Katastrophenmeiler Fukushima AKW-Arbeitern fehlten Hunderte Strahlenmessgeräte

Unter extremen Bedingungen versucht die Einsatztruppe in Fukushima, den Super-GAU zu verhindern - selbst die wichtigsten technischen Mittel fehlten. Nun spricht erstmals die Mutter eines Arbeiters über die Ängste der Männer: Sie hätten längst akzeptiert, dass sie sterben müssen.

AFP/ JMSDF via Jiji

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Hamburg - Mehrere hundert Menschen kämpfen im Schichtsystem gegen den drohenden Super-GAU in Fukushima, sie essen Cracker und Instant-Nudeln, sie wickeln sich zum Schlafen in bleihaltige Tücher - und fürchten sich vor einem schleichenden Tod durch Verstrahlung.

Unter Tränen berichtete die Mutter eines 32-jährigen Fukushima-Arbeiters dem US-Sender "Fox News" von einem Gespräch mit ihrem Sohn. "Er erzählte mir, sie hätten akzeptiert, dass sie alle wahrscheinlich sterben werden - kurzfristig an der Strahlenkrankheit oder langfristig an Krebs".

Ihren Namen wollte die Frau nicht nennen, weil das Management alle Arbeiter angehalten habe, weder ihren Verwandten von dem Einsatz zu erzählen noch mit Medienvertretern zu reden. Ihr Sohn und seine Kollegen hätten lange diskutiert, sagte die Mutter des 32-Jährigen. Die Männer seien sich einig: Es sei unvermeidlich, dass einige von ihnen in den nächsten Wochen oder Monaten ums Leben kämen. Sie wüssten, dass sie einer tödlichen Strahlenmenge ausgesetzt seien.

Die Frau konnte keine Angaben dazu machen, ob ihr Sohn oder seine Kollegen bereits an der Strahlenkrankheit leiden. Nach Angaben der japanischen Atomsicherheitsbehörden (Nisa) waren bislang 21 Arbeiter in relativ kurzer Zeit einer Strahlung von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt - damit ist ihr Risiko, an Krebs zu erkranken, erhöht.

Messgeräte waren Mangelware

Die Nisa kritisierte die Arbeitsbedingungen der Männer im Unglücks-AKW scharf. Fukushima-Betreiber Tepco habe den Arbeitern nicht genügend Strahlenmessgeräte zur Verfügung gestellt, hieß es. Tepco sei aufgefordert worden, alles zu tun, um die Arbeiter vor der Strahlung zu schützen, sagte Nisa-Sprecher Hidehiko Nishiyama am Freitag.

Ursprünglich gab es laut einem Bericht der "Yomiuri Shimbun" 5000 Messgeräte im AKW Fukushima I. Doch als der verheerende Tsunami das Kraftwerk traf, wurden die meisten zerstört. Nur noch 320 Geräte sollen in den Tagen nach der Überflutung brauchbar gewesen sein. Tepco habe die Arbeiter daraufhin in Teams eingeteilt und ein Messgerät an den Leiter des jeweiligen Teams ausgegeben.

Laut dem Bericht arbeiteten an manchen Tagen bis zu 180 Menschen ohne Messgeräte. Aus anderen Tepco-Kraftwerken seien daher 420 zusätzliche Zähler angefordert worden. Doch der Nachschub ließ anscheinend länger auf sich warten als gewünscht. Es habe Probleme gegeben, genügend Platz für die Ladegeräte zu finden, gab Tepco unter anderem als Grund für die Verzögerung an. Wirtschaftsminister Banri Kaieda kündigte eine "Ermahnung" der Betreiber an. Für die Sicherheit sei eine Grundausstattung mit Messgeräten unersetzlich.

Inzwischen hat Tepco nach Angaben der Nisa wieder genügend Zähler, um jeden Arbeiter mit einem Gerät auszustatten. Die Betreibergesellschaft habe erklärt, keiner Person ohne Messgerät den Zutritt zu erlauben. Insgesamt versuchen derzeit etwa 500 Arbeiter von Tepco und Subunternehmen sowie Feuerwehrleute und Soldaten, die Situation in dem Kraftwerk unter Kontrolle zu bekommen.

Sperrgebiet soll langfristig evakuiert bleiben

Am Freitag starteten japanische und amerikanische Soldaten eine großangelegte Suchaktion nach Opfern des verheerenden Tsunamis - doch die 30-Kilometer-Sicherheitszone um das AKW Fukushima blieb nach Angaben des Verteidigungsministeriums wegen der hohen Radioaktivität von der Suche ausgeschlossen. In der Umgebung des havarierten Kraftwerks werden bis zu tausend Tote vermutet.

Die Anwohner hoffen vergeblich auf eine schnelle Rückkehr in ihre Heimat. Die Evakuierung des Katastrophengebiets sei langfristig angelegt, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Freitag. Er versuchte dennoch, Zuversicht zu verbreiten: In den vergangenen Wochen war Edano immer in einem blauen Overall aufgetreten - doch am Freitag trat er plötzlich in einem dunkelgrauen Anzug vor die Presse. "Wir wollten zeigen, dass die Regierung nun auch in die Zukunft blickt. Deshalb haben wir diese Jacken ausgezogen", so Edano. Es sei nun Zeit, "die nächsten Schritte in Richtung Wiederaufbau zu machen".

Verwirrung gibt es nach wie vor über Messwerte zur Verseuchung des Grundwassers. Am Donnerstag hatte Tepco gemeldet, dass ein 10.000fach erhöhter Wert von radioaktivem Jod gemessen worden sei. Die Messungen seien teilweise fehlerhaft, gab allerdings die Nisa am Freitag bekannt - doch nur wenige Stunden später bestätigte Tepco nach einer Wiederholung der Analyse die 10.000fache Erhöhung. Tepco hatte bereits vorher fehlerhaft gemessen und steht wegen seiner Informationspolitik seit Wochen in der Kritik.

Mitarbeit: Rosa Vollmer; mit Material von dpa und AFP



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donbilbo 01.04.2011
1. Menschenverachtend
Menschenverachtend und immernoch maximal gewinnorientiert. Anders kann man das Verhalten der Betreiberfirma nicht erklären. Ich verstehe auch nicht, warum sich die japanische Regierung nicht viel mehr in die Abläufe einmischt. Schon der letzte Artikel über die Arbeitsbedingungen liess mich staunend vor dem Bildschirm zurück, nachts wird nicht gearbeitet, weil es kein Licht gibt, die Arbeiter haben nicht genug zu trinken und zu essen und werden nach Schichtende nichtmal aus der Gefahrenzone gefahren/geflogen. Einfach unglaublich. Falls einige dieser armen Arbeiter wirklich unheilbar an Krebs erkranken sollten so wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass einer nacheinander alle Vorstände, Aufsichtsräte und andere Manager von Tepco besucht und sich bei ihnen entsprechend für sein Todesurteil bedankt. Aber so weit wird es nicht kommen, dafür sind die Japaner meiner Meinung nach viel zu hörig.
jaypi 01.04.2011
2. Vorsorge ???
Zitat von sysopUnter extremen Bedingungen versucht eine Einsatztruppe in*Fukushima, den Super-GAU zu verhindern. Nun spricht erstmals die Mutter eines*der Arbeiter über*deren Ängste. Die Männer hätten akzeptiert, dass sie sterben müssten.*Bei*der Ausstattung fehlte es am nötigsten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754493,00.html
siehe: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754373,00.html . Tepco hat ja nicht mal das Nötigste vor Ort. Und die japanische Regierung hat das wissentlich geduldet. Jetzt müssen das die Arbeiter, die Anwohner und die Umwelt ausbaden... wer weiss, welche Folgen diese "Versäumnisse" noch haben werden. Aber schuld ist natürlich keiner!
Barath 01.04.2011
3. Gewissenlose Soziopathen.
Zitat von sysopUnter extremen Bedingungen versucht eine Einsatztruppe in*Fukushima, den Super-GAU zu verhindern. Nun spricht erstmals die Mutter eines*der Arbeiter über*deren Ängste. Die Männer hätten akzeptiert, dass sie sterben müssten.*Bei*der Ausstattung fehlte es am nötigsten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754493,00.html
Kürzlich haben hier im SPON-Forum einige AKW-Befürworter meine Äusserungen über die aus Profitgier entspringende Gewissenlosigkeit der AKW-Betreiber gegenüber ihren eigenen Angestellten damit kommentiert, daß es mit der Judenverfolgung damals genauso angefangen habe: Unbegründete Ängste und die Unterstellung von Geldgier. Wir sollten uns keine Illusionen darüber machen, mit wem wir hier z.T. diskutieren.
Madagaskar, 01.04.2011
4. ...
Es ist unglaublich wie kriminell sich das Tepco-Management verhält.
medienquadrat, 01.04.2011
5. ...
Zitat von sysopUnter extremen Bedingungen versucht eine Einsatztruppe in*Fukushima, den Super-GAU zu verhindern. Nun spricht erstmals die Mutter eines*der Arbeiter über*deren Ängste. Die Männer hätten akzeptiert, dass sie sterben müssten.*Bei*der Ausstattung fehlte es am nötigsten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754493,00.html
ein Geigerzähler zeigt die Intensität von Strahlenquellen an, sofern er richtig geeicht ist. Ein Personen-Dosimeter zeigt an, wieviel gesundheitschädliche Strahlung beim Träger in den Körper bereits eingedrungen ist. Demzufolge dürfte für eine Gruppe von Pertsonen ein Geigerzähler völlig ausreichen, mit dem man feststellen kann, dass man in eine bestimmte Richtung nicht gehen sollte. Allerdings müsste jeder ein Dosimeter am Körper tragen und bei Überschreitung einer gewissen Belastung, die dieses Gerät anzeigt, in eine völlig unbelastete Situation zurückkehren. Und das für sehr, sehr lange. Ich gehe auch davon aus, dass der überwiegende Teil, der in Fukushima für Arbeiten eingesetzten Menschen einen qualvollen Strahlentod erleiden.
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