Liane Bednarz

Katholische Kirche in der Krise Ein himmlisch-höllisches Dilemma

Liane Bednarz
Ein Gastbeitrag von Liane Bednarz
Ein Gastbeitrag von Liane Bednarz
Die katholische Kirche kann nicht bleiben, wie sie war. Aber wie sehr kann sie sich verändern, wenn sie dabei ihren konservativen Kern bewahren will?
Kölner Dom

Kölner Dom

Foto: Krystof Kriz / imago images

Ganz und gar selbstverschuldet steckt die katholische Kirche wegen des erschütternden Ausmaßes von Missbrauchsfällen und deren Vertuschung in einer existentiellen Krise. Der deutsche Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, drückt es drastisch aus. In seinem Anfang Juni bekannt gewordenen, von Papst Franziskus allerdings abgelehnten Rücktrittsangebot sprach Marx nicht nur von einer individuellen »Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten«, sondern auch von »institutionellem oder systemischen Versagen«. Die katholische Kirche sei an einem »toten Punkt« angekommen.

Kurz darauf hat er diese Einschätzung im Rahmen eines Gottesdienstes präzisiert : »Ist nicht manches an der Sozialgestalt der Kirche vorüber? Nicht das Evangelium, nicht der Einsatz für die Kranken, nicht der Einsatz für den Nächsten, nicht die Feier der Eucharistie. Aber manches an Gehabe und an Selbstbewusstsein, das auf die Institution und auf die Macht und auf den Einfluss ausgerichtet ist, den wir hätten oder haben wollen – all das ist vielleicht doch vorüber.«

Marx ist also schonungslos. Genau eine solche Haltung ist angesichts des unfassbaren Leids, das der Missbrauch über das Leben der Opfer gebracht hat, für einen Vertreter der katholischen Kirche auch angezeigt. Ebenfalls richtig ist zu fragen, inwieweit sich die katholische Kirche übermäßig auf Macht und Einfluss, also letztlich auf weltliche Kategorien statt auf Demut in Jesus Christus fokussiert hat. Mit der recht pauschalen Kritik an dem, was »an der Sozialgestalt der Kirche« »vorüber« sein soll, wird es jedoch heikel. Denn damit spricht Marx die Verfasstheit der Kirche als solche an. Oder anders ausdrückt: das, was sie spezifisch katholisch macht.

In der öffentlichen Debatte wird der katholischen Kirche seit Jahrzehnten gerne, vor allem auch durch Nicht-Katholiken vorgeworfen, »von gestern« zu sein. Schnell kommen dabei die üblichen Reizthemen auf, darunter vor allem der Zölibat und die fehlende Frauenordination, also der Ausschluss des weiblichen Geschlechts von Weiheämtern. Die – dazu später mehr – Diskussion um die Betrachtung der Homosexualität steht hingegen auf einem anderen Blatt, denn sie betrifft nicht die Verfasstheit der Kirche, sondern den Umgang mit Menschen im Allgemeinen und erfordert daher eine andere Sensibilität.

Wer glaubt, ohne die Abschaffung des Zölibats und die Zulassung der Frauenordination seien die hohem Austrittszahlen nicht zu stoppen und die katholische Kirche auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit, sollte sich bewusst machen, dass es rein quantitativ gesehen in der evangelischen Kirche, die den Zölibat nicht kennt, dafür sehr wohl aber Pfarrerinnen, kaum besser aussieht. Im Jahre 2019 standen 272.771 Austritten aus der katholischen Kirche 270.000 aus der evangelischen Kirche gegenüber .

Im Grunde steht die katholische Kirche vor einem ähnlichen Problem wie die CDU: Wie behält man einen traditionellen, konservativen Kern bei und öffnet sich zugleich behutsam der veränderten Realität der Welt, in der wir leben? Viele Kirchenkritiker übersehen dabei regelmäßig einen Punkt, der die innerkirchliche Diskussion fundamental von ähnlichen Debatten in anderen Organisationen unterscheidet. Bei der katholischen Kirche kommt der Glaube an Gott ins Spiel. Darauf basierende Dogmen und Traditionen wirft man nicht einfach so über Bord, alleine schon aus der Angst heraus, sich damit zu versündigen. »Versündigungsangst« ist jedenfalls unter strengen Gläubigen tatsächlich eine zentrale Kategorie, auch wenn das kirchenfernen Menschen wenig nachvollziehbar erscheinen mag.

Zugleich aber ist der Sündensumpf des Missbrauchs zu tief, um sich nicht die Frage zu stellen, ob die Verfasstheit der Kirche diesen begünstigt. Aus diesem Grund haben die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken am 1. Dezember 2019 einen »Synodalen Weg « eröffnet. Dabei handelt es sich um ein Gesprächsformat, das die vier Themenfelder »Macht und Gewaltenteilung in der Kirche«, »Priesterliche Existenz heute«, »Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche« sowie »Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft« zum Gegenstand hat.

Im deutschen Katholizismus stehen sich in der Bewertung dieses »Synodalen Wegs« inzwischen zwei Lager nahezu unversöhnlich gegenüber. Während Hardliner den »Synodalen Weg« als »Anbiederei« an den »Zeitgeist« rundherum ablehnen, wollen Reformeiferer nicht verstehen, dass der (Pflicht-)Zölibat und die fehlende Frauenweihe durchaus etwas sind, was den Katholizismus einzigartig macht und ihn gerade in der Person des (zumindest offiziell) dem Sexualleben entsagenden und insoweit dem ehelosen Apostel Paulus nachfolgenden, ganz auf Gott ausgerichteten Priester zu etwas Transzendentem macht.

Richtig ist allerdings auch, dass der Pflichtzölibat biblisch nicht zwingend, sondern eine erst 1139 kirchenrechtlich verbindlich gewordene  Tradition  ist. Zwar steht im Katholizismus anders als im Protestantismus die Tradition eigenständig neben der biblischen Offenbarung und hat daher ein großes Gewicht. Gleichwohl hat die katholische Kirche vor allem im Zweiten Vatikanischen Konzil mit der (reichlich spät erfolgten) Anerkennung der Religionsfreiheit durchaus gezeigt, dass sie sich bewegen kann. Doch solche Öffnungsschritte bedürfen stets einer sehr genauen Diskussion der Vor- und Nachteile und vor allem einer theologisch fundierten Analyse.

Vorbildlich agiert insoweit etwa die Publizistin Christiane Florin. Sie schreibt in ihrem 2020 erschienenen Buch »Trotzdem! Warum ich versuche, katholisch zu bleiben«: »Der Zölibat ist nicht die Ursache sexualisierter Gewalt, aber er ist ein Risikofaktor.« Fraglos konnte und kann die Aussicht auf ein Priesteramt Männer mit fehlgeleiteter Sexualität anziehen. Psychologisch wäre daher zu fragen, wie man diesem Risiko begegnen kann, anstatt gleich die vollumfängliche Abschaffung des Pflichtzölibats zu fordern, zumal das Problem bei Priesteramtsanwärtern, die freiwillig monastisch leben, fortbestehen würde. Regelmäßige psychologische Begutachtungen jedes einzelnen Priesters könnten angezeigt sein. Andererseits würden diese auch das Gros jener, die wie jeder normale Mensch den Missbrauch verabscheuen, unter Generalverdacht stellen.

Auch gilt es, durch den Fokus auf die seit Jahrzehnten ganz generell bestehenden Reformwünsche »Abschaffung des Zölibats« und »Einführung der Frauenordination« nicht den Fokus weg von der originären Aufarbeitung des Missbrauchs- und Vertuschungsskandals zu lenken. Denn nach wie vor gibt es viel zu wenige Schuldeingeständnisse. Vor allem die Frauenfrage ist davon zu separieren. Gewiss wurden Frauen in der katholischen Kirche oftmals herablassend behandelt. Ob man ihnen deshalb den vollen Zugang zum Priesteramt öffnen muss, steht trotzdem auf einem anderen Blatt. Denn eines ist gewiss: die katholische Kirche ist keine rein weltliche, auf das Diesseits fokussierte Organisation. Sie ist eine zweitausend Jahre alte Institution, deren weltliches und ehrenwertes karitatives Engagement aus dem Glauben an Gott und an ein Jenseits herrührt. Primär geht und muss es ihr um zentrale Menschheitsfragen wie Sünde, Tod und Erlösung gehen. Mit einem solchen Kerncharakter muss sie sich nicht an jede Erwartung anpassen, die große Teile der Gesellschaft an rein säkulare Institutionen haben.

Apropos Sünde: Mindestens ebenso unversöhnlich wie in der Zölibatsfrage und bei dem Thema Frauenordination stehen sich die unterschiedlichen innerkatholischen Lager in der Frage von Segnungsgottesdiensten für homosexuelle Paare gegenüber. Das Ausgangsproblem besteht darin, dass der Katechismus der katholischen Kirche praktizierte Homosexualität untersagt, weil dies aus entsprechenden Bibelstellen abgeleitet wird, allen voran aus den Versen 26 und 27 im ersten Kapitel des Briefs des Apostel Paulus an die Römer .

Hinter den bis heute vorhandenen, vehementen Abwehrreaktionen aus dem besonders strenggläubigen Lager steckt fraglos oftmals flagrante Homophobie, andererseits aber auch die eingangs erwähnte »Versündigungsangst«. Deshalb ist es, will man bei diesem wichtigen Thema Skeptiker mitnehmen, von eklatanter Wichtigkeit, theologisch zu argumentieren und nicht bloß »aber es ist doch Liebe« zu sagen oder, wie im Mai durch diverse Priester geschehen, homosexuelle Paare im Widerspruch zum Kirchenrecht zu segnen. Das trägt, so verständlich es auf einer rein menschlichen Ebene ist, nur zur weiteren Polarisierung bei.

Besser wäre es, die Energie dahin zu lenken, ein theologisches Fundament für eine Neubewertung der Homosexualität im Vatikan zu schaffen. Bei der Religionsfreiheit ist das schließlich auch gelungen. Die herkömmliche Betrachtung der Homosexualität betrifft wie gesagt nicht die Verfasstheit der Kirche, hat aber das Potenzial, katholische Homosexuelle psychisch zu zerstören, weil man ihre Sexualität und damit etwas, das ein zentraler Bestandteil ihres Menschseins ist, für sündhaft erklärt.

Überzeugende Ansätze für eine theologische Neubewertung der in Frage stehenden Bibelstellen gibt es längst. So schreibt der Mainzer katholische Theologe Thomas Hieke in einem Beitrag zu dem 2015 erschienenen Sammelband »Wer bin ich, ihn zu verurteilen? Homosexualität und Katholische Kirche«: »Für die gesamte Antike gilt, dass (1) das heutige differenzierte Konzept von Homosexualität als vieldimensionales Phänomen und integriertem Bestandteil einer Persönlichkeit so nicht bekannt war und (2) das Thema bei weitem nicht den Stellenwert hatte, den es in der heutigen Kultur hatte. Auch die Hebräische Bibel, in christlicher Rezeption das Alte Testament, kennt Homosexualität im heutigen Sinne nicht.« In dieselbe Richtung geht für das Neue Testament der Jesuit Ansgar Wucherpfennig in seinem 2020 publizierten Buch »Sexualität bei Paulus«: Wenn »Paulus gleichgeschlechtliche sexuelle Aktivität in Röm 1,26-27 verurteilt [...] meint er damit nicht das, was heute mit Homosexualität oder mit gleichgeschlechtlicher Liebe gemeint ist«.

Dazu passt auch die für konservative Christen insgesamt, also nicht nur für Katholiken wichtige Äußerung des evangelikalen Theologen Thomas Schirrmacher , seinerseits Generalsekretär der »World Evangelical Alliance« (WEO): »Was im Alten und im Neuen Testament beschrieben wird, ist eine Sexualität, die heute auch jeder Homosexuelle in einer Partnerschaft ablehnen würde. Sie ist verbunden mit Abhängigkeitsverhältnissen, Gewalt, Vergewaltigung, Missbrauch von Minderjährigen, religiösen Machtmissbrauch. Was wir heute unter einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft verstehen, hat es damals so nicht gegeben.«

Man sieht, es ist also möglich, auch konservative gläubige Katholiken in Reformdebatten mitzunehmen. Gewiss, sture Hardliner werden sture Hardliner bleiben, es geht aber um all diejenigen gutwilligen Konservativen, die einerseits Traditionen bewahren wollen, andererseits aber auch offen für Argumente sind. Sie darf man nicht verprellen. Auch nicht durch überhastete Anbiederei an politisch-progressive Milieus, indem man etwa wie Kardinal Marx 2018 vorschnell meint, sich von dem eigentlich ja sehr schönen Begriff des »christlichen Abendlands« verabschieden zu müssen, nur weil Rechte diesen für sich instrumentalisieren. Besser wäre es, das »christliche Abendland« im Lichte einer weltoffenen, christlichen Humanität selbst zu besetzen .

Wer Volkskirche sein und bleiben will, sollte also möglichst viele Gläubige mit Argumenten von der Richtigkeit des eigenen Tuns überzeugen.