stärke von mindestens 5,8 auf der Richterskala hatte das Beben um 3.32 Uhr die Region um die Stadt L'Aquila rund 90 Kilometer nördöstlich von Rom erschüttert. Das Beben dauerte nur 30 Sekunden, ereignete sich aber Geologen zufolge in zehn Kilometern Tiefe, der Zivilschutz sprach sogar nur von fünf Kilometern Tiefe. Augenzeugen zufolge war das Beben "laut wie eine Bombenexplosion".

In der gesamten Region fielen Strom und Telefon weitläufig aus. An vielen Häusern zeigten sich größere Risse. Der Zivilschutz sprach von insgesamt 10.000 bis 15.000 beschädigten Häusern. "Das heißt, dass wir uns in den nächsten Wochen um tausende Menschen kümmern müssen", sagte Agostino Miozzo vom Zivilschutz dem Sender Sky Italia.

"Wir sind beim ersten Zittern aus der Wohnung gerannt", berichtet Antonio D'Ostilio. Mit einem riesigen Koffer voll hastig zusammengepackter Kleidungsstücke steht der 22-Jährige etwas ratlos auf den Straßen der mittelalterlichen Stadt. "Wir wurden plötzlich aus dem Schlaf gerissen und rannten in den Schlafanzügen auf die Straße." Ganz in der Nähe hätten die Feuerwehrleute eine Überlebende aus den Trümmern eines vierstöckigen Gebäudes gezogen.

Wurden Warnungen ignoriert?

Das Erdbeben war das letzte und stärkste einer ganzen Reihe von Erdstößen, die am Sonntag und Montag um L'Aquila gemessen wurden. Das Epizentrum habe vermutlich rund 85 Kilometer nordöstlich von Rom gelegen, teilte das US-Institut Geological Survey mit. Das Institut hatte die Stärke zunächst mit 6,7 angegeben, sie dann aber auf 6,3 verringert.

In vielen Teilen Mittelitaliens waren die Erdstöße zu spüren. Auch in der Hauptstadt Rom, die nur selten von Erdstößen heimgesucht wird, wurden Bewohner aus dem Schlaf gerissen. Am Sonntag um 22 Uhr ereignete sich in der Region Emilia-Romagna im Norden des Landes ein erstes Beben. Es war nach Angaben von Ansa auch im nordöstlichen Triest und an der weiter südlich gelegenen Adriaküste zu spüren und hatte eine Stärke von 4,6.

In den vergangenen Wochen waren mehrere kleine Beben in den Abruzzen gemessen worden. Am Freitag hatte der Erdbebenforscher Giampaolo Giuliani von einem starken Beben in L'Aquila und Umgebung gewarnt. Der Wissenschaftler hatte laut Informationen von Radio NDR Info versucht, aufgrund der Emission von Radongas-Emissionen Beben vorherzusagen. Seine Warnung hatte eine Panik ausgelöst.

Zivilschutzleiter Miozzo wies Vorwürfe zurück: Die Einschätzung des Mannes sei "nicht wissenschaftlich fundiert gewesen", sagte er. "Leider sind solche Vorkommnisse immer noch nicht voraussehbar", so Miozzo. Allerdings hatten sich in den vergangenen sechs Jahren laut Deutschlandradio alle von Giuliani prognostizierten Beben pünktlich eingestellt - auch das katastrophale Beben 2002 in Apulien.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi sagte wegen des Unglücks eine nach Russland geplante Reise ab und begab sich auf den Weg ins Katastrophengebiet. Den Opfern sagte er unbürokratische Hilfe zu. Über die Region verhängte er den Ausnahmezustand.

In der Region hat das Erdbeben bereits eine Debatte über den schlechten Zustand der Häuser ausgelöst. Viele Bürger werfen ihren Vermietern vor, zu wenig in die Gebäude investiert zu haben. Es war das schwerste Erdbeben in Italien seit 2002. Damals waren beim Einsturz einer Schule im Süden des Apennin 30 Kinder getötet worden.

Italien lehnt Hilfe aus dem Ausland ab

In Mittelitalien muss nach Expertenangaben im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke sechs und mehr gerechnet werden. "Grund ist - vereinfacht gesagt - der Druck Afrikas auf den europäischen Kontinent", erläuterte der Direktor der Sektion Erdbebenrisiko und -frühwarnung am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam, Jochen Zschau. Das verheerendste Erdbeben in der Region mit rund 29.000 Todesopfern ereignete sich laut Zschau im Jahr 1915, es hatte historischen Angaben zufolge eine Stärke von 7,5.

Aus aller Welt sind zahlreiche Hilfsangebote eingegangen. Unter anderem aus Deutschland, Russland, Frankreich, Griechenland und der Europäischen Union gebe es Hilfsangebote, sagte Agostino Miozzo vom italienischen Zivilschutz. Nach einer ersten Einschätzung der Lage brauche Italien jedoch keine Unterstützung aus dem Ausland. Papst Benedikt XVI. drückte seine tiefe Anteilnahme aus. Er bete vor allem für die toten Kinder und ermutige die Helfer.

ala/wal/dpa/AFP/Reuters

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