Katastrophe von Minneapolis Träger der Unglücksbrücke waren beschädigt

Stunden nach dem Einsturz einer achtspurigen Mississippi-Brücke ist das Ausmaß des Unglücks noch immer unklar: Bis zu 30 Menschen werden vermisst, vier Tote sind geborgen. Jetzt tauchen erste Berichte auf, wonach Schlamperei zu dem Desaster geführt hat.


Minneapolis - Ineinander verkeilte Fahrzeuge, Brocken von abgerissenem Asphalt und verdrehte Stahlträger: Die achtspurige Autobahnbrücke über den Mississippi bietet nach ihrem plötzlichen Einsturz ein Bild des Grauens. Verzweifelte Angehörige warten auf Nachricht von Vermissten, und viele der Autofahrer, die während des Unglücks auf der Schnellstraße Interstate 35W unterwegs waren, berichten von dramatischen Szenen.

Bei einer Pressekonferenz teilten die offiziellen Stellen am Morgen (Ortszeit) mit, dass bislang vier Todesopfer geborgen wurden. Zuvor hieß es, bis zu neun Menschen seien in den Tod gerissen worden. Ein Behörden-Sprecher sagte allerdings es sei noch immer unklar, wie viele Personen in die Tiefe gestürzt seien. 30 bis 50 Fahrzeuge liegen nach Angaben der US-Coastguard noch im Fluss. Die Zahl der Todesopfer könne sich entsprechende erhöhen, sagte der Sprecher.

Dabei hätte die Katastrophe vielleicht sogar verhindert werden können. Einem Bericht der "Star Tribune" zufolge war die Unglücksbrücke bereits 2005 als "strukturell fehlerhaft" eingestuft worden. Diese schlechte Bewertung habe sich in einer nationalen Brücken-Datei des US-Verkehrsministeriums befunden. Eine Sprecherin des Verkehrsministeriums des Bundesstaates Minnesota sagte dem Blatt: "Wir haben das zur Kenntnis genommen und sind sehr vertraut damit." Auch viele andere Brücken seien derart bewertet worden, sagte sie.

Wie die Zeitung meldete, sei die Einstufung durch eine komplexe Berechnung entstanden, die viele Faktoren einbezogen habe. Ein Ergebnis von 50 Prozent, welches die Unglücksbrücke erzielt habe, bedeute demnach, dass das Bauwerk ersetzt werden müsse. Auf einer Skala von null bis neun, wobei null "durchgefallen" heiße und neun "exzellent", habe der Oberbau der Brücke die Note vier, die Fahrbahn die Note 5 und der Unterbau die Note sechs erhalten.

Bereits 2001 hatte sich laut "Star Tribune" eine Forschungsgruppe der Universität von Minnesota mit der Beschaffenheit des Baus beschäftigt. Seinerzeit seien die Wissenschaftler zu dem Ergebnis gekommen, dass die Oberfläche der Brücke bislang zwar keine Ermüdungserscheinungen im Material aufgewiesen habe, dafür jedoch "zahlreiche ermüdete Stellen im Tragwerk". Dennoch hätten die Experten nicht empfohlen, die Brücke zu sanieren oder zu ersetzen.

Gestern Abend brach das achtspurige Bauwerk dann plötzlich zusammen: "Mein Pick-Up stürzte etwa drei oder vier Meter und landete auf dem Beton", sagte Lkw-Fahrer Aron Dahlgren der Zeitung "Pioneer Press". "Der Wagen überschlug sich und lag schließlich auf dem Dach. Ich hing noch im Sicherheitsgurt und mein Fenster war zersplittert. Ich hatte Schnitte an Armen und Beinen und wollte da nur raus. (…) Ich dachte mir nur, wie zur Hölle konnte das passieren?"

Auf zwei Spuren hatten die Autos vor dem Unglück Stoßstange an Stoßstange gestanden, wie die Polizistin Amelia Huffman sagte. Dabei war das übliche Verkehrsaufkommen auf dem Teil der Schnellstraße Interstate 35W erheblich reduziert - weil wegen Bauarbeiten nicht alle Spuren befahrbar waren.

Grollen und Zittern

Es habe ein Grollen und Zittern gegeben, dann sei die Brücke eingebrochen, berichteten Augenzeugen. Zahlreiche Fahrzeuge sackten auf riesigen Zementblöcken ins Wasser ab, darunter auch ein Schulbus mit 60 Kindern im Alter von acht bis zwölf Jahren. Polizeiangaben zufolge konnten sie alle in Sicherheit gebracht werden. Ein auf einem riesigen Trümmerstück gestrandeter Lastzug fing Feuer. Andere Fahrzeuge versanken im Wasser, nach Augenzeugenberichten wurden zahlreiche Menschen, darunter Frauen und Kinder, von Booten gerettet.

Mit Einbruch der Dunkelheit mussten die Helfer ihre Arbeit zunächst einstellen. "Es ist zu viel Schutt in dem Fluss, um weiterzusuchen", sagte der Feuerwehrchef von Minneapolis, Jim Clack, dem Nachrichtensender CNN. Es sei für die Männer zu gefährlich. Bei Sonnenaufgang werde die Suche sofort fortgesetzt. Allerdings hätten sich die Rettungsarbeiten inzwischen zu Bergungsarbeiten entwickelt, sagte Polizeichef Tim Dolan. Es sei damit zu rechnen, dass die Zahl der Opfer weiter steige. Über die Einsturzursache herrscht noch Unklarheit.

Der Gouverneur von Minnesota, Tim Pawlenty, betonte, die 1967 erbaute und 580 Meter lange Brücke sei in den Jahren 2005 und 2006 vom regionalen Verkehrsministerium überprüft worden. Dabei seien ein paar geringfügige Schäden registriert worden, aber keine grundlegenden Mängel. Die 40 Jahre alte Brücke hatte die Städte Minneapolis und St. Paul verbunden. Gouverneur Pawlenty bezeichnete das Unglück als "Katastrophe von historischem Ausmaß".

jdl/dpa/AP/AFP

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