Katastrophe von Köln "Ich habe meine Freundin ganz fest in den Armen gehalten"

Ein Mann steht in den Trümmern seiner Wohnung, nur einen Schritt vom Abgrund entfernt - und telefoniert. Das Foto von Heiko Wegner ist das Bild der Katastrophe von Köln. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erzählt der Student, wie knapp er dem Tod entging und wie er nun weiterlebt.


Köln - Der Student Heiko Wegner, 30, wohnte mit seiner Freundin Barbara im vierten Stock des Hauses, das direkt an das Stadtarchiv angrenzte und am vergangenen Dienstag teilweise einstürzte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wegner, wie geht es Ihnen?

Wegner: Den Umständen entsprechend. Ich habe ziemlich wenig geschlafen in den letzten Tagen, meist nur rund vier Stunden jede Nacht. Mir gehen so viele Sachen durch den Kopf. Das Adrenalin hält mich wach.

SPIEGEL ONLINE: Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Einsturzes?

Wegner: In der Küche. Meine Freundin war gerade erst aufgestanden, sie war krank. Es fing damit an, dass wir ein Rascheln gehört haben. Ich bin auf den Balkon gegangen, um nachzusehen, ob an unserem Dach gearbeitet wird, dort war aber niemand. Drinnen habe ich dann plötzlich einen großen Riss direkt über der Garderobe bemerkt. Da wurde mir klar, was los war. Ich habe nur noch meiner Freundin zugerufen: "Das Haus stürzt ein, wir müssen sofort hier raus!"

SPIEGEL ONLINE: Aber weit sind Sie erst mal nicht gekommen.

Wegner: Nein. Wir sind zwei Treppen runter, dort haben wir unsere Nachbarn getroffen, die auch gerade aus ihrer Wohnung flohen. Dann brach um uns herum schon alles zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie sich irgendwo in Deckung bringen?

Wegner: Nein. Wir haben uns einfach alle in eine Ecke des Treppenhauses gedrängt und gehofft, dass alles gut geht. Da war massenweise Schutt, die Trümmer sind direkt neben uns runtergefallen. Ich weiß nur noch, dass ich meine Freundin ganz fest in den Armen gehalten habe.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Treppenhaus hat gehalten?

Wegner: Ja, Gott sei Dank. Die Wände haben sich vom Treppenhaus weggebogen und sind dann ganz weggebrochen. Das Haus war auf einer Seite komplett offen. Irgendwann, ich weiß nicht, wie lange es dauerte, hat sich die Situation ein bisschen beruhigt. Wie nach einem Erdbeben.

SPIEGEL ONLINE: Und dann sind Sie noch mal zurück in die Wohnung. Warum?

Wegner: Weil meiner Freundin einfiel, dass wir den Herd angelassen hatten. Wir haben dann gemeinsam entschieden, noch einmal hochzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind dann also durch die Treppenhaus-Ruine wieder hoch in den vierten Stock?

Wegner: Wir hatten einfach Angst, dass etwas explodiert. Bestimmt fünf Minuten lang waren wir in der Wohnung. Meine Freundin hat in der Küche den Herd ausgemacht, und ich stand im Wohnzimmer. Dreiviertel des Raumes waren komplett weggebrochen, auch das Bett, in dem meine Freundin eine halbe Stunde zuvor noch gelegen hatte.

SPIEGEL ONLINE: Und dann haben Sie telefoniert. Mit wem?

Wegner: Mit meiner Mutter. Ich habe sie selbst angerufen, um ihr zu sagen, dass es mir gut geht.

SPIEGEL ONLINE: War Ihnen nicht klar, wie gefährlich das war?

Wegner: In dem Moment nicht, man kann da nicht klar denken. Aber wenn ich jetzt dieses Foto sehe, erschrecke ich schon. Der Feuerwehrchef hat ja später gesagt, er hätte niemanden, auch nicht den größten Profi, noch mal da hineingelassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie dann aus dem Haus gekommen?

Wegner: Wir wollten erst durch den Hauseingang raus. Aber der war schon verschüttet. Dann haben wir gehört, wie unsere Vermieter aus ihrer Wohnung im ersten Stock um Hilfe gerufen haben. Wir haben deren Tür eingetreten und sind alle zusammen durch das Wohnzimmerfenster im ersten Stock nach draußen geflüchtet.

SPIEGEL ONLINE: War das nicht ganz schön hoch?

Wegner: Theoretisch ja, bestimmt fünf Meter. Aber da lagen überall Trümmer, über die sind wir herunter geklettert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch irgendwelche Wertsachen aus Ihrer Wohnung retten können?

Wegner: Ach, an so was denkt man dann nicht. Wir wollten einfach nur heil rauskommen. Ich hatte nur mein Handy dabei und das was ich am Körper hatte, T-Shirt und Jeans. Die Sachen die ich jetzt anhabe sind alle geliehen, die Jacke trage ich schon die ganze Zeit seit dem Einsturz.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass man sich gut um Sie kümmert?

Wegner: Am Anfang ging's ein bisschen schleppend. Was ich in den ersten anderthalb Tagen gemacht habe, weiß ich auch gar nicht mehr so genau, das ging alles viel zu schnell. Ich konnte nicht richtig essen, hatte keinen Appetit. Die meiste Zeit habe ich wohl an den Absperrungen verbracht und im Gespräch mit Freunden. Das war so eine Art erste Gesprächstherapie. Ein Freund von mir ist direkt von Göttingen nach Köln gefahren, um uns zu helfen. Mich rufen sogar Leute an, mit denen ich früher zur Schule gegangen bin. Das hilft mir alles sehr.

SPIEGEL ONLINE: Wo wohnen Sie denn zurzeit?

Wegner: Noch bei Freunden ganz in der Nähe der Severinstraße, damit wir schnell vor Ort sein können, wenn etwas passiert. Wir wollen aber so bald wie möglich wieder in eine eigene Wohnung ziehen, um wieder ein Zuhause zu haben. Die Stadt hat uns schon zwei Wohnungen angeboten, die werden wir uns ansehen. Eine davon liegt auch hier in der Südstadt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen wirklich weiter hier in der Gegend leben?

Wegner: Wenn es nicht gerade die Severinstraße selbst ist, würden wir gerne hier wohnen bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es denn finanziell für Sie weiter?

Wegner: Das weiß ich noch nicht. Die 250 Euro, die ich am Anfang bekommen habe, sind schon lange weg, für Unterwäsche, ein neues Handyladegerät, Essen, und so weiter. Ich habe mir jetzt erst mal Geld von meinen Eltern geliehen. Versichert bin ich auch nicht wirklich. Ich hoffe wirklich, dass die Verantwortlichen da ihren Versprechungen nachkommen und uns unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Verlust schmerzt Sie besonders?

Wegner: Alle ideellen Dinge, Fotos, Tagebücher, persönliche Sachen. Das kann mir niemand ersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich überlegt, eine Auszeit zu nehmen und Urlaub zu machen?

Wegner: Nein, dafür gibt es hier noch zu viel zu organisieren. Wir wollen hier erst wieder eine feste Basis haben, das ist das Wichtigste. Sonst könnte ich mich gar nicht entspannen. Und außerdem stiege ich jetzt nicht in ein Flugzeug, da hätte ich zu viel Angst.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Ihnen jetzt, eine Woche nach dem Einsturz, die meisten Sorgen?

Wegner: Ich habe große Angst, dass ich noch in ein echtes Tief komme. Momentan gibt es noch so viel zu tun und zu organisieren, ich stehe total unter Strom. Ich habe noch nicht wirklich darüber nachdenken können, was mir passiert ist. Und ich habe Angst davor, zur Ruhe zu kommen.

Das Interview führte Lenz Jacobsen

insgesamt 387 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pnin, 07.03.2009
1.
Vielleicht überzeugt das ja endlich von der Notwendigkeit vollständiger Digitalisierung...
Robert B., 07.03.2009
2.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Offensichtlich nicht.
citrin, 07.03.2009
3.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Falsche Frage! Sie sollte lauten: Sollte eine überregionale Denkmalschutzbehörde einschreiten, wenn kurzsichtige, nach Prestige geifernde Stadtverantwortliche, sowie städtische Verkehrsgesellschaft deren Zerstörungswerk an Plätzen, Strassen und Stadtteilkultur in ganz Köln präsent ist, eine Vier-Kilometer-U-Bahn unter einer zweitausend Jahre alten Römerstrasse bauen, auf einem Grund, den sie nicht ausreichend nachgeprüft haben, deren Kostenveranschlagung von Anfang an betrügerisch war, nämlich von 600 Millionen über zwischenzeitlich 900 Millionen auf nun mehr als 1200 Millionen, und deren Nutzen mehr als fraglich ist.
Joachim Baum 07.03.2009
4.
Zitat von PninVielleicht überzeugt das ja endlich von der Notwendigkeit vollständiger Digitalisierung...
Das kann allenfalls auch nur eine Zwischenlösung sein, es sei denn, man entwickelt ein Digitalisierung- und Speicher-Prozedere, das auch noch zumindest bescheidene 100 Jahre "handling" garantiert. Die Vergangenheit zeigt, das es schon problematisch ist, dies für einen Zeitraum von 20 Jahre aufrecht zu erhalten, wenn überhaupt. Und ein ständiges Update in immer kürzeren Zeiträumen mit immer mehr Daten ist sicher nicht unproblematisch und lässt sich für die Zukunft nicht garantieren.
Boone 07.03.2009
5.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Ich würde mir weniger Gedanken um die Vergangenheit machen und mehr um die Zukunft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.