Pressestimmen zum Brand in Notre-Dame "Ein inneres Beben"

Die brennende Kathedrale Notre-Dame hat ein großes Medienecho ausgelöst. Die Pressestimmen im Überblick.

Ein Mann blickt auf die brennende Kathedrale Notre-Dame in Paris.
Geoffroy van der Hasselt/ AFP

Ein Mann blickt auf die brennende Kathedrale Notre-Dame in Paris.


Frankreich

In der konservativen Pariser Tageszeitung "Le Figaro" heißt es, die Kathedrale sei untrennbar mit der Geschichte Frankreichs verbunden. "In das kollektive Gedächtnis haben sich die großen Stunden der Nation eingegraben: königliche Hochzeiten, Reden, die Krönung Napoleons und das Te Deum des Sieges von 1945". Das Meisterwerk habe Kriege und Plünderungen erlebt. "Aber niemals hat die Kathedrale eine Widrigkeit solchen Ausmaßes erlitten, niemals ist sie durch ein so spektakuläres Feuer zerstört worden. Die Ergriffenheit ist gewaltig."

Virginie Malingre schreibt in "Le Monde", dass der französische Präsident Emmanuel Macron einmal gesagt habe, dass er ein "Gefühl der Tragik" in sich spüre. "Ich bin nicht dafür gemacht, in ruhigen Zeiten zu regieren, (...) ich bin für die stürmischen Zeiten gemacht". Am Montagabend habe die Tragik erneut seinen Weg gekreuzt, in Gestalt der Flammen, die Notre-Dame verwüstet hätten. Es sei ein unvorhergesehenes Ereignis, das eine der wichtigsten Wochen seiner Regierungszeit auf den Kopf gestellt habe.

"Brennt Paris? Metaphorisch gesprochen: Ja", findet der Herausgeber der linken Tageszeitung "Libération", Laurent Joffrin. Es handle sich um "schreckliche Stunden" für jeden, der die Geschichte Frankreichs auch nur ein bisschen liebe. "Das Herz eines Landes brennt unter den Augen von Abermillionen Menschen, die schon einmal durch das Kirchenschiff flaniert sind", so Joffrin.

Im öffentlich-rechtlichen Sender France 2 sagte der Journalist Stéphane Bern, die Kathedrale sei ein Monument, das Bild Frankreichs. "Paris ist heute verletzt, schwer verwundet. Es ist ein nationales Drama."

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Im Editorial der Tageszeitung "The Guardian" steht, dass der Brand sich anfühle, "als ob das Herz Frankreichs und die Seele Europas plötzlich und brutal herausgerissen wurden." Doch es gebe auch Hoffnung: "Die Kathedrale wird sich mit der Zeit wieder erheben. Dieses schreckliche Feuer ist kein Ereignis, das verharmlost oder banalisiert werden sollte. Doch wie töricht scheint es in einem Moment wie diesem, zu tun, als wären wir nicht alle Europäer. Wir sind bei Frankreich in dessen schmerzlicher Stunde. Wir werden uns nie und nimmer abwenden."

Pamela Druckerman von der "New York Times" sieht das Feuer in einem größeren Kontext: "Der Brand kommt nicht lange nach anderen großen Schocks für Paris, darunter das Seine-Hochwasser im vergangenen Jahr und die Terroranschläge von 2015." In seiner Rede an die Nation habe Präsident Macron das, was die Pariser jetzt empfinden, "tremblement intérieur" genannt, "ein inneres Beben". Das sei eine genaue Beschreibung des Gefühls von Leere und Verlust. Es herrsche Enttäuschung darüber, dass die Zivilisation daran gescheitert sei, auf etwas Unbezahlbares aufzupassen. "In hundert Jahren werden die Menschen noch immer vom Feuer des Jahres 2019 sprechen"

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Feuer in Notre-Dame: Der Kampf gegen die Flammen

Stephen Stromberg nimmt in der "Washington Post" den Brand zum Anlass, über die Schönheit der Dinge nachzudenken: "Alte Dinge können schön sein. Sie sind oft einzigartig. Notre Dame ist beides. Die Zeit, die es gedauert hat, sie zu errichten, die Fähigkeiten der Handwerker, die sie geschaffen haben, die Tatsache, dass niemand mehr gotisch baut - all diese Dinge geben ihr einen Wert." Alte Gebäude symbolisierten die Vorstellung, dass nicht alles enden müsse. "Dies ist das Versprechen vieler Religionen, eine Hoffnung, die die Gläubigen, die sich in Notre Dame versammelt haben, im Laufe der Jahrhunderte teilten", schreibt Stromberg. "Notre Dame ist nicht tot. Die Kathedrale wird sich wieder erheben."

Deutschland

"Unumstritten dürfte sein", schreibt Markus Decker von der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" , "dass der Brand eine ohnehin erschütterte französische Nation trifft: wirtschaftlich, politisch, sozial und intellektuell erschüttert. Auch darum fühlen die Nachbarn derart mit." Doch er sieht auch Trost: "So entsetzlich die Flammen im Herzen von Paris sind, so tröstlich sind doch die Reaktionen darauf. Sie sind, tatsächlich, ein Zeichen der Hoffnung."

Christian Rein zeichnet die Lage in den "Aachener Nachrichten" etwas düsterer: "Es macht fassungslos, dass in einer Zeit, in der es für nahezu jede Herausforderung eine technische Lösung zu geben scheint, etwas so Banales wie ein Feuer in so kurzer Zeit eine derart verheerende Zerstörung anrichten kann." Das sei nicht anders als zu Zeiten der Römer oder im Mittelalter.

Rüdiger Schaper geht im "Tagesspiegel" darauf ein, wie verflochten die Kathedrale mit Kulturgeschichte ist: "Viele Städte haben Wahrzeichen, und die französische Hauptstadt ist reich an berühmten Baukunstwerken. Die Bedeutung von Notre-Dame de Paris aber geht darüber hinaus", schreibt er. Dank des Romans "Der Glöckner von Notre-Dame" von Victor Hugo und Hollywood seien die Kirche und ihr Bewohner Quasimodo in die Popkultur gelangt.

skr/jpz/dpa



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