Kerniger Saftprotz Testen Sie Ihr absolutes Apfelgehör

Nicht Guave oder Papaya, der gute alte Apfel ist der Deutschen liebste Obstsorte. Gerade haben die kernigen Kracher Hochsaison. Hier können Sie ausprobieren, ob man vom Klang eines Apfels beim Reinbeißen auf die Sorte schließen kann. Machen Sie den Apfel-Hörtest.


Es gab Zeiten, da wuchsen vielfältige Apfelfreuden vor meinen Augen direkt in den Himmel: Goldparmäne, Ontario, James Grieve, Gravensteiner, Ingrid Marie hießen die Bäume, die im Garten meiner Eltern standen. "Spalierobst" nannte man die pflegeleichten Baumkulturen des kleinen Mannes, und alle Sorten schmeckten vortrefflich - leicht bis sehr säuerlich, aromatisch, saftig und individuell. Bei Freunden und Verwandten mit Schrebergärten gab es noch mehr Arten.

Knapp 2000 Varianten waren Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland bekannt, bis heute sollen angeblich noch 400 bei uns im Umlauf sein. Aber das ist graue Theorie für Jäger und Sammler, die am Wochenende über ländliche Märkte und ferne Bauernhöfe streifen. Dort blüht manches im Verborgenen, und das Apfel-Glück der raren Sorten ist nur dem Ausdauernden hold. In der jeweiligen Ernte-Saison, versteht sich.

Wer im Supermarkt einkaufen muss, für den oszilliert die Apfelwelt zwischen Braeburn, Jonagold, Cox Orange und etwa Pink Lady. Und die glänzen meist mehr mit Aussehen als mit individuellem Geschmack. Schön knackig, süß und wässrig - die Käufer scheinen sich daran gewöhnt zu haben, was in den sechziger Jahren mit "Golden Delicious" auf breiter Geschmacksfront begann. Dieses stromlinienförmige Einerlei gibt es allerdings problemlos fast das ganze Jahr über, in einheitlicher Form, Farbe und Größe, der EU sei Dank. Und jeden Supermarktleiter entzückt die Problemlosigkeit bei Lagerung und Präsentation, außerdem ist ein genormtes Produkt generell leichter zu vermarkten.

Jäger der verlorenen Sorten

Solche Äpfel sind nicht die Domäne von Menschen wie Eckart Brandt, den man als "Pomologen" bezeichnen kann - ein Apfelexperte, der selbst über opulente Streuobstwiesen (bei Stade) verfügt, ständig auf der Suche nach alten, fast vergessenen Sorten ist und seine Ernte selbst auf Wochenmärkten verkauft. Der akribische Ansatz hat Tradition: Schon 1860 gründete sich in Deutschland der erste Pomologenverein. Ihn gab es bis nach dem Ersten Weltkrieg.

Danach fanden sich erst 1991 wieder Pomologen zu einer Vereinsarbeit zusammen, die allerdings bis heute fortbesteht. Und der Verein kann sich freuen, dass seine Ideale durch so medienwirksame und kreative Galionsfiguren wie Brandt vertreten werden. Eckart Brandt sieht so markant, rosig und authentisch aus, dass er ein gern gesehener Gast in TV-Talkshows wurde und im NDR schon öfter über die Freuden der selteneren Apfelsorten schwärmen durfte. Blumige Namen wie "Finkenwerder Herbstprinz" oder "Schöner von Haseldorf" können nur überleben, wenn sie gehegt und gepflegt (und promotet!) werden. Gern führt Brandt auch mal Gruppen über seine Plantagen und verkauft auch hausgemachten Apfelkuchen. Die "Kuchenform" ist aber (neben dem Obstbrand aus Äpfeln) schon die sündigste Version des köstlichen Obstes.

Aber bitte mit Schale

Ansonsten kann sich der knackige Saftprotz Apfel (lateinisch "malus") mit reichlich gesundheitsfördernden Eigenschaften brüsten. Deshalb beißt ein Drittel aller Deutschen laut Statistik einmal am Tag kräftig zu - das Ideal des "knackigen" Apfels transportierte lange Zeit der grüne "Granny Smith", gern als Haftmittel-Tester für dritte Zähne präsentiert. Dabei können mürbe Äpfel wie reife Idared ("mehlig" klingt so negativ) durchaus aromatischer und intensiver als die harten schmecken. Um den Vitamingehalt (besonders C) der Äpfel ist es ohnehin unterschiedlich bestellt: Ganz vorne liegt zum Beispiel der Saisonapfel Berlepsch und auch der saure Boskop, weniger vitaminreich sind wässrigere Vertreter wie Golden Delicious. Zum Vitamin C kommen noch B1, B2, B6, E und Provitamin A. Aber bitte mit Schale: Unter der festen Außenhaut der Frucht sitzen bis zu 70 Prozent der nützlichen Stoffe. Zudem wirkt der Apfel förderlich auf die Verdauung, reinigt beim Verzehr die Zähne und senkt mittels Pektin den Cholesterinspiegel. Und das ist noch nicht alles - der Apfel ist geradezu unheimlich gesund und daher in fast allen Diäten ohne Einschränkungen erlaubt.

Aber wie mit anderen Genüssen ist es auch mit dem Apfel: Einmal auf den ausgefallenen Geschmack gekommen, sind Sie bestimmt für alle Massenprodukte verloren. Nutzen Sie deshalb die laufende Saison, um apfelmäßig neue Geschmacksgipfel zu stürmen - und achten Sie darauf, dass sie wirklich ein paar Klassiker erwischen. Viele traditionell aussehende Neuzüchtungen schmecken derzeit zwar frisch und pikant, werden aber oft schon nach ein paar Tagen Lagerung matt und banal im Geschmack. Ökoäpfel der Sorte Topaz hingegen können Sie lange Monate genießen - er "mürbt" zwar ein wenig, sein Aroma bleibt jedoch sehr filigran und dennoch präsent. Vor allem: Würdigen Sie den Einsatz Ihres Händlers, wenn er Ihnen Außergewöhnliches anbietet - der Fachhandel lebt von Kennern und Liebhabern, die gern etwas mehr für gute Lebensmittelqualität bezahlen. Überhaupt: Genießen und zelebrieren Sie jedes hochwertige Lebensmittel. Nichts ist alltäglich - erst recht kein guter Apfel.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
GrafZahl 20.08.2007
1. Ist Obst gesund?
Tja, das ist schon ein erstaunlicher Test... Mittlerweile findet man auch neben EU-Norm-Äpfeln auch Obst aus China in unseren Supermarktregalen - was für ein Geräusch macht das wohl? Manche hören beim Raufbeissen das Ächzen ausgebeuteter Leiharbeiter. Manche hören kein Geräusch, schmecken aber DDT und Schwermetalle deutlich heraus :-)
descartes101, 23.08.2007
2. Alles geprüft und in Ordnung.
Zitat von GrafZahlTja, das ist schon ein erstaunlicher Test... Mittlerweile findet man auch neben EU-Norm-Äpfeln auch Obst aus China in unseren Supermarktregalen - was für ein Geräusch macht das wohl? Manche hören beim Raufbeissen das Ächzen ausgebeuteter Leiharbeiter. Manche hören kein Geräusch, schmecken aber DDT und Schwermetalle deutlich heraus :-)
Ach was, lassen Sie doch Ihren Sarkasmus stecken. Für Äusserungen wie diese wären Sie in China schon auf der Organspenderliste! Und vertrauen Sie am Besten den stichprobenhaften Kontrollen chinesischer Produkte, die sicherstellen, dass die Grenzwerte der EU für DDT und Schwermetalle nicht überschritten werden, so dass Sie nicht aus Versehen eine Überdosis Ihres täglichen EU-Norm-konformen Giftcocktails bekommen. Alles wird optimal für Sie geregelt, lehnen Sie sich zurück und schauen Sie DSDS, Denken war gestern.
van-mons 14.09.2007
3. Der korrekte Sortenname ist
DELBARD ESTIVALE Die Sorte stammt aus der Baumschule DELBARD in Frankreich. Grausig finde ich die Äußerungen deutscher Vergiftungsängste, die hier zum Thema APFEL gepostet wurden. Greenpeace Märchen: "Fürchtest du dich vor Gift ?" sprach der Globalisierte, "siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile; den roten Backen iss, den weißen will ich essen." Der Apfel war aber so künstlich gemacht, dass der rote Backen allein vergiftet war. Schneewittchen lusterte den schönen Apfel an, und als es sah, dass der Globalisierte davon aß, so konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder.
dorset-naga 15.09.2007
4. Breiige Äpfel - schöngeschrieben
Essen im Allgemeinen, Obst Essen im Besonderen und Apfel Essen im ganz Speziellen ist eben nicht nur ein geschmackliches sondern auch ein haptisches Erlebnis, d.h. der Genuss wird nicht nur durch den Geschmack sondern auch durch die Konsistenz, bzw. das Kau- und Beißgefühl bestimmt. Und so wie es Menschen gibt, die eine bestimmte Geschmacksnote (z.B. Oliven, Fenchel, Süßholz, Zimt) auf den Tod nicht ausstehen können, wohingegen andere das ganz toll finden, so gibt es Menschen, für die der Apfelgenuss eben mit der "Knackigkeit" d.h. dem Saftaustritt an der Bruchfläche verknüpft ist. Wenn diese dann beim Zubeißen auf eine spröde Pampe stoßen, die man ewig einspeicheln muss, damit sie überhaupt freiwillig die Speiseröhre hinunterrutscht, dann ist dieser Apfel aber gegessen. Die Saftausbeute aus solcherlei Apfelbrei ist auch nur mäßig. Auch wenn viele Obstverkäufer und erst recht die Jünger der Bio-Szene immer mit Unverständnis reagieren, wenn ich einen frischen, knackigen Apfel kaufen möchte, und nach dem ersten Biss in dieses breiige Etwas das Gesicht verziehe. Dann geht es denen wie dem Autor des vorliegenden Artikels. Aus der Tatsache, dass sie über kein Sensorium für den Unterschied verfügen, schließen sie messerscharf, dass es diesen nicht geben könne - wie ein Farbenblinder, der die Existenz von Farben leugnet. Und ein solcher Apfel wird erst recht nicht dadurch besser, dass man den Terminus mehlig durch den Euphemismus "mürbe" ersetzt.
scorpie 14.01.2008
5. Alte Apfelsorten: Sortenwirrwarr?
Hallo Apfelfreunde, der Spiegel-Artikel, der auch die modernen, normierten und wenig aromatischen (dafür aber handels-funktionalen) Apfelsorten erwähnt, wies nicht darauf hin, daß wir Verbraucher sie - bzw. die Seltenheit der alten, aromatischen Arten - dem Wirken von Politikern und Bürokraten verdanken - in den 60ern oder 70ern wurden den Bauern Prämien für deren Abholzung bezahlt. Begründung: um dem Sortenwirrwarr zu steuern. Man nennt es auch "Vielfalt". Und ... wer weiß denn schon, daß die Aussaat von Apfelkernen zu mindestens 20 % zu neuen, mitunter sogar bemerkenswerten Sorten führen kann? Dem verdankt z.B. "Ingrid Marie", aber auch viele andere Sorten, ihre Existenz. Mit solchen Taten würde die Furcht vor "Sortenwirrwarr" zur Panik gesteigert! Drum haltet Apfelkerne dem Boden ferne.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.