Katastrophe in Südasien Pakistan versinkt in der Monsunflut

Es ist die schwerste Flutkatastrophe seit 80 Jahren: Nach tagelangem Monsun sind mehr als 1300 Menschen in Pakistan ums Leben gekommen, inzwischen haben die Behörden in Teilen des Landes den Notstand ausgerufen - und es drohen weitere Regenfälle.

Von , Islamabad


Mian Iftikhar Hussain erlebt die schlimmsten Tage seines Lebens. Er hat dunkle Ringe unter den Augen, als er vor die Journalisten tritt und erklärt, er gehe davon aus, dass allein im nordwestpakistanischen Khyber-Pakhtunkhwa rund 700 Menschen in den Fluten umgekommen seien.

Hussain ist der Informationsminister der Provinz. Vergangene Woche erst haben Terroristen seinen 27-jährigen Sohn erschossen, ein paar Tage später sprengte sich ein Selbstmordattentäter vor seinem Haus in die Luft, als die Familie um den Ermordeten trauerte, und riss acht Menschen in den Tod. Die Extremisten hassen Hussain, weil er den Taliban den Kampf angesagt hat.

Mitten in dieser für ihn furchtbaren Zeit erreicht den Politiker nun die Nachricht, dass die Wasserpegel in den Flüssen weiter gestiegen sind und dass keine Provinz so stark von den Fluten betroffen ist wie Khyber-Phaktunkhwa. Die Wassermassen verwüsten die ohnehin unterentwickelte Region.

Tagelang geregnet

Tagelang hat es geregnet, zu dieser Jahreszeit in Südasien zunächst nichts Unübliches - es ist Monsunzeit, die Menschen auf dem Subkontinent erwarten den Regen mit Freude, er bringt Abkühlung im unerträglich heißen Sommer und Hoffnung auf eine gute Ernte.

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Überschwemmung: Land unter in Pakistan
Doch diesmal will der Regen einfach nicht aufhören. Es gießt in Strömen. In vielen Dörfern und Städten steigt das Wasser in den Straßen. Selbst dort, wo es Kanalisationen gibt, fließt es nicht mehr ab. Die Wassermassen sind zu gewaltig - und das in einem Land, in dem Trinkwasser knapp ist.

Die Lage ist chaotisch. Es gibt kein Durchkommen mehr, Autos versinken in den Straßen, die Menschen verlassen ihre Häuser, in die ebenfalls Wasser dringt, und bringen sich in Sicherheit. "In meiner Straße stand das Wasser brusthoch", sagt Arshad Javed, der in einem Armenviertel in Islamabad lebt.

Minütlich steigt die Zahl der Opfer

Inzwischen sind Hunderte Brücken von der Strömung weggerissen worden, Tausende Häuser eingestürzt und Bäume sowie Strommasten umgeknickt. Berichten zufolge wurden mehr als 20.000 Gebäude in allen Teilen des Landes weggespült.

Fast minütlich steigt die Zahl der von den Katastrophenschützern gemeldeten Todesopfer. Derzeit heißt es, mehr als 1300 Menschen seien tot. Ertrunken in den Wassermassen, erschlagen von Bäumen und Gebäudeteilen, begraben in ihren einstürzenden Häusern. Mehrere Pakistanis sollen auch vom Blitz getroffen worden sein. Schon jetzt steht fest: Eine solch schwere Flutkatastrophe hat es in diesem Teil der Welt seit 80 Jahren nicht mehr gegeben.

"Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Todesopfer noch steigen wird", sagt ein Armeesprecher SPIEGEL ONLINE. "Unsere Kräfte sind im ganzen Land im Einsatz und versuchen, Menschen aus Regionen zu befreien, die von der Außenwelt abgeschnitten sind." Das Militär habe Hilfsanfragen aus den Provinzen Khyber-Phaktunkhwa, Punjab, Sindh und Belutschistan erhalten.

Krankheiten breiten sich aus

In den besonders stark betroffenen Gebieten seien Camps eröffnet worden, um die Menschen mit Medikamenten und Lebensmitteln zu versorgen. Es bestehe die Gefahr, dass sich Seuchen ausbreiten. Aus einigen Gegenden sei das bereits gemeldet worden, so der Sprecher.

Fernsehbilder zeigen das verheerende Ausmaß der Katastrophe: Ganze Dörfer sind in schlammig-braunen Fluten verschwunden, manche Gegenden weiträumig von Wasser umgeben. Nach Angaben der Uno sind allein im Norden Pakistans rund 27.000 Menschen in solchen Gebieten von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass insgesamt mehr als eine Million Menschen ihre Häuser gegen die Wassermassen schützen oder ihre Unterkünfte sogar verlassen müssen, weil sie in den Fluten unterzugehen drohen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat dem Land weitere Hilfen zugesagt. Er zeigte sich "tief betrübt" über die hohe Zahl der Toten und das Ausmaß der Zerstörung. Der pakistanische Katastrophenschutz meldete am Montag sogar 2,5 Millionen Menschen, die von der Flut betroffen seien.

Besonders stark verwüstet sind ausgerechnet das Swat-Tal und Malakand, Gebiete, die von den Taliban eingenommen worden und in einer blutigen Militäroffensive ab Frühjahr 2009 von den Extremisten befreit worden waren. Journalisten vor Ort berichten von mehreren verschwundenen Dörfern und von "Tausenden von Familien, die auf den Dächern ihrer Häuser hocken und auf Hilfe warten".

"Eine Menge Zerstörung"

"Wir haben in den vergangenen drei Jahren, in der Taliban-Zeit, eine Menge Zerstörung gesehen. Aber die Zerstörung, die wir in den vergangenen drei Tagen erlebt haben, ist viel größer", sagt ein Bewohner des Dorfes Imam Dheri einem Reporter der Nachrichtenagentur Associated Press. Ein anderer Mann berichtet, er habe jahrelang gespart, um einen kleinen Lebensmittelladen zu eröffnen. "In nur ein paar Minuten ist er einfach weggespült worden." Ein Verkäufer schimpfte, er warte schon seit vier Tagen auf Hilfe. Viele Menschen äußerten auch Unverständnis und Ärger darüber, dass niemand sie vor den herannahenden Wassermassen gewarnt habe.

In mehreren Orten spielten sich dramatische Szenen vor Hubschraubern ab, die dort landeten, um Betroffene in Sicherheit zu bringen: Menschen prügelten sich darum, als erste ausgeflogen zu werden. Ebenso drängelten sich Massen um Hilfsgüter. Berichten zufolge werden die Lebensmittel in mehreren Gebieten knapp.

"Was wir tun, ist noch viel zu wenig. So viele Gebiete brauchen Hilfe. Und dabei sind schon überall Kräfte im Einsatz", sagt ein Soldat. Es gebe Regionen, die wegen der Wassermassen und der starken Bewölkung nicht zu erreichen seien.

Weiterer Regen

Pakistans Premierminister Yousuf Raza Gilani erklärt, die Regierung werde "alles tun, um den Menschen in den Flutgebieten zu helfen". Die Europäische Union stellte 30 Millionen Euro Soforthilfe für Pakistan bereit, auch die Bundesregierung sagte 500.000 Euro zu. Die USA halfen mit zehn Millionen Dollar und stellten Rettungsboote, Filter zur Trinkwasseraufbereitung und abgepackte Lebensmittelrationen zur Verfügung, die die pakistanische Armee aus Hubschraubern abwarf.

Berichten zufolge stellten auch radikalislamische Verbände Hilfspläne auf und verteilten Lebensmittel im ganzen Land. So seien Helfer, denen Verbindungen zur verbotenen Terrororganisation Lashkar-i-Toiba nachgesagt werden, im Nordwesten Pakistans unterwegs.

Die Provinz Punjab, deren Name "Fünfstromland" bedeutet, meldet am Montag, dass die Pegel der Indus-Zuflüsse dramatisch steigen werden. Experten seien dabei, Möglichkeiten zu suchen, das Wasser unter Kontrolle zu bekommen. Es dürfte schwierig werden.

Für die kommenden Tage sind wieder schwere Regenfälle angekündigt.



insgesamt 5 Beiträge
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bingo` 02.08.2010
1. Stausee durch Erdrutsch
In Pakistan ist doch im Januar ein riesiger Stausee durch einen Erdrutsch entstanden. Ich weiß zwar, dass es dort mittlerweile einen kleinen Überlauf gibt, um den Druck weg zu nehmen, aber spannt sich die Lage durch die massiven Regenfälle nicht wieder an?
keyoz 02.08.2010
2. luftunterstützung
wie so oft ereignete sich die katastrophe in einem schwer zugänglichem gebiet. der pakistanischen armee dürfte es an ausreichendem landegerät wie hubschraubern fehlen. löblich, dass die internationale hilfe relativ schnell anläuft, angesichts der zerstörten infrastruktur ist es jedoch fraglich, wie schnell die hilfsgüter auch im krisengebiet ankommen werden.
Noctim 02.08.2010
3. Tja
jetzt wäre doch DIE Gelegenheit für westliche Staaten, sich ein bisschen guten Ruf zu erarbeiten und bei der Rettung / beim Aufbau zu helfen. Die Taliban würden bestimmt blöd gucken...
snickerman 02.08.2010
4. wie wahr!
Zitat von Noctimjetzt wäre doch DIE Gelegenheit für westliche Staaten, sich ein bisschen guten Ruf zu erarbeiten und bei der Rettung / beim Aufbau zu helfen. Die Taliban würden bestimmt blöd gucken...
Die wollen sich nun nämlich auch als Helfer zeigen und Lebensmittel verteilen... Wie unbedeutend erscheinen auf einmal selbst die unüberwindlichsten ideologischen Barrieren, wenn den Menschen buchstäblich das Wasser bis zum Hals steht.
thana 02.08.2010
5.
Steht da wirklich 500.000 Euro oder ist das ein Tippfehler? Das wäre ja ein ausgesprochener Witz. Warum nicht die gelangweilten deutschen Resttruppen (die nicht in Afghanistan sind) hinschicken zum helfen? Oder die aus Afghanistan mal zum Nachbarn schicken, damit sie mal wirklich Aufbauarbeit leisten. Oder freiwillige Hartz4 Bezieher zum Helfen ausfliegen, würde ich sofort machen. 500.000 Alibieuro. Lächerlich.
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