Katholische Kirche Widerstand gegen Woelki

Weil die Kölner Hochschulgemeinde ein kirchenkritisches Papier veröffentlichte, sperrte das Erzbistum zwischenzeitlich deren Internetseite. Nun fordert die Gemeinde nach SPIEGEL-Informationen ein Ende der Zensur.
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki (Archivbild)

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki (Archivbild)

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

In Köln tobt ein kircheninterner Kampf. Es ist ein Aufstand katholischer Laien gegen das von Kardinal Rainer Maria Woelki geführte Erzbistum. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG), der Seelsorgeeinheit für katholische Studierende an der Universität, klagen nach SPIEGEL-Informationen über »Drohszenarien« der Kirchenverwaltung und eine »immense psychische Belastung«.

Der Anlass für den Streit ist ein kirchenkritisches Positionspapier  aus dem vorigen Jahr. Darin bemängelten Referentinnen und Referenten der KHG, dass sich die Kirche immer weiter von der Lebensrealität junger Menschen entferne. Sie forderten unter anderem eine wertschätzende Haltung der Amtskirche gegenüber Beziehungen von homosexuellen Paaren und plädierten für eine »strukturelle Gleichstellung der Frauen durch Zulassung zu den Ämtern«.

Dem Kölner Kardinal Woelki war der Forderungskatalog offenbar ein Dorn im Auge. Das von ihm geleitete Erzbistum untersagte dessen Verbreitung per Dienstanweisung. Das Team der KHG gab nicht nach. Wie der »Kölner Stadt-Anzeiger« zuerst berichtete , sperrte die Diözese im November daraufhin zwischenzeitlich sogar die Internetseite der Hochschulgemeinde, weil diese Hinweise auf das zensierte Dokument enthielt.

Autonomie gefordert

Das Erzbistum betonte in einer Erklärung, dass zwar »die intensive und auch kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Positionen ein wichtiges Anliegen« sei. Diese müsse man aber in einer »sachlichen und angemessenen Weise« führen. Gleichzeitig wurde dem Pastoralteam der KHG mit arbeitsrechtlichen Schritten gedroht und ihm ein kommissarischer Leiter aus dem erzbischöflichen Generalvikariat vor die Nase gesetzt.  

Dagegen wehren sich die Angestellten der KHG jetzt vehement. In einer internen Petition, die dem SPIEGEL vorliegt, fordern sie vom Erzbistum nicht nur das Recht auf die Veröffentlichung ihres Positionspapiers, »um als katholische Kirche identitätsfähig sein zu können«. Sie verlangen auch »ein Ende der sogenannten kommissarischen Übergangsleitung und die Autonomie in inhaltlichen und strukturellen Entscheidungsfragen vor Ort«. 

Außerdem müsse die »arbeitsrechtliche Prüfung« umgehend eingestellt werden, heißt es in der Petition weiter. Die Zusammensetzung des Teams müsse unverändert bleiben. »Wir brauchen endlich Klarheit«, sagt die Pastoralreferentin Martina Schäfer-Jacquemain dem SPIEGEL. »Wir fürchten, dass wir jederzeit versetzt werden, um uns so mundtot zu machen.«

Das Erzbistum kommt nicht zur Ruhe

Diese Befürchtung kommt nicht von ungefähr. Der konservative Erzbischof Woelki ist auch in den eigenen Reihen bekannt für unpopuläre Entscheidungen. Im März etwa stoppte er kurzerhand die Veröffentlichung eines Gutachtens, in dem der Um­gang des Erz­bis­tums mit Fällen von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahrzehnten untersucht wurde.

Die »i­den­ti­fi­zier­bare Nen­nung der frü­he­ren Ver­ant­wor­tungs­trä­ger« sei nicht in all ihren Rechtsa­spek­ten »ab­schlie­ßend ge­klär­t«, hieß es damals zur Erklärung. Ins Visier geraten ist bislang vor allem der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der früher jahrelang Personalchef und dann Generalvikar im Erzbistum Köln gewesen war. Im Raum steht der Ver­dacht, Heße sei an der Ver­tu­schung eines Miss­brauchsfalls be­tei­ligt ge­we­sen.

Das Kölner Erzbistum kommt seitdem nicht zur Ruhe. Seit Wochen regt sich Protest gegen die Weigerung Woelkis, das Gutachten offenzulegen. Am Mittwoch wurde zudem bekannt , dass der Kardinal kurz nach seinem Dienstantritt 2014 offenbar einen Fall sexuellen Missbrauchs durch einen Pfarrer in Düsseldorf nicht an den Vatikan gemeldet hat – obwohl er dazu verpflichtet gewesen wäre. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller fordert nun Woelkis sofortigen Rücktritt .

Das Vorgehen des mächtigen Kardinals gegen die kleine Hochschulgemeinde gilt vielen als weiterer Beweis für seine Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen der Laien. Die Gläubigen stimmen derweil mit den Füßen ab. Jährlich werden in der Erzdiözese Tausende Kirchenaustritte verzeichnet.  

In seinem zensierten Positionspapier aus dem Jahr 2019 hatte das Team der KHG auch »gegen eine religiöse Aufladung von Macht« protestiert und eine schonungslose Aufarbeitung von Fällen sexueller Übergriffe in der Katholischen Kirche angemahnt. Die widerborstigen Laien forderten außerdem »einen konsequenten Rücktritt von Verantwortlichen, die Täter gedeckt und geschützt haben«.

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