Kirche und Missbrauch Katerstimmung nach dem Gipfel

Kaum ist der Antimissbrauchsgipfel im Vatikan vorbei, muss Kardinal Pell wegen sexueller Übergriffe in Haft. Katholiken weltweit sind entsetzt, der päpstliche Kinderschutzbeauftragte trotzdem guten Mutes. Warum nur?

Petersdom im Vatikan (Archiv)
DPA

Petersdom im Vatikan (Archiv)

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Hans Zollner ist verschnupft. An der Seite von Papst Franziskus hat der Jesuitenpater tagelang Sitzungen der Antimissbrauchskonferenz im Vatikan begleitet. Er hat Betroffene angehört, Workshops absolviert und Pressekonferenzen mit geleitet. Jetzt sitzt er erkältet, aber hochkonzentriert in einem kargen Raum in der Katholischen Akademie Hamburg und trinkt Orangensaft.

Es gilt, ein Resümee zu ziehen. Doch wie definiert man die Quintessenz einer Veranstaltung, die nichts Konkretes hervorgebracht hat, auch wenn dies vom Papst ausdrücklich gewünscht war?

Zollner ist Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana (CCP), außerdem Mitglied der Kinderschutzkommission im Vatikan: Er ist so etwas wie ein weltweiter Handelsreisender in Sachen Missbrauchsprävention. An der Gregoriana bildet er Experten aus, das CCP ist in derzeit etwa 25 Ländern aktiv.

Jesuit Hans Zollner
AP

Jesuit Hans Zollner

Noch vor der Konferenz hatte Zollner von einer "Lawine" gesprochen, die er erwarte. Geblieben ist der Eindruck, dass nur ein wenig alter Schnee von links nach rechts gefegt wurde - ohne jemandem auf die Füße zu treten.

"Nein", widerspricht Zollner, "die Lawine kam nur zögerlich in Gang, hat dann aber Fahrt aufgenommen und ist in die Breite gegangen." Es sei gelungen, afrikanische und asiatische Bischöfe bei der Missbrauchsbekämpfung an Bord zu holen. "Viele von ihnen waren der Meinung, es handele sich um ein Problem des Westens, das es bei ihnen nicht gebe. Diese Einschätzung haben viele Teilnehmer aus diesen Ländern inzwischen revidiert."

Des Problems ist man sich bewusst geworden, gut. Aber welche Maßnahmen wird Zollner konkret in Angriff nehmen? "Ich werde mir Gedanken machen, wie wir die Task Forces aufsetzen", sagt er. Dabei handelt es sich um Gruppen aus drei bis vier Theologen, Psychologen oder anderen Experten, die in bestimmten Abschnitten in die Bischofskonferenzen weltweit fahren und dort überprüfen, ob die Leitlinien zur Missbrauchsbekämpfung eingehalten werden.

In Irland, Australien und den USA gibt es bereits sogenannte Audits, also Inspektionen. "Es geht darum, die Ortskirchen auf Stand zu bringen, was den Umgang mit Betroffenen, Tätern, staatlichen Autoritäten betrifft, aber auch die Prävention und Priesterausbildung", sagt Zollner.

Das hört sich freundlich an. Die Kirche bringt auf Stand, berät und evaluiert - aber bestraft sie auch Verstöße? Zollner nimmt die Bischöfe in Schutz: "Viele glauben, sie würden sich weigern, etwas zu tun, was sie leicht umsetzten könnten. In Wahrheit haben sie in vielen Ländern oft kein ausgebildetes Personal und keine Ressourcen zur Verfügung." Angesichts des nicht unbeträchtlichen Vermögens der Katholischen Kirche könnte man anregen, Geld für solche Mehrausgaben zur Verfügung zu stellen.

Angesiedelt werden sollen die Task Forces bei der Glaubenskongregation oder dem Staatssekretariat - "einer Institution, die Gewicht hat", so Zollner. Letztlich soll das Ganze zu einem "rollenden System" werden, so dass die Bischöfe in der Lage sind, eigene Präventionsmaßnahmen zu ergreifen.

Nun gilt die Glaubenskongregation nicht gerade als Hort der Transparenz, die auf der Vatikankonferenz so vollmundig gepriesen wurde. Aber auch die Kinderschutzkommission, in der Zollner Mitglied ist, hat in der Vergangenheit Öffentlichkeit aktiv bekämpft.

Die Kinderschutzkommission - ein Feigenblatt?

Das Ex-Kommissionsmitglied Peter Saunders, ein Missbrauchsbetroffener aus Großbritannien, wurde auf Mehrheitsbeschluss aufgefordert, das Gremium zu verlassen. Er hatte vorgeschlagen, die ohnehin nur zweimal im Jahr stattfindenden Treffen der Kommission live zu übertragen. Eine zweite Betroffene, Marie Collins, verließ das Gremium unter Protest - wegen des offensichtlichen Reformunwillens.

Ist die Kommission also nur ein Feigenblatt? "Ich glaube, dass sich einige Mitglieder so gefühlt haben - weil sie nicht verstanden haben, wo die Grenzen unserer Kompetenzen sind", sagt Zollner. Das größte Ergebnis der Kommission sei "ihre schiere Existenz", denn damit habe Franziskus schon vor fünf Jahren das Thema Missbrauch auf die Agenda der Weltkirche gesetzt.

Aktivist Peter Saunders auf dem Petersplatz
AFP

Aktivist Peter Saunders auf dem Petersplatz

Es war Saunders, der den im Dezember wegen Missbrauchs von zwei 13-jährigen Chorknaben verurteilten Kardinal George Pell als "kalt, hartherzig und geradezu soziopathisch" bezeichnet hatte. Der ehemalige Papst-Berater Pell hatte ausgerechnet im Tatjahr 1996 eine umstrittene Anlaufstelle für Missbrauchsopfer in Melbourne eingerichtet. Der Vatikan reagierte zurückhaltend auf den Schuldspruch.

"Der Vatikan weigert sich in alter Tradition, jemanden wie Pell zu verurteilen", sagt Saunders. Niemand nenne den Kardinal einen verachtenswerten Missbrauchstäter oder freue sich, dass er endlich im Gefängnis sitze und kein Unheil mehr anrichten könne. "In den Augen der Welt hat die Kirche inzwischen jede moralische Autorität verloren."

Im Video: George Pell verurteilt

Pells Anwalt Robert Richter verstieg sich in einer Anhörung zu der Behauptung, die Übergriffe seien "nichts weiter als Blümchensex" gewesen, weil doch die minderjährigen Opfer keinen aktiven Part dabei übernommen hätten. Der Anwalt betonte, eine Strafe sei niedrig anzusetzen, wenn sexuelle Übergriffe "weniger als sechs Minuten" dauerten und es nicht zu einer Ejakulation gekommen sei. Zwar entschuldigte sich Richter später für seine Wortwahl. Aber seine Argumentation sprach Bände.

Zollner hält das geschilderte Tatgeschehen in der Sakristei, nach dem, was davon bekanntgegeben wurde, zumindest für unwahrscheinlich. Er beruft sich auf einen bekannten Jesuiten und Anwalt, Frank Brennan von der Australian Catholic University, der die Beweislage für nicht ausreichend hält.

Für die Kirche ist der Fall Pell ein massiver Imageschaden - auch, weil unterstellt wird, dass seine hohe Position in der kirchlichen Hierarchie ihn jahrelang geschützt hat.

"Keiner der Missbrauchstäter sollte glauben, dass er über dem Gesetz steht", sagt Marek Lisinski vom Netzwerk "Ending Clergy Abuse". Lisinski wurde in Rom vom Papst empfangen, der ihm die Hand küsste - "eine bedeutungsvolle und emotionale Geste", die ihn aber nicht davon abhalte, weiter für Gerechtigkeit und Reformen in der Kirche zu kämpfen. "Der Papst muss handeln."

In den USA ist derzeit zu beobachten, dass es Dinge gibt, die die Kirche noch mehr fürchten muss als etwa die Inhaftierung eines verurteilten Sexualstraftäters: Der unlängst im Bundesstaat New York verabschiedete "Child Victims Act" hat den Weg für eine ganze Welle von Klagen freigemacht. Ein Missbrauchsopfer aus Buffalo hat die Kirche auf Schadensersatz in Höhe von 300 Millionen Dollar verklagt. Im Rahmen eines Schlichtungsprogramms haben acht New Yorker Diözesen allein in den vergangenen zwei Jahren 228 Millionen Dollar an Betroffene bezahlt.

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