Regierungsbeauftragter Rörig Machtstrukturen der Kirche begünstigen Missbrauch

Der Zölibat und starre Hierarchien sind nur zwei Gründe, die den Missbrauch in der katholischen Kirche befördern, sagt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung - und fordert eine Strukturdebatte.

Papst Franziskus
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Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat die katholische Kirche aufgefordert, jahrhundertealte Machtstrukturen zu überdenken. Durch den Zölibat, eine "schwierige Sexualmoral", ausgeprägte Hierarchien, die "moralische Machtposition" der Kirchen und dadurch, dass Frauen im geistlichen Umfeld kaum eine Rolle spielten, werde Missbrauch begünstigt.

"Es ist unumgänglich, dass die Kirche sich alle Bausteine ihrer Struktur ernsthaft kritisch vor Augen führt", sagte der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs angesichts des Spitzentreffens im Vatikan. Beim Gipfel zu den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche sitzen seit Donnerstag rund 190 Kirchenvertreter zusammen, darunter Papst Franziskus, die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen der Welt und Vertreter der römischen Kurie. Sie sprechen über Verantwortung, Rechenschaft und Transparenz.

Diskutiert werden soll auch über 21 Vorschläge, die Papst Franziskus am ersten Gipfeltag überraschend vorgelegt hatte. Zum Auftakt hatte er zudem von den Kirchenoberen konkrete Maßnahmen verlangt, um sexuellen Missbrauch zu bekämpfen.

"Es gibt keine Institution, die eine konservativere Sexualmoral vertritt und gleichzeitig über Jahrzehnte den sexuellen Missbrauch in ihren Reihen geduldet, vertuscht und geleugnet hat", kritisierte Rörig.

Johannes-Wilhelm Rörig
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Johannes-Wilhelm Rörig

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Priester und andere Geistliche rund um den Globus Kinder misshandelt haben. In Deutschland kam der Skandal vor rund zehn Jahren ans Licht. In der Debatte steht der Papst selbst unter Druck. Opfervertreter fordern konkrete Taten von dem Kirchenoberhaupt. Die große Mehrheit der Deutschen hält die vorgeschriebene Ehelosigkeit katholischer Priester laut einer Umfrage für eine Ursache von sexuellem Missbrauch.

Rörig sagte, er erwarte vom Treffen im Vatikan keine weltweite, abschließende Regelung zur Frage des Zölibats oder dazu, ob Frauen geweiht werden können. Die Kirche müsse aber zum Beispiel infrage stellen, was zur Vereinzelung einzelner Geistlicher führe.

Auch über die Beichte von Minderjährigen müsse nachgedacht werden. In der Vergangenheit sei diese Gelegenheit auch dazu benutzt worden, herauszufinden, bei wem möglicherweise sexuelle Gewalt verübt werden könne. Oder ein Kind habe unter Beichtgeheimnis von Übergriffen berichtet, die dann nicht weiter verfolgt wurden.

Außerdem erwarte er, dass sich alle identifizierten Täter, deren Fälle noch nicht verjährt sind, rechtsstaatlichen Strafverfahren stellen müssten. "Es muss über Strukturen gesprochen werden, die die Schuld bei den Laien abladen und dem Kleriker eine quasi unantastbare Machtposition geben", forderte Rörig.

"Sie müssen ganz klar die Schuld eingestehen"

Die katholische Kirche sei noch weit entfernt von unabhängiger Aufarbeitung, umfassender Aufklärung und wirklich authentischer Schuldanerkenntnis. "Sie müssen ganz klar die Schuld eingestehen - und zwar glaubhaft für die Betroffenen", sagte Rörig. "Sie müssen eingestehen, dass sie über Jahrzehnte Unrecht vertuscht, geleugnet und abgestritten haben." Die Frage der Entschädigung müsse neu diskutiert werden. Wichtig sei auch, dass Missbrauchsopfer Rechte beispielsweise auf Akteneinsicht bekämen.

Auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, sieht noch Defizite bei der Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in Deutschland. "Es ist nicht so, als würden sich die Bistümer nicht um die Aufarbeitung der Skandale kümmern. Aber das geschieht nicht überall gleich", sagte Sternberg der "Passauer Neuen Presse".

sen/dpa

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