Katholische Kirche Bischof Mixa gibt sexueller Revolution Mitschuld an Missbrauchsfällen

Missbrauchsfälle erschüttern die katholische Kirche in Deutschland - der Augsburger Bischof Walter Mixa weist nun den 68ern eine Mitschuld zu. Bei der "sogenannten sexuellen Revolution" hätten schließlich manche Moralkritiker die Legalisierung sexueller Kontakte mit Minderjährigen gefordert.
Bischof Walter Mixa: "Sexuelle Revolution sicher nicht unschuldig"

Bischof Walter Mixa: "Sexuelle Revolution sicher nicht unschuldig"

Foto: DDP

Walter Mixa

Augsburg - Er sieht den Atheismus als ursächlich für die Massenmorde im Nationalsozialismus und Kommunismus, er setzt Abtreibungen mit dem Holocaust in Beziehung und kritisiert den Ausbau der Kinderbetreuung - der Augsburger Bischof ist bekannt für eine erzkonservative Interpretation gesellschaftlicher Phänomene.

Jetzt hat der 68-Jährige gegenüber der "Augsburger Allgemeinen Zeitung" erstmals die neuen Enthüllungen über Missbrauch in der katholischen Kirche kommentiert - und eine Mitschuld bei der "sexuellen Revolution" der 68er verortet.

Wörtlich sagte Mixa der Zeitung: "Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig."

Wissenschaftler hatten zuletzt eine Öffnung der katholischen Kirche gegenüber Themen wie Sexualität gefordert, um Missbrauch künftig zu verhindern - Mixa dagegen kritisiert den Umgang der Medien mit Sexualität. "Wir haben in den letzten Jahrzehnten gerade in den Medien eine zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit erlebt, die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt", sagte der Bischof.

Mixa verteidigte die Praxis der katholischen Kirche, Verdachtsfälle von Missbrauch vornehmlich intern zu regeln. Verantwortliche in der Kirche seien in der Vergangenheit gegenüber Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen jedoch "zu blauäugig" gewesen: "Da sind kirchliche Verantwortungsträger möglicherweise auch einem Zeitgeist aufgesessen, der selbst im Bereich des staatlichen Strafrechts Resozialisierung statt Strafe propagierte", sagte der Bischof. "In der Vergangenheit hat oft der gut gemeinte Versuch, die Opfer vor einer voyeuristischen Berichterstattung zu schützen, in Wahrheit die Opfer zusätzlich gequält und die Täter geschützt." Die Übergriffe von Geistlichen auf Jugendliche seien ein "besonders abscheuliches Verbrechen". Als Seelsorger mache es ihn "zutiefst betroffen", wie selbst Priester in "entsetzlicher Weise schuldig werden können", sagte Mixa.

Drewermann: Wahlzwang zwischen "Liebe zu Gott und Liebe zum Menschen"

Eugen Drewermann

Der Kirchenkritiker macht unterdessen die katholische Kirche und ihre Strukturen für den Missbrauchsskandal durch Geistliche mitverantwortlich. "Der kardinale Fehler der katholischen Kirche besteht darin, ihre Kleriker zu nötigen, zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Menschen alternativisch zu wählen", sagte er. "Das ist gerichtet gegen ein zentrales Anliegen der gesamten Botschaft Jesu und nicht weniger gegen elementare Bedürfnisse der Menschen."

Drewermann ist seit 1991 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen, er darf sein Priesteramt nicht mehr ausüben. Schon vor 20 Jahren hatte der Theologe und Psychotherapeut in seinem Bestseller "Kleriker" die katholische Sexualmoral und das Heiratsverbot für Priester kritisiert.

"An dieser Stelle muss die Kirche Roms von der Haltung der Reformation im 16. Jahrhundert nach nun einem halbem Jahrtausend endlich lernen", sagte Drewermann jetzt. Martin Luther habe das richtig gesehen: "Man liebt Gott in den Menschen und nicht gegen die Menschen." Hinzu komme, dass die Spaltung zwischen der Kirche als Institution und den Menschen als Personen aufrechterhalten werde. "Die Kirche als Institution ist von Gott gesetzt, vom Geist geleitet und in ihren Entscheidungen unfehlbar." Die Menschen aber seien schwach und könnten mit ihren Handlungen die Heiligkeit der Kirche schwer belasten, sagte Drewermann.

"Furcht vor Homosexualität begründet in Sexualfeindlichkeit"

Er kritisierte auch eine "repressive Sexualmoral", die zu "Verformungen der Triebentwicklung schon im Kindesalter, bei Jugendlichen, bei Klerikern" führe. "Und es ist keine Übertreibung zu glauben, dass die Furcht der katholischen Kirche vor der Homosexualität begründet ist in den Folgen ihrer eigenen Sexualfeindlichkeit." Zur Bewältigung des Problems rät Drewermann der Kirche zur Reform ihrer Strukturen: "Geben Sie Gedankenfreiheit hier. Das wusste die Reformation. Man kann nicht Glauben definieren an den Menschen vorbei."

Nach Einschätzung Drewermanns hat der Missbrauch in der katholischen Kirche einen noch weitaus größeren Umfang als bisher angenommen. "Man muss unterstellen, dass in all den Ländern, in denen die katholische Kirche Macht besitzt, Kinder auszubilden und ein Monopol sogar zu erheben, in vielen Bildungsbereichen die gleichen Fakten aufzufinden sein werden." Jetzt gehe es um Irland, die USA und Deutschland - "aber man kann mit Blindheit vermuten, dass es bei näherem Nachsehen viele andere katholisch geprägte Länder womöglich noch viel ärger betreffen wird".

pad/dpa