Katastrophenbeben Mehr als 18.000 Verschüttete in einer einzigen Stadt

Die Menschen in Chinas Provinz Sichuan durchleben die Hölle: Alles ist zerstört, zudem erschüttern Nachbeben das Katastrophengebiet. Allein in Mianyang liegen 18.000 Menschen unter Trümmern. Die Zahl der Toten geht in die Zehntausende - jetzt wird der Olympische Fackellauf verkürzt.

Chengdu/Peking - 24 Stunden nach der größten Erdbebenkatastrophe, die China seit 30 Jahren erlebte, bebte in der Provinz Sichuan am Dienstagabend Ortszeit erneut die Erde. Augenzeugen berichteten, wie die Menschen in der Metropole Chengdu in heller Panik aus ihren Häusern ins Freie rannten. "Büroangestellte stürzten nach den neuen Erdstößen auf die Straßen", berichtet die Nachrichtenagentur Xinhua. Hotelgäste in Chengdu würden nur noch in Räumen im Erdgeschoss einquartiert.

Die Einwohner in Sichuans Hauptstadt seien extrem nervös - 1950 Erdstöße unterschiedlicher Stärke wurden verzeichnet, seit das große Beben am Montag einsetzte. "Die Beben können Stärken bis 6,5 oder mehr erreichen", sagte der Leiter der Sektion Seismologie am Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam, Rainer Kind. "Diese Nachbeben sind besonders gefährlich, da angeknackste Gebäude dadurch einstürzen können."

Nach Berechnungen des GFZ hatte das Beben vom Montag eine Stärke von 8,0. Ausgelöst wurde es laut Kind dadurch, dass sich der indische Subkontinent in den asiatischen Kontinent bohrt.

11.921 Tote - Immer noch Tausende verschüttet

Während die Erde immer wieder bebt, kämpfen die Rettungskräfte bei der Bergung von Überlebenden gegen die Zeit. Die offizielle Zahl der Toten wird von der Regierung momentan mit 11.921 beziffert, die Behörden gehen jedoch von viel höheren Opferzahlen aus. Allein in der Stadt Mianyang sollen mehr als 18.600 Menschen verschüttet sein.

In der Stadt Juyuan sollen Tausende Kinder unter den Trümmern ihrer Schule begraben sein - wie viele von ihnen noch am Leben sind, ist zur Zeit ungewiss.

"Unsere erste Priorität ist es, Leben zu retten", sagte Wang Zhenyao, der als Katastrophenbeauftragter die Rettungsarbeiten koordiniert.

In die Gebirgsregion Wenchuan, hundert Kilometer von der Metropole Chengdu entfernt, konnten bislang keine Rettungskräfte vordringen, weil die Zufahrtsstraßen zerstört oder blockiert waren. Auch Militärhubschrauber konnten in das Gebiet, das für seine Pandabestände berühmt ist, bislang nicht vordringen. Armee-Einheiten arbeiten nun daran, die Straßen freizuräumen - eine Aufgabe, die von Nachbeben und von äußerst schwierigen Witterungsverhältnissen mit starken Regenfällen erschwert wird.

60.000-Einwohner-Stadt Dujiangyan völlig zerstört

Tod und Zerstörung finden die Rettungskräfte in Dujiangyan, nordwestlich von Chengdu. Leichen, bedeckt mit Plastikplanen, liegen auf den Straßen - viel von ihnen hielten sich die Unterarme vor die Gesichter, um sich zu schützen, als die Erde bebte, die Häuser einstürzten. Unter den Trümmern einer Schule suchen Rettungskräfte weiter nach Hunderten Verschütteten.

In der Kleinstadt mit ihren 60.000 Einwohnern ist nichts mehr, wie es einmal war. Viele Häuser sind bis auf die Grundmauern zerstört. Überall liegen Schutt und zersplittertes Glas. Umgestürzte Betonsäulen haben Autos unter sich begraben. Helfer suchen nach Verschütteten - und bergen eine Leiche nach der anderen.

Dem chinesischen Regierungschef Wen Jiabao bot sich ein wahres Bild des Schreckens, als er auf seiner Reise durch die Unglücksregion am Dienstag auch in Dujiangyan Station macht.

Nur wenige Sekunden haben das Leben von Shi Huaigui völlig zerstört. Das Haus, in dem er mit seiner Frau wohnte, ist nur noch ein Haufen Schutt. Überall liegen Steine - und irgendwo unter dem Geröll muss seine Frau begraben sein. Er habe sich am Montag wie jeden Tag auf dem Weg zu einem Lebensmittelhändler gemacht, erzählt der 58-jährige Rentner. "Auf dem Rückweg habe ich gespürt, wie die Erde anfing, sich zu bewegen. Ich habe sofort gewusst, was passiert ist", sagt er.

"Wir haben nichts mehr. Niemand kümmert sich um uns."

Das Erdbeben hat Shi alles genommen. Wie viele andere Menschen in Dujiangyan, deren Häuser dem Erdbeben gleich gemacht wurden oder die sich aus Angst vor Nachbeben nicht in ihre Wohnungen zurücktrauten, hat auch er die Nacht unter freiem Himmel verbringen müssen.

Nur eine Jacke, die ihm gute Freunde gaben, hat ihn wenigstens ein bisschen vor dem unerbittlichen Regen geschützt. Völlig durchnässt macht ein Mann im Alter von Shi seinem Ärger Luft. "Wir haben nichts mehr. Es gibt nichts zu essen, keine Unterkünfte. Niemand kümmert sich um uns."

Nur noch selten rufen die Helfer, dass sie unter den Trümmern einen Überlebenden gefunden haben. Schnell graben die Rettungskräfte ihn dann frei und bringen ihn in das notdürftig eingerichtete Krankenlager. Unter dem Zelt, das mitten auf der Straße aufgebaut wurde, arbeiten Ärzte und Krankenschwestern unermüdlich, aber auch verzweifelt. "Auf so etwas war niemand vorbereitet. Es ist wirklich hart", sagt ein Mediziner.

Viele Bewohner von Dujiangyan wollen so schnell wie möglich weg aus dem zerstörten Ort. Voll besetzt bahnt sich ein gelber Kleinlastwagen seinen Weg aus der Stadt. Die Tickets waren so begehrt, dass hinter dem Fahrzeug noch viele Menschen um eine Mitfahrt flehen. Auf der Hauptstraße staut sich kilometerlang der Verkehr. Dort stecken auch einige Rettungsfahrzeuge fest, die mit schwerem Gerät eigentlich längst in Dujiangyan gebraucht werden.

"Die Spiele sind sicher, Peking ist sicher und China auch"

Die chinesische Regierung bemüht sich derweil nicht nur darum, der Bevölkerung den Eindruck von effektivem Katastrophenmanagement zu vermitteln - auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele will man den erwarteten 500.000 ausländischen Besuchern offenbar den Eindruck von Stabilität und Zuverlässigkeit vermitteln: "Ich möchte betonen, dass die Spiele sicher sind, dass Peking sicher ist und China auch", sagte Zhang Jian vom olympischen Organisationskomitee.

Die olympischen Sportstätten haben das schwere Erdbeben unversehrt überstanden. "Sie sind alle zu einem hohen Grad erdbebensicher, es ist kein Schaden entstanden", teilte Komitee-Sprecher Sun Weide mit.

Der olympische Fackellauf, der Mitte Juni auch durch die von der Erdbebenkatastrophe betroffene Provinz Sichuan führen sollte, wird verkürzt, teilte das Organisationskomitee der Olympischen Spiele am Dienstag in Peking mit.

pad/AFP/AP/dpa

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