Katastrophe in Südostasien Gigantische Flutwellen reißen Tausende in den Tod

Das schwerste Erdbeben seit 40 Jahren hat im Indischen Ozean gigantische Flutwellen ausgelöst. Tausende Kilometer Küste in zehn Länder Südostasiens wurden von tödlichen Wassermassen überschwemmt. Vorläufige Schreckensbilanz des Desasters: mehr als 11.000 Tote.


Bewohner der Phi-Phi-Inseln transportieren einen Verletzten
DPA

Bewohner der Phi-Phi-Inseln transportieren einen Verletzten

Colombo - Nach dem schlimmsten Beben seit vier Jahrzehnten vor der Küste der indonesischen Insel Sumatra stieg die Zahl der gemeldeten Todesopfer am heutigen Sonntag fast stündlich: Zuletzt wurden aus Südostasien über 11.000 Tote und mehrere tausend Verletzte gemeldet.

Das erste Beben unter dem Meeresboden vor der Nordwestküste Sumatras hatte nach seismologischen Messungen eine Stärke von 8,9 der Richter-Skala und war damit das gewaltigste seit 1964 sowie das fünftschwerste seit 1900. Wie Seismologen dem britischen Fernsehsender BBC erklärten, hatte sich der Meeresgrund während der Erdstöße vermutlich auf einer Länge von 1000 Kilometern um 10 bis 30 Meter nach oben bewegt. Dabei müssen riesige Wassermassen verdrängt und bewegt worden sein. Die Wissenschaftler sprachen von einer Katastrophe historischen Ausmaßes, die man nicht habe vorhersehen können.

Anwohner und Touristen hatten keine Chance

Das ganze Ausmaß des Desasters zeigte sich allerdings erst Tausende Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt. Die von der Erdplattenverschiebung ausgelöste Monsterwelle, ein so genanntes Tsunami, wurde um so stärker, je weiter sie sich vom Epizentrum des Bebens entfernte. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 500 Stundenkilometern raste die Welle auf die Strände zu und türmte sich in Küstennähe zu einem bis zu zehn Meter hohen Wellenberg auf. Viele Bewohner der Küstenregionen sowie Fischer und Touristen hatten keine Chance.

Fotostrecke

9  Bilder
Katastrophe in Südostasien: Schwerstes Erdbeben seit 40 Jahren

Nach einer zweiten Erschütterung der Stärke 7,3 nahe den indischen Andaman- und Nicobar-Inseln im Golf von Bengalen weitete sich die Katastrophe bis nach Sri Lanka und Südindien aus. Neben diesen Ländern meldeten auch Indonesien, Malaysia, Thailand und Bangladesch Todesopfer.

Die Hauptinsel der Malediven, Male, stand zu zwei Dritteln unter Wasser. In Singapur waren noch schwere Erderschütterungen zu spüren. Vielerorts wurden Menschen von den haushohen Flutwellen ins Meer gespült und galten zunächst als vermisst.

Allein in Sri Lanka starben rund 3000 Menschen. In den Bezirken Muttur und Trincomalee waren die Krankenhäuser nicht mehr in der Lage, Verletzte aufzunehmen. Im Süden Indiens verloren nach Regierungsangaben etwa 1900 Menschen ihr Leben, fast 1600 allein im Unionsstaat Tamil Nadu. In dessen Hauptstadt Madras und an den Stränden von Nachbarstädten wurden hunderte Leichen angeschwemmt.

Dem Zentrum des ersten Erdstoßes am nächsten lag die indonesische Provinz Aceh, wo nach Angaben der örtlichen Behörden etwa 1400 Menschen ums Leben kamen. Aceh ist seit Jahren Schauplatz eines Bürgerkriegs zwischen der Unabhängigkeitsbewegung und der Regierung in Jakarta. Insgesamt wurden aus Indonesien rund 2000 Todesopfer gemeldet.

Angriff auf Thailand und Malaysia

Freiwiliige bergen eine Leiche in Madras
AP

Freiwiliige bergen eine Leiche in Madras

In Thailand brach die Flutwelle über mehrere Touristenregionen im Süden ein, wo tausende Ausländer ihren Weihnachtsurlaub verbrachten. Etwa 300 Menschen kamen nach Angaben der Regierung ums Leben, etwa 2500 wurden verletzt. Es wurde jedoch auch hier mit einem weiteren Ansteigen der Opferzahlen gerechnet.

Betroffen war auch die Ferieninsel Phuket. Menschen suchten dort auf Hausdächern Zuflucht vor den Wassermassen. Unter den zahlreichen Verletzten waren nach Angaben eines Kliniksprechers auch viele ausländische Touristen aus den Hotels an den beliebten Stränden Kamala und Patong, darunter mindestens ein Deutscher. Der Flugverkehr nach Phuket wurde eingestellt.

Zum Zeitpunkt der Flutwelle befanden sich Augenzeugen zufolge auch mindestens 30 Boote mit Touristen auf dem Meer. "Ich fürchte, dass eine sehr große Zahl von Ausländern auf See vermisst wird", sagte der Besitzer von zwei Ferienresorten auf der Insel Phi Phi, Chan Marongtaechar.

8000 deutsche Urlauber in der Region

Aus Malaysia wurden mehr als 40 Tote gemeldet, darunter auch mehrere ausländische Touristen. Hier brach die Flut mit fünf Meter hohen Wellen über die Ferieninsel Penang herein. In Bangladesch ertranken mindestens zwei Kinder, nachdem ein Boot mit Urlaubern in stürmischer See gekentert war.

Bild der Zerstörung auf der thailändischen Ferieninsel Phuket
AFP

Bild der Zerstörung auf der thailändischen Ferieninsel Phuket

In den überfluteten Katastrophenregionen am Indischen Ozean halten sich nach Angaben der großen Reiseveranstalter mehr als 8000 deutsche Urlauber auf. Gesicherte Informationen über Verletzte oder Tote unter ihnen liegen jedoch noch nicht vor.

Weltweites Entsetzen

Mit Bestürzung und spontanen Hilfsangeboten haben unterdessen Politiker und Hilfsorganisationen aus aller Welt auf die verheerende Flutwelle in Südostasien reagiert. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte den betroffenen Ländern die Unterstützung Deutschlands zu: "Mit großer Erschütterung habe ich von dem Seebeben erfahren, bei dem so viele Menschen ihr Leben verloren haben", teilte der Kanzler in seinem Beileidstelegramm an die Regierungschefs der betroffenen Länder mit. Er erklärte weiter: "Ich darf Ihnen versichern, dass Deutschland den leidgeprüften Menschen in dieser schweren Zeit zur Seite steht."

Auch Bundespräsident Horst Köhler übermittelte seine Anteilnahme. In einem Telegramm an die verschiedenen Staatsoberhäupter zeigte sich Köhler am Sonntag "tief betroffen" über die Nachrichten von der Naturkatastrophe und die große Zahl der Todesopfer.

Bundesaußenminister Joschka Fischer sprach ebenfalls den betroffenen Staaten sein Beileid aus. "Mit großem Entsetzen haben wir von dem Seebeben im Indischen Ozean erfahren", schrieb Fischer an die Außenminister von Sri Lanka, Indonesien, Indien, Thailand, Bangladesch, Malaysia und der Malediven. Deutschland sei "bereit, unseren Partnern bei der Bewältigung dieser schweren Krise Hilfe zu leisten", erklärte er.

Auch der französische Staatspräsident Jacques Chirac kondolierte. Der britische Außenminister Jack Straw nannte den Erdstoß tragisch, die Organisation der Hilfe sei angelaufen. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin sandte Kondolenzschreiben in die Region aus.

Erste Hilfemaßnahmen in der südindischen Küstenstadt Madras
REUTERS

Erste Hilfemaßnahmen in der südindischen Küstenstadt Madras

Die Europäische Union stellte eine Soforthilfe von drei Millionen Euro für die Opfer der Naturkatastrophe in Südostasien bereit. Dabei arbeite die EU mit dem Roten Kreuz und anderen Nichtregierungsorganisationen zusammen. Ferner kündigte die Regierung von Kuwait am Sonntag die Überweisung von einer Million Dollar (740.000 Euro) für die Opfer an. Das griechische Außenministerium teilte mit, ein Transporter der Luftwaffe stehe für Hilfslieferungen bereit.

Auch das Deutsche Rote Kreuz bot Hilfe an. Für den sofortigen Einsatz in der Katastrophenregion stünden Material und Personal für die Trinkwasseraufbereitung und ein Hilfskrankenhaus für bis zu 200 Patienten bereit. Das DRK rief auch zu Spenden für die Opfer auf. In Österreich riefen ferner Hilfsorganisationen wie Caritas und Volkshilfe zu Spenden auf.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.