Katastrophen-Quartette Böses Spielchen

Tschernobyl sticht Fukushima, Hitler sticht Stalin, geleckte Bohrinsel sticht havarierten Frachter. Quartette sind Kinderkram? Nicht unbedingt. Jörg Wagner und Jürgen Kittel entwerfen unter dem Titel "Geißeln der Menschheit" Spiele, die zynischer kaum sein könnten. Warum eigentlich?

Patrick Sun

"Daten vergleichen" ist eine der einfachsten Formen des Kartenspiels: Zwei Spieler treten mit den Werten ihrer Karten in Wettstreit, der mit den höheren Punktzahl gewinnt. Vor allem kleine Jungs lieben dieses Prinzip, lieben Quartettspiele. Da lernt man dann ganz nebenbei jede Menge nerdiges Spezialwissen: Motordaten der unerschwinglichsten Straßenboliden, Extreme und Rekorde, in Daten gegossene Merkmale der interessantesten Dinge der Welt. Und stets punktet der Superlativ. Normalerweise zumindest.

Anders sieht das bei den Spielen der Hamburger Firma Weltquartett aus. Seit 2008 sind sieben Spiele in einer Reihe erschienen, die "Geißeln der Menschheit" überschrieben ist. "Vor Spielbeginn", lautet der erste Satz der Spielregeln, "legen die Spieler fest, ob in der jeweiligen Kategorie der höhere oder niedrigere Wert sticht".

Klar, denn hier geht es nicht um Motoren oder Rekorde aus der Tierwelt, sondern um Tyrannen und Völkermörder, um Seuchen, Rauschgift, Ungeziefer, Atomkraftwerke oder im jüngst erschienenen, neuen Teil, um die schlimmsten Ölkatastrophen der Geschichte, verursacht durch Öltanker und Bohrinseln. Da sind Fragen an die Erfinder, wie man so etwas bewertet, wahrlich angebracht.

SPIEGEL ONLINE: Parasiten, Völkermörder und Umweltkatastrophen: Finden Sie wirklich, dass das die Inhalte sind, mit denen man spielen sollte?

Jörg Wagner: Themen wie Diktatoren oder Seuchen sollten nicht nur in Geschichts- oder Biologiebücher verbannt werden. Und mit ein bisschen Sinn für schwarzen Humor lernt man nicht nur etwas über Machthaber, Krankheitserreger oder Drogen, sondern hat auch noch einen gewissen Spaß dabei.

SPIEGEL ONLINE: Warum lassen Sie es offen, wie die Daten zu werten sind?

Jörg Wagner: Wir finden, es gibt schönere Dinge als Regeln und Vorschriften. Wir haben uns als Kinder beim Autoquartett auch nicht an die beigelegten Regeln gehalten, die besagt haben, dass immer der höhere Wert gewinnt, sondern haben gesagt, weniger Gewicht ist besser.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es zu der Idee gekommen? Sie sind ja eigentlich nicht im Kartenspiel-Geschäft...

Jürgen Kittel: Ja, wir kommen beide eher aus der Kurzfilmszene. Die Idee kam uns schon vor vielen Jahren, als wir eines Abends zum Spaß ein altes Panzerquartett ausgegraben und gespielt haben. Da haben wir gedacht, wenn schon Generationen von Kindern mit Panzerquartett groß geworden sind, warum nicht mal ein Quartett machen mit den Personen, die die Panzer kaufen und einsetzen? Nach Jahren haben wir diese "Schnapsidee" dann endlich in die Tat umgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland tut man sich ja oft schwer, ernste Themen mit Humor anzugehen. Was für Reaktionen bekommt man, wenn man Kartenspiele mit Hitler und Stalin, Tschernobyl und Fukushima, mit Krankheitserregern oder Ölpest-Teppichen vertreibt?

Jörg Wagner: Erstaunlicherweise fast durchweg positive. Aber vereinzelt gibt es natürlich auch Empörung von Leuten, die es geschmacklos finden, diese Themen im Kontext eines Spiels zu sehen. Und einmal hatten wir eine Beschwerde von einem Mitglied einer kommunistischen Gruppierung, das uns vorgeworfen hat, bürgerlich-reaktionäre Ideologie zu verbreiten, indem wir Stalin und Mao in eine Reihe mit Faschisten stellen.

SPIEGEL ONLINE: Kinderkram ist das ja nicht gerade. Wen soll das alles erreichen?

Jürgen Kittel: Die Spiele richten sich an erwachsene, denkfähige Menschen, die wenigstens ein Mindestmaß an Reflexionsvermögen besitzen.

SPIEGEL ONLINE: Mit zehn Euro pro Spiel sind Ihre Quartette eher teuer. Bei Amazon finden sich trotzdem drei Ihrer Spiele in den Top 20 der Quartette. Profitieren Sie mit "Tyrannen", "Seuchen" oder jetzt "Öltanker" von dem Elend, mit dem Sie spielen lassen?

Jörg Wagner: Nun gut, wir setzen uns mit existierenden Plagen thematisch auseinander. Insofern profitieren wir gewissermaßen auch davon. Allerdings auch nicht mehr oder weniger als z.B. Guido Knopp oder DER SPIEGEL.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie mir mal, warum ich meinem Schatz eine "Geißel der Menschheit" unter den Christbaum legen sollte.

Jürgen Kittel: Weil sie über dem Christbaum nicht liegen bleibt. Und weil Ihr Schatz - so oder so - lange an Sie denken wird.

Die Fragen stellte Frank Patalong.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
StuggieWoogie 07.12.2011
1. Es sticht nicht!
Zitat von sysopTschernobyl sticht Fukushima, Hitler sticht Stalin, geleckte Bohrinsel sticht havarierten Frachter. Quartette sind Kinderkram? Nicht unbedingt. Jörg Wagner und Jürgen Kittel entwerfen unter dem Titel "Geißeln der Menschheit" Spiele, die zynischer kaum sein könnten. Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,801241,00.html
Kann es sein, dass Jörg Wagner und Jürgen Kittel da einen "gravierenden" Fehler machen? ;) Jedenfalls in meiner Kindheit hieß es noch: "Tschernobyl *schlägt* Fukushima, Hitler *schlägt* Stalin, geleckte Bohrinsel *schlägt* havarierten Frachter. " "Sticht" kam nur zum Einsatz, wenn die Daten "gleich" waren.
ogniflow 07.12.2011
2. Ich spiele....
mit Freunden sehr gerne "Diktatoren-Quartett", wer Mao hat ist ganz weit vorne.
Dr._Copy 07.12.2011
3.
Zitat von sysopTschernobyl sticht Fukushima, Hitler sticht Stalin, geleckte Bohrinsel sticht havarierten Frachter. Quartette sind Kinderkram? Nicht unbedingt. Jörg Wagner und Jürgen Kittel entwerfen unter dem Titel "Geißeln der Menschheit" Spiele, die zynischer kaum sein könnten. Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,801241,00.html
Walter Sobchak 07.12.2011
4. .
Ich habe die Spiele schon seit dem Sommer und es macht Spass sie zu spielen und man lernt noch was dabei.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.