Katastrophenmanagement Burmas Junta behindert Hilfe für Sturmopfer

Es ist die schwerste Naturkatastrophe seit Jahren: 63.000 Menschen sind tot oder werden vermisst. Nach dem verheerenden Zyklon gibt es in Burma kaum Trinkwasser und Treibstoff, keinen Strom. Zwar lässt die Militärjunta inzwischen einige Helfer ins Land, doch die Lieferungen laufen viel zu langsam an.


Rangun - Nach Angaben der Uno behindert die burmesische Regierung die Arbeit der Helfer. Es seien zwar bereits 40 Mitarbeiter der Organisation im Land, sagte ein Sprecher, doch im benachbarten Thailand müsse ein spezielles Einsatzteam für Katastrophenfälle weiter auf seine Visa warten. Dies gelte auch für Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen.

Das Uno-Büro für die Koordinierung von Katastrophenhilfe, Ocha, vertraut dennoch auf die Kooperationsbereitschaft der Junta, nachdem diese bereits Hilfe zugelassen hatte. "Für uns ist das ein gutes Zeichen, und wir hoffen darauf, dass wir die Visa baldmöglichst bekommen", sagte Ocha-Sprecherin Elisabeth Byrs. Die Behörden hätten offenbar den Ernst der Lage begriffen und handelten nun entsprechend.

"Wir bekommen allmählich einen Eindruck von dem tatsächlichen Ausmaß der Schäden", sagte Matthew Cochrane vom Internationalen Roten Kreuz in Genf SPIEGEL ONLINE. Mehr als eine Million Menschen seien inzwischen von der Katastrophe betroffen - in den fünf am schwersten zerstörten Regionen lebe die Hälfte der gesamten Bevölkerung des Landes.

250.000 Freiwillige stehen bereit

"Es ist die größte Naturkatastrophe seit dem Erdbeben in Pakistan im Oktober 2005", so Cochrane. Allein in der Region Irawadi seien 95 Prozent der Häuser zerstört - hier gelte es vor allem, Notunterkünfte aufzubauen. Das Rote Kreuz habe heute Morgen von Kuala Lumpur aus provisorische Unterkünfte und Werkzeuge geschickt.

Insgesamt könne das Rote Kreuz Myanmar auf 250.000 Freiwillige vor Ort zurückgreifen, so Cochrane. Das regionale Katastrophenmanagement des Roten Kreuzes in Bangkok habe bereits drei Mitarbeiter nach Rangun entsandt. Diese würden heute einen ersten Bericht abgeben.

Das größte Problem sei derzeit der Mangel an Trinkwasser. Zwar verteilten Freiwillige bereits sauberes Wasser und Tabletten zur Trinkwasseraufbereitung. "Die Menschen sind jedoch vielerorts gezwungen, kontaminiertes Wasser zu trinken und laufen damit Gefahr, sich mit Krankheiten zu infizieren", sagt Cochrane. Malaria sei in allen tropischen Regionen ein Problem, die Gefahr von Seuchen steige nach einer Katastrophe.

"Wir sind zuversichtlich, dass wir helfen können"

Aus den Verhandlungen mit der Regierung in Rangun habe man den Eindruck gewonnen, dass die Führung des Landes inzwischen einsehe, dass internationale Hilfe vonnöten sei. "Wir sind zuversichtlich, dass wir helfen können. In dieser Situation würde jedes Land auf Hilfe von außen zurückgreifen."

Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.

Der Junta war vorgeworfen worden, nicht schnell genug auf die Katastrophe reagiert und die Bevölkerung nicht rechtzeitig gewarnt zu haben. Mit Hilfe von Satelliten könne ein solcher Wirbelsturm bis zu 48 Stunden im Vorhinein entdeckt werden, sagte Brigitte Leoni, Sprecherin des Uno-Büros für internationale Strategien zur Katastrophenbegrenzung (Unisdr). "Das Problem ist aber, dass man die Information zwar hat, sie aber nicht an die Bevölkerung weitergibt."

"48 Stunden bevor 'Nargis' zuschlug, gaben wir seinen Landepunkt, seine Stärke und alle damit zusammenhängenden Informationen an die burmesischen Behörden", sagte der Sprecher der indischen Wetterbehörde, B.P. Yadav. Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung seien im Nachbarland offenbar jedoch nicht ergriffen worden.

Einer Sprecherin der Welthungerhilfe zufolge brauchen die Menschen in Burma dringend Nahrungsmitteln, Wasser, Unterkünfte und Hygieneartikel. Einer der drei Mitarbeiter sei derzeit in der Umgebung von Rangun unterwegs, um "zu eruieren, wie und auf welchem Wege Lebensmittel am schnellsten ins Land geschafft werden können". Jedoch seien die Telefonleitungen unterbrochen, die Mitarbeiter könnten untereinander nur schwer Kontakt halten, sagte Stefanie Koop SPIEGEL ONLINE.

Die Kinderhilfsorganisation Unicef spricht von tsunamiartigen Wellen, welche die Küsten des Irrawaddy-Deltas im Südwesten des Landes überflutet haben sollen. "Dort drang das Wasser bis zu zwei Kilometer ins Landesinnere vor", sagte Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef Deutschland, SPIEGEL ONLINE.

Mit Hubschraubern der Regierung habe die Hilfsorganisation eine erste Ladung Hilfsgüter in die besonders betroffene Stadt Laputta im Irrawaddy-Delta gebracht. Man verhandle derzeit vor allem darüber, wie frei sich die internationalen Helfer im Land bewegen dürften. Unicef setzt auf die Einsicht der Behörden. "Die Militärregierung kann die Bevölkerung nicht sich selbst überlassen, weil es dann zu Spannungen kommen könnte."

Chaotische Verhältnisse

In der ehemaligen Hauptstadt Rangun mit rund sechs Millionen Menschen funktioniere weder die Strom- noch die Wasserversorgung. Lebensmittel und Benzin würden knapp. "Man kann sich vorstellen, was es für einen Ballungsraum bedeutet, wenn die Grundversorgung ausfällt. Da entstehen schnell chaotische Verhältnisse", so Tarneden.

An neun Orten im Land ist die Organisation mit lokalen Büros vertreten. "Wir haben über die Jahre Katastrophenpräventionspläne entwickelt, aber nicht für einen Sturm dieses Ausmaßes", sagt Tarneden. "Unsere Vorräte werden schnell verbraucht sein und müssen rasch aufgefüllt werden." Derzeit fehle es vor allem an sauberem Trinkwasser, Nahrung, Plastikplanen, Decken, Erste-Hilfe-Medikamenten und Moskitonetzen zum Schutz vor Malaria.

Unicef hat begonnen, aus seinen Vorratslagern in den verwüsteten Regionen Tabletten zur Wasseraufbereitung, Medikamente gegen Durchfall, Decken, Zusatznahrung und Hygieneartikel an obdachlose Familien zu verteilen. Besonders betroffen von der Katastrophe sind Kinder und Jugendliche, welche die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachen. Viele seien chronisch unterernährt - allein 30 Prozent der Kinder unter fünf Jahren litten unter Mangelernährung.

Der Zyklon war am Samstag mit Geschwindigkeiten von 200 Kilometern in der Stunde über die Südküste hereingebrochen. Wahrscheinlich wurden mehr als 22.000 Menschen getötet und Hunderttausende obdachlos. 41.000 Personen gelten als vermisst.

Die für Samstag angesetzte Volksabstimmung werde in den verwüsteten Regionen nicht vor dem 24. Mai stattfinden, meldete das staatliche Radio am Dienstag. Betroffen seien 40 Kommunen im Großraum Rangun sowie sieben im Irrawaddy-Delta. Die Opposition wirft der Militärjunta vor, mit der Verfassung lediglich ihre Macht festigen zu wollen.

jdl/dpa/AFP

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