SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. März 2011, 07:17 Uhr

Kernschmelze in Reaktor 2

Japans Regierung greift AKW-Betreiber an

Im Unglücks-AKW Fukushima ist es nach Einschätzung der japanischen Regierung zeitweise zu einer Kernschmelze gekommen. Nun muss sich der Betreiber Tepco scharfe Kritik für den Umgang mit der Katastrophe gefallen lassen - die noch Jahre andauern könnte.

Tokio - In Reaktor 2 des havarierten Atomkraftwerks Fukushima I hat es nach Einschätzung der japanischen Regierung eine teilweise Kernschmelze gegeben. Radioaktives Material sei mit dem zur Kühlung eingesetzten Wasser in Berührung gekommen - das sei vermutlich der Grund für das verstrahlte Wasser, das in dem Reaktor entdeckt wurde, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Montag. Die erhöhte Strahlung sei offenbar auf den Block begrenzt. Die Regierung gehe davon aus, dass die Kernschmelze lediglich vorübergehend sei, so Edano.

Am Donnerstag waren in Fukushima drei Techniker verstrahlt worden - sie waren in Block 3 mit hochbelastetem Wasser in Berührung gekommen. Zuletzt stand in vier Reaktoren radioaktives Wasser.

In der Strahlenbrühe waren mehr als tausend Millisievert pro Stunde gemessen worden. Der Betreiber der Anlage, Tepco, hatte am Sonntag gemeldet, dass die Strahlung zehn Millionen Mal höher als sonst sei - wenig später wurden diese Angaben korrigiert: Der Wert liege bei einer 100.000-fach höheren Konzentration als normal. Scharfe Kritik an dem Umgang des Betreibers Tepco mit den Messwerten übte die Regierung in Tokio. Das sei "inakzeptabel", sagte Edano.

Die japanische Zeitung "Mainichi Shimbun" berichtete zudem am Montag, Tepco-Chef Masataka Shimizu habe sich während der Atomkrise mehrere Tage krankgemeldet. Der 66-Jährige sei am 16. März erkrankt und habe sich aus dem Krisenmanagement eine Woche lang zurückgezogen, hieß es. Die Agentur Kyodo berichtete, Shimizu sei inzwischen wieder bei der Arbeit. Seit einer Pressekonferenz am 13. März ist der Tepco-Boss nicht mehr öffentlich aufgetreten.

Neue Messwerte legen nahe, dass hochradioaktives Jod 131 auch viel weiter nördlich ins Meer gelangt ist als zunächst angenommen. Die Kontamination erstreckt sich demnach etwa 1,6 Kilometer weiter nach Norden als zuvor. An der Küste vor den AKW-Blöcken 5 und 6 seien Werte von Jod 131 gemessen worden, die 1150-mal höher als normal liegen, sagte Hidehiko Nishiyama von der Atomsicherheitsbehörde Nisa am Montag. Zuvor waren die Messungen nur südlich des Kraftwerks, vor den Reaktoren 1 bis 4, vorgenommen worden. Meerwasserproben hatten dort am Sonntag Werte radioaktiven Jods ergeben, die 1850-mal über dem Normalwert lagen.

Nach zahlreichen Rückschlagen, die Reaktoren am Unglücks-AKW Fukushima unter Kontrolle zu bringen, räumte der Betreiber Tepco die ungewissen Aussichten für seine Versuche ein, eine Kernschmelze zu verhindern. Leider gebe es keinen konkreten Zeitplan, um klar zu sagen, in wie vielen Monaten oder Jahren die Krise vorbei sei, sagte der Tepco-Vizepräsident Sakae Muto. An der Börse in Tokio brach die Tepco-Aktie am Montag um 14 Prozent ein.

Neues Beben nahe Fukushima

Der Atomexperte Najmedin Meshkati von der University of Southern California sagte, die Situation sei deutlich ernster als angegeben. "Das ist deutlich mehr als das, was eine Nation alleine bewältigen kann." Meshkati forderte ein Eingreifen des Uno-Sicherheitsrates.

In Fukushima versuchen die Arbeiter weiter, die Reaktoren zu kühlen. Die Techniker im havarierten AKW bemühen sich, den Zufluss von Wasser in die Druckkessel zu stabilisieren. Im Reaktor 2 sei dies bereits erreicht, nun wolle man auch die Pumpen in den beiden Reaktoren 1 und 3 umstellen, hieß es. Laut Tepco könnte es sein, dass die Druckkessel aller drei Reaktoren beschädigt sind. Grund sei, dass die Kessel noch nicht mit Wasser gefüllt seien.

Die Menschen in der japanischen Katastrophenregion im Nordosten des Landes wurden am Morgen von einem weiteren Nachbeben der Stärke 6,5 aufgeschreckt. Das Zentrum des Bebens lag in knapp sechs Kilometer Tiefe vor der Küste der Unglücksprovinz Miyagi in einer Entfernung von 163 Kilometern von Fukushima. Am AKW waren laut Tepco keine weitere Schäden durch das neue Beben zu erkennen. Eine zunächst ausgegebene Tsunamiwarnung wurde wenig später wieder aufgehoben. Der Bahnbetrieb auf den Hochgeschwindigkeitstrassen wurde nicht beeinträchtigt.

Die Region war vor gut zwei Wochen von einem schweren Erdbeben der Stärke 9,0 sowie einem verheerenden Tsunami getroffen worden. Mehr als 10.800 Menschen verloren ihr Leben, rund 16.000 Menschen gelten noch als vermisst. Noch immer sind mehr als 243.000 Menschen in Notunterkünften untergebracht. Die Behörden warnten die Bewohner für die nächste Zeit vor weiteren Nachbeben.

anr/hut/Reuters/dpa/dapd/AFP

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung