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20. September 2015, 07:53 Uhr

Junger Mann in katholischem Orden

Bruder Matthias

Von Sofia Dreisbach, Dortmund

Das komplette Gehalt abgeben? Nie eine Frau haben? Matthias Terhorst hat sich bewusst dafür entschieden. Nach dem Studium trat der junge Mann dem katholischen Pallottinerorden bei. Einblick in ein ungewöhnliches Leben.

Matthias Terhorst hat sich fürs Leben gebunden. Aber er hat sich nicht einer Frau versprochen, sondern Gott. Seinen Mitbrüdern aus dem katholischen Pallottinerorden gelobte er Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Ein Lebensentwurf, wie aus der Zeit gefallen. Aber Terhorst wirkt beim Treffen in einem Dortmunder Café überhaupt nicht altmodisch. Und vielleicht passt sein Lebensentwurf sogar besser in die heutige Zeit, als man zunächst denkt.

Terhorst ist 34 Jahre alt, hat blonde kurze Haare und einen Dreitagebart. Seinen Habit, die schwarze, bodenlange Ordenstracht, trägt er nur zu Hochfesten und Feiertagen. Im Alltag ist er der sportliche Typ: kariertes Hemd, Jeans, Turnschuhe.

Kein mittelalterlicher Mönch

Terhorst ist nicht nur Ordensbruder. Er ist Berufsschullehrer für Religion und Sport in Hamm, Schulseelsorger, leidenschaftlicher Futsal-Spieler, Fan des 1. FC Köln. Er lebt in einer Wohngemeinschaft der Pallottiner in der Dortmunder Nordstadt.

Warum tritt ein junger Mann aus der Großstadt einem katholischen Orden bei? Liebeskummer, berufliches Scheitern, ein Todesfall in der Familie - man stellt sich einen Bruch im Leben vor; etwas, das alles durcheinanderwirbelt und ihn dazu bringt, Ordensmann zu werden. Man erwartet eine Flucht zu Gott. Aber Terhorst hat kein Drama zu erzählen, nichts zu gestehen. Für ihn war die Entscheidung damals, am Ende des Studiums, ein langer Prozess "ohne schlaflose Nächte".

Ihm gefiel die große Offenheit der Mitbrüder - eine Vokabel, die selten fällt, wenn von der katholischen Kirche die Rede ist. Zum Ende des Studiums fragte sich der junge Mann: "Was kommt noch? Was ist Grundlage meines Lebens?" Die Entscheidung, sich den Pallottinern anzuschließen, habe Jahre gedauert, sagt er heute. Und dass er sie nie bereut hat.

Terhorsts Freunde reagierten unterschiedlich. Eine Freundin, die ihn in der Zukunft schon als Familienvater gesehen hatte, war überrascht von der Entscheidung und fürchtete, ihn als Freund zu verlieren. Ein Freund wiederum, mit dem er zweimal in der ökumenischen Gemeinschaft im französischen Taizé war, wunderte sich überhaupt nicht. In einem sind sich die beiden heute einig: Terhorst wirkt glücklich.

Ein langer Weg statt spontaner Entscheidung

Der Eintritt in einen Orden ist wohlüberlegt, der Weg dorthin lässt keine andere Wahl. Mit 29 begann Terhorst die zwei Jahre des Noviziats in Salzburg, er war dort der Jüngste. In dieser Zeit überlegen die Novizen, ob sie das Versprechen geben können, ob sie Gott folgen und eine verbindliche Entscheidung treffen wollen.

"Ich habe das Noviziat mit der Option begonnen, jeden Tag ausziehen zu können", sagt Terhorst. Doch er habe nie mit gepackten Koffern an der Tür gestanden. "Auch wenn ich mit solchen Worten sonst vorsichtig bin: Die Jahre in Salzburg waren ein Geschenk."

2012 folgte dann die erste zeitliche Profess, in der Anwärter Terhorst der Gemeinschaft des Heiligen Vinzenz Pallotti zum ersten Mal gelobte, sich sechs Aufgaben zu stellen: Ehelosigkeit, Armut, Gehorsam, Beharrlichkeit, Gütergemeinschaft und selbstloser Dienst in der Gemeinschaft. "In meinem Leben war es der richtige Zeitpunkt", sagt er. Im nächsten Jahr steht die Ewige Profess an, bei der er sein Versprechen erneuern wird - dieses Mal auf Lebenszeit.

Viele fragen nach der ungewöhnlichen Lebensweise

Von der Entscheidung, in den Orden einzutreten, hat Matthias Terhorst schon oft erzählt. Alle sind neugierig, Schüler, Kollegen, Bekannte, Freunde. Zu Beginn eines neuen Schuljahres können die Fragen der Schüler schon einmal eine ganze Doppelstunde dauern. Ob er nie eine Frau haben dürfe? Wie oft er bete? Wieso er sich dazu entschlossen habe? Wie viele Kinder er habe?

Terhorst beantwortet diese Fragen mit großer Geduld, er nimmt sich Zeit, überlegt und antwortet erst dann, wenn er die richtigen Worte gefunden hat. "Eigentlich bin ich kein Typ, der viel darüber spricht", sagt er. Wenn er jemandem im Alltag begegnet, dann spricht er mit ihm nicht über Religion, außer er wird danach gefragt.

Zu viert in einer Wohngemeinschaft

Terhorst lebt zu viert in seiner Wohngemeinschaft. Das ehemalige Pfarrhaus aus Backstein liegt in der Dortmunder Nordstadt, einem Migrantenviertel mit vielen Dönerbuden, Kiosken und Sozialwohnungen. Im Kircheneingang, wenige Meter von der Haustür entfernt, hat sich an diesem Morgen ein Obdachloser unter einer Plastikplane ausgestreckt, weil der Regen nicht aufhören will. Gottesdienste finden hier nur noch dreimal in der Woche statt, die Pallottiner-WG hat sich für ihr Zuhause keine katholische Hochburg ausgesucht. Das Haus ist ein Projekt, ein Versuch, mit den Bewohnern der Nordstadt in Kontakt zu kommen.

Matthias Terhorst wohnt im obersten Stockwerk, das Schlafzimmer liegt neben der kleinen Kapelle, in der die Hausgemeinschaft jeden Tag um halb sieben das Morgengebet spricht. In seinem Arbeits- und Wohnzimmer hängen Fotos von Familien mit Kindern an der Wand - seine Freunde. Mit einem Lachen erzählt er, dass ein Freund ihm den neugeborenen Sohn oft auf den Arm gegeben habe. "Damit du weißt, was du verpasst."

Trotz des Beitritts in den Orden fühlt er sich frei

Aber auch wenn Ehelosigkeit eine der schwersten Entscheidungen für Terhorst war, ist er zufrieden. "Ich fühle mich frei", sagt er.

Freiheit, das bedeutet für die meisten jungen Menschen, sich auszuprobieren, nicht festzulegen, schon gar nicht auf Dauer zu binden, ob in einer Beziehung oder im Berufsleben. Aber der Pallottiner definiert Freiheit anders: "Ich glaube an einen Gott, der mich so unendlich liebt und mich akzeptiert, wie ich bin, sodass ich meinen Alltag frei gestalten kann."

Matthias Terhorst hat seinem Orden auch Armut versprochen - das ist keine Floskel. Jeder Euro, den der Berufsschullehrer verdient, geht an die Provinzverwaltung der Pallottiner. Ein Teil davon kommt an seine Hausgemeinschaft zurück. Ob Kleidung, ein Drogerieeinkauf oder ein Kaffee, die Bewohner sammeln die Rechnungen und bezahlen aus einem Topf.

Pallottinerbrüder leben nicht im Überfluss

Große Reisen habe er mit dem Eintritt in den Orden "ad acta gelegt", sagt Terhorst. Es gibt zwar Pallottiner-Häuser auf der ganzen Welt, doch trotz Urlaubs-Obulus, den die Mitglieder erhalten, müssen sie für einen Langstreckenflug lange sparen.

Terhorst macht das nichts aus. Er ist gern Lehrer und Seelsorger und genießt lange Spaziergänge - nur tanzen tut er "viel zu wenig". Da sucht er sich die Gelegenheiten aus, am liebsten tanzt er bei Freunden. "Wenn andere dabei sind, und der Ordensmann fängt an zu zappeln, dann wirkt das auf einige etwas befremdlich. Sie denken: Muss da jemand gerade sein Leben kompensieren?" Aber das muss Matthias Terhorst nicht. Ein besseres Leben kann er sich im Moment nicht vorstellen.

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