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24. Januar 2007, 16:17 Uhr

Katastrophenschutz in New York

Warten auf die Apokalypse

Von , New York

Mit einem nagelneuen Lagezentrum will New York City die Folgen künftiger Katastrophen bewältigen. Am meisten Angst haben die Notdienstler jedoch nicht vor Terroranschlägen - sondern vor einem Monster-Hurrikan.

New York - Joseph Bruno ist auf alle Eventualitäten vorbereitet. Der New Yorker Katastrophenschutz-Beauftragte, ein schmaler, leiser Herr mit randloser Brille, hat Dutzende Desasterpläne in seiner Schublade: U-Bahn-Entgleisungen, Blackouts, Seuchen, Terroranschläge (konventionell, chemisch, biologisch, nuklear). Der "schlimmstmögliche GAU" jedoch, der die Acht-Millionen-Stadt treffen könnte, ist keiner von diesen. Sondern, so verrät Bruno, "ein Hurrikan, Kategorie 4".

Ortstermin im neuen Katastrophenschutz-Lagezentrum New Yorks, einem futuristischen, technologisch hochgerüsteten Neubau jenseits des East Rivers, in einem Park direkt zu Füßen der Brooklyn Bridge. 50 Millionen Dollar hat diese 6038 Quadratmeter große Einrichtung gekostet, in der im Ernstfall alle Fäden zusammenlaufen und die endlich die alte Kommandozentrale des Office of Emergency Management (OEM) ersetzt, die am 11. September 2001 zerstört worden war. Es ist die fortschrittlichste Anlage ihrer Art im ganzen Land, zumindest auf kommunaler Ebene. Bruno strahlt wie ein frisch gebackener Vater.

Doch halt: Ein Hurrikan, Kategorie 4? Brunos Stellvertreterin Christina Farrell erläutert: Nach New Orleans und Miami ist New York City heute die meistgefährdete US-Großstadt für einen tropischen Wirbelsturm; der letzte, der "Long Island Express" von 1938, tötete 700 Menschen. "Bei einem Hurrikan müssten wir drei Millionen New Yorker evakuieren", sagt sie. "625.000 bräuchten eine Notunterkunft. Das allein wäre eine eigene Großstadt."

Planspiele im Lagerhaus

Für das und andere Weltuntergangsängste sind sie aber längst gewappnet hier im Bauch des US-Terrorziels No. 1, jedenfalls versichern sie das. Das Hurrikan-Szenario liest sich so: Ein Monstersturm der Windstärke 12 (118 Stundenkilometer) werde "Gebäude dem Erdboden gleichmachen, Bäume ausreißen und lose Objekte in tödliche Projektile verwandeln" sowie "Teile der Stadt mit einer zehn Meter hohen Flutwelle verwüsten" - darunter Teile Manhattans. Dagegen wirkt ein konventioneller Terroranschlag fast harmlos.

Doch auch für einen solch drastischen Belagerungszustand der Natur ist die neue OEM-Kommandozentrale gewappnet. "Wir können uns hier eine Weile einbunkern", sagt OEM-Technologiechef Henry Jackson. "Wir haben eigene Notstrom-Aggregate, Wasser und Lebensmittel für mehrere Tage."

Das OEM ist Mittelsmann für alle Notfalldienste New Yorks: Polizei, Feuerwehr, Krankenhäuser, Gesundheitsamt, Heimatschutzbehörde, Anti-Terror-Einheiten, Nationalgarde. Rund um die Uhr fühlt es den Puls der Stadt, mit einem Expertenteam in Zwölf-Stunden-Schichten, registriert kleine und große Desaster, steuert Einsätze, mobilisiert die Bürger und hält Planspiele und Manöver ab. Seit 9/11 geschah das über eine provisorische Kommandozentrale in einem Brooklyner Lagerhaus. Jetzt endlich, über fünf Jahre später, sind sie in das hochmoderne Command Center umgezogen.

Andächtige Stille im Lagezentrum

Von außen wirkt es wie ein Kunstmuseum, umringt von Bäumen am Ostende der Cadman Plaza, hoch über dem East River. Drinnen jedoch kommt sich der Besucher vor wie in den Kulissen einer TV-Krimiserie, etwa dem Terror-Straßenfeger "24", bei dem ein Teil der Action in einem ähnlichen Terror-Lagezentrum spielt.

Der OEM-Hauptraum liegt im zweiten Stock und ist ein fensterloser, hoher Saal. Von der Decke hängen Großbildschirme, über die alle News-Sender der Stadt flimmern: CNN, Fox News, MSNBC, NY1. Daneben Video-Screens mit dem aktuellen US-Wetterradarbild sowie dem Luftverkehr in der ganzen Region: Grüne Zahlenkombinationen zeigen die aktuelle Positionen Dutzender Jets.

Eine rote Digitaluhr gibt die Zeit in New York, London, Frankfurt, Hongkong und Tokio an, eine weitere die in Tel Aviv. 166 OEM-Mitarbeiter haben an den langen Tischen und Konsolen Platz, doch heute sitzen hier nur eine Handvoll an ihren Computern, in andächtiger Stille. Der Teppichboden ist frisch gesaugt. Über einen der Screens flackert gerade ein Werbespot für das Beruhigungsmittel Xanax. Bruno hat Recht: Das Warten auf die Apokalypse ist nicht besonders telegen.

Dass die Zentrale umziehen musste, hat einen Grund: die Anschläge vom 11. September. "Ich liebte unseren alten Bunker", sagt OEM-Koordinator Mike Lee, ein Bulle von einem Mann, mit Glatze und Schnäuzer. "Er war eine phantastische, wunderschöne Einrichtung." Doch leider direkt neben einem Top-Terrorziel, im 23. Stock eines Hochhauses neben dem World Trade Center. "Wir haben aus unseren Fehlern gelernt." Was nun auch heißt: Die neue OEM-Zentrale ist "nah an Manhattan, aber nicht zu nah".

Auf Knopfdruck einsatzbereit

Auch anderweitig gab es damals scharfe Kritik am New Yorker Katastrophenschutz. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Behörden am 11. September 2001 war miserabel und brach zusammen. Die rechte Hand wusste nicht, was die linke tat, viele Beamte agierten blind. Das OEM, so resümierte die 9/11-Kommission in ihrem Bericht, "spielte keine integrierende Rolle, um sicherzustellen, dass Informationen zwischen den Behörden ausgetauscht wurden".

Das soll sich mit der neuen Einrichtung ebenfalls bessern. Es gibt jetzt detaillierte Einsatzpläne und klare Hierarchieordnungen, die bestimmen, wer in welchem Notfall zuständig ist, wer mit wem und wie kommuniziert, wer die Fäden in der Hand hält. Es gibt neue, krisenfeste Technologien. Es gibt eine Backup-Einrichtung, die eine komplette Kopie des Lagezentrums ist, an einem geheimen Ort und auf Knopfdruck dienstbereit. "So können wir alles bewältigen, was auf uns zukommt", hofft Bruno. Nur eine Evakuierung der gesamten Stadt, mit ihren über 8,1 Millionen Einwohnern, sei unmöglich: "Das wäre ein viel zu großes Unterfangen."

Seit seiner Einweihung zur Jahreswende wurde das Kommandozentrum schon zweimal aktiv. Einmal spielten ein paar Datenleitungen des Telekommunikationskonzerns Verizon verrückt. Das andere Mal war am 8. Januar, als sich ein mysteriöser Gestank über New York legte. Dessen Ursprung ist bis heute unbekannt. Bruno selbst tippt auf natürliche Gase aus den Sümpfen an der nahen Küste New Jerseys.

Vor Terroranschlägen hat Bruno jedoch am wenigsten Angst. "Darum sorge ich mich ziemlich selten", sagt er. "Verhindern können wir sie als OEM nicht, das ist nicht unsere Aufgabe. Alles, was wir also tun können, ist die Konsequenzen zu bewältigen. Und die, glaube ich, dürften wir gut im Griff haben." Nur ein Manko gibt er zu: einen bombensicheren Bunker, den hat das OEM in Brooklyn nicht.

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