Katholische Finanzkrise Schöner Wohnen in der Kirche

Viele Bistümer in Deutschland sind so gut wie pleite. Im Bistum Essen will der Bischof jetzt jede vierte Kirche schließen - und sucht nach neuen Nutzern. Doch nicht jeder darf ins Haus Gottes einziehen.

Von Manuel Heckel


Bochum - Es gibt Kartoffelsuppe mit Würstchen und Gespräche. Einmal im Monat lädt die St.-Albertus-Magnus-Gemeinde in Bochum-Wiemelhausen nach der Heiligen Messe zum "Sonntagsplausch" ins Pfarrheim. Die Suppe dampft in großen Töpfen, knapp 40 Katholiken sprechen über Gott und die Welt. Das monatliche Treffen hat Tradition. Noch. Spätestens Ende 2008 aber wird die schwere Stahltür der 1964 geweihten Kirche endgültig geschlossen - und die Gemeinde aufgelöst.

Ehemaliges Gotteshaus in Münster: Neuer Verlagsstandort St. Bonifatius
Manuel Heckel

Ehemaliges Gotteshaus in Münster: Neuer Verlagsstandort St. Bonifatius

Das Schicksal teilt die Gemeinde mit 95 Kirchen im Bistum Essen. Dessen Bischof Felix Genn hat Mitte Januar die endgültigen Pläne für eine gewaltige Neuordnung des kirchlichen Lebens zwischen Duisburg und Lüdenscheid verkündet: Aus 259 Gemeinden werden 42 Pfarreien, zu denen jeweils maximal sieben Gottesdiensträume gehören. Für mehr als jede vierte Kirche aber sind "keine finanziellen Zuweisungen" mehr möglich - sie müssen in den nächsten drei Jahren schließen.

Essen ist nicht das erste Bistum, das Kirchen aufgeben muss. Seit 1990 wurden nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz mehr als 300 Kirchen geschlossen, in den nächsten zehn Jahren könnten rund 700 hinzukommen. Genn will nicht nur Kirchen schließen, sondern auch Bildungseinrichtungen und 100 Kindergärten. Ein knallhartes Sparprogramm "zur Sicherung der pastoralen und wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit", so der Bischof, dessen Bistum ungeheure finanzielle Lasten drücken. Im letzten Jahr musste es schon zur Deckung des Haushaltes einen Kredit von 45 Millionen Euro aufnehmen.

Auf großes Verständnis in den Gemeinden aber darf er nicht hoffen. Für Empörung sorgt vor allem der Entschluss der großflächigen "Kirchenumnutzung". Manche Gläubigen demonstrieren sogar lautstark am Bischofssitz. Doch der Bischof zeigt sich davon unbeeindruckt. Seit der Gründung des Bistums 1958 sank die Zahl der Kirchenmitglieder um ein gutes Drittel auf heute weniger als eine Million Katholiken, gleichzeitig entstanden 120 neue Kirchen - darunter St. Albertus Magnus. 3000 Mitglieder zählten 1964 zur neu gegründeten Gemeinde, die inmitten eines neuen Wohngebietes im Bochumer Süden ihre neue Kirche bezog.

Redakteurin Almud Schricke in der umgebauten Kirche: "Ungewohntes Gefühl"
Manuel Heckel

Redakteurin Almud Schricke in der umgebauten Kirche: "Ungewohntes Gefühl"

Das Gemeindegebiet wurde aus Teilen von drei größeren Nachbarpfarreien zusammengesetzt. So erhielt auch Emmi Faber eine neue Gemeinde. "Ich habe mich hier wohlgefühlt - und tue es immer noch", sagt die Seniorin. Weniger als 2000 Mitglieder zählt ihre Gemeinde heute. Die haben bereits gemeinsam mit der Nachbargemeinde einen Förderverein gegründet. "ZUK-K-ER" haben sie ihn genannt: "Zukunft der Kirchen erhalten".

Darum geht es auch Herbert Fendrich, dem Beauftragten des Bistums für Kirche und Kunst, der über die Zukunft von St. Albertus Magnus mitentscheiden wird. Das Interesse ist enorm: Knapp 80 Anfragen sind bislang im Generalvikariat eingegangen, schätzt Fendrich. Bestattungsunternehmer, Künstlerateliers, Musikschulen, Wohngruppen, Theaterprojekte - die Liste ist lang.

Auch die Abrissbirne droht

Ausschließen möchte Fendrich wenig: "Nur was sich überhaupt nicht mit dem Image 'Kirche' in Verbindung bringen lässt, hat wenig Chancen." Keine einzige katholische Kirche werde etwa an muslimische Gemeinden gehen. Der "Symbolwert" einer katholischen Kirche sei dafür zu hoch. Findet sich auf Dauer aber keine Lösung, droht sogar der Abriss. Rund zwanzig Gebäude könnte es nach ersten Schätzungen treffen.

Was sich sonst noch mit Kirchen anstellen lässt, können die Katholiken des Bistums Essen nicht weit entfernt lernen. Ehemalige Kirchen dienen

  • im nordrhein-westfälischen Velbert als "Location" für jährlich über 50 Veranstaltungen wie Firmenpräsentationen und Hochzeitsfeiern
  • in Köln bereits seit 1987 einem Architekten als Büro und Wohnung
  • in Kempen (Bistum Aachen) als Buchhandlung.

Almud Schricke schaltet jetzt morgens ihren Computer dort an, wo zehn Monate zuvor noch die Gläubigen auf den Kirchbänken saßen. "Ein ungewohntes Gefühl", sagt die Redakteurin von "Kirche und Leben", der Wochenzeitung des Bistums Münsters. Deren Verlag hat die Bonifatiuskirche am Nordrand der Münsteraner Innenstadt zu seinem neuen Sitz erkoren.

Auf dem angrenzenden ehemaligen Pfarrheim ist ein gläserner Konferenzraum entstanden, in der Kirche finden sich auf drei Etagen die Büros der knapp 30 Mitarbeiter. Der Blick des Besuchers geht durch den freien Mittelgang bis zum ehemaligen Altarraum mit einer schlichten Holzfassade, der immer noch bis zur Kirchendecke emporragt und als Ort für Vorträge oder Konzerte genutzt werden soll.

In Bochum-Wiemelhausen hingegen ist noch unklar, was mit der Kirche geschehen soll. Ob Konzertsaal oder Buchhandlung oder doch etwas ganz anderes - Bistumsbeauftragter Fendrich will auf jeden Fall erreichen, dass das Gebäude nicht unterteilt wird. Der Bau aus Backstein und Beton soll als Ganzes genutzt werden. "Hier darf man nicht die Struktur dieses großartigen Raumes zerstören", sagt der Kunsthistoriker und ergänzt halb im Scherz: "Lidl oder Aldi hier drin wären eine Sünde."



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