Eltern der ermordeten Journalistin Kim Wall "Wir grüßen uns jetzt immer mit Kims Zeichen"

Die schwedische Journalistin Kim Wall wurde im August 2017 brutal ermordet. Ihre Eltern Ingrid und Joachim Wall sprechen im Interview über ihre Trauer und den langen Schatten des Mörders.
Kim Wall in Paris

Kim Wall in Paris

Foto: Joachim Wall/ Kim Wall Memorial Fund

Selten hat ein Mord international so großes Aufsehen erregt wie der an der schwedischen Journalistin Kim Wall. Sie starb in einem U-Boot während einer Fahrt vor Kopenhagen. An Bord waren nur sie und der dänische Tüftler Peter Madsen, über den sie eine Reportage schreiben wollte. Sie war neugierig auf den Mann, der das U-Boot konstruiert hatte und mit einer selbst gebauten Rakete ins Weltall fliegen wollte.

Madsen hat Wall im August 2017 brutal ermordet und ihren Körper zerstückelt ins Meer geworfen. Er wurde von einem Kopenhagener Gericht rechtskräftig zur Höchststrafe nach dänischem Recht verurteilt.

Kims Eltern Ingrid und Joachim Wall äußern sich im Gespräch mit dem SPIEGEL zum ersten Mal in der deutschen Öffentlichkeit. Nächste Woche erscheint die Übersetzung des Buches, das sie über ihre Erlebnisse und Gefühle während der Ermittlungen und in der Zeit danach geschrieben haben. Vor allem aber wollen sie ihrer Tochter darin ein Denkmal als Journalistin setzen . Beide sind selbst in der Medienbranche tätig; sie lange als Journalistin und später als Pressesprecherin ihrer Heimatstadt Trelleborg, er als Fotoreporter, genauso wie ihr Sohn, Kims jüngerer Bruder.

Im Flur ihres Wohnhauses einige Kilometer außerhalb des Trelleborger Stadtzentrums am Ostseestrand füllen Familienfotos eine ganze Wand. Sie haben alle den gleichen Bildaufbau, das gleiche Format, die gleiche Rahmung. Aus jedem Jahr, seit Kim auf die Welt kam, ist eine Aufnahme zu sehen, im chronologischen Ablauf eine sehr persönliche Zeitreise. Bild Nummer 30 entstand am 9. August 2017, alle vier Walls schauen freundlich in die Kamera. Am Tag danach stieg Kim gegen 19 Uhr zur Recherche in Madsens U-Boot.

Bild Nummer 31 zeigt drei Menschen, die sich durch einen grausamen Verlust nicht unterkriegen lassen wollen. Sie formen Handzeichen, wie es Kim oft getan hat, mit gespreizten Zeige- und Mittelfingern, „sie hat es als Freundschafts- oder Friedenszeichen gemeint“, sagt Joachim Wall. Es ist für Familie und Freunde der Toten ein starkes Symbol der Erinnerung.

 

SPIEGEL: Wie oft denken Sie an Kim?

Joachim Wall: Sie ist immer bei uns.

SPIEGEL: Jeden Tag, jede Stunde?

Ingrid Wall: Ganz bestimmt. Sie lebte hier, wir sind hier 1985 eingezogen, sie ist hier überall.

SPIEGEL: Hat der Verlust Sie selbst und Ihre Beziehung als Ehepaar verändert?

Ingrid Wall: Nein, nein.

Joachim Wall: Wir sind immer noch dieselben. Wir wollen uns nicht ändern, ganz bewusst nicht. Ich möchte lachen und auch weinen können, und wir werden uns nicht verbiegen. Schließlich sind wir nicht schuldig, haben nichts Falsches gemacht. Wir haben zwei wunderbare Kinder bekommen, von denen eines ermordet wurde.

Ingrid Wall: Wir müssen damit jeden Tag umgehen. Es gibt keine Anleitung für Eltern, deren Kinder ermordet wurden. Wir denken sehr häufig darüber nach, was wir tun sollen. Zunächst haben wir überhaupt nicht öffentlich über den Fall gesprochen, denn wir wollten nicht das laufende Gerichtsverfahren beeinflussen.

Joachim Wall: Wir würden auch nie das Urteil kommentieren. Wir sprechen nicht mehr über den Mörder. Wir wollen nicht, dass er noch mehr mit Kim verbunden wird, als er es sowieso schon ist. Ich schäme mich so für meine Kollegen in den Bildredaktionen, die das Bild unserer Tochter immer neben das des Mörders setzen.

Ingrid Wall: Die einzige Verbindung der beiden war, aus Kims Perspektive, eine rein berufliche, die sich auf einen Zeitraum von vielleicht zweieinhalb Stunden beschränkte. Wir wollen, dass dieser Mann vergessen wird. Er hat keinen Platz in unseren Leben, aber Kims Vermächtnis soll weiterleben. Ein Teil des Erlöses aus jedem verkauften Buch fließt deshalb in die Kim-Wall-Stiftung.

SPIEGEL: Die haben Sie schon kurz nach dem Mord gegründet und Geld gesammelt, um Recherchestipendien für Journalistinnen zu vergeben. Geht es darum, die Lebensgeschichte ihrer Tochter zurückzuerobern?

Fotostrecke

Kim Wall

Foto: Joachim Wall/ Kim Wall Memorial Fund

Ingrid Wall: Ja, wir wollen, dass sie als sehr gute Journalistin und solidarisch denkender Mensch in Erinnerung bleibt und nicht als Opfer dieses unglaublich grausamen Verbrechens. Sie soll als die erinnert werden, die sie war und nicht als die, zu der sie durch die Tat gemacht wurde. Ihr gelang während ihres kurzen Lebens so viel, sie schrieb einige sehr wichtige Artikel, besonders die über die Folgen der Atomtests auf den Marshallinseln. Dafür und als Vorbild für andere Journalistinnen soll sie in Erinnerung bleiben.

Joachim Wall: Über den Fall sind weltweit mehr als 100.000 Artikel erschienen und es geht oft nur um das U-Boot und den Mord an der Journalistin Kim Wall.

Ingrid Wall: Uns ist es wichtig, dass sie Journalistin war. Uns ist es wichtig, dass Journalistinnen unterstützt werden. Das war Kim wichtig und soll nun auch mit der Stiftung geschehen.

Joachim Wall: Der Mörder hat über unser und Kims Leben und über so viele andere Menschen und den Journalismus so viel Schlechtes gebracht. Daher haben wir die Zeit für uns eingeteilt: Bis zum 10. August 2017 war die gute Zeit, danach begann die schlechte Zeit, mit Lichtpunkten – und jetzt machen wir weiter und versuchen gute Sachen zu machen. Das Stipendium fördert dieses Jahr drei weibliche Journalisten, und das finde ich gut.

SPIEGEL: Was wäre Kims Motto gewesen?

Ingrid Wall: Fight on.

SPIEGEL: Ihr Verhältnis zu Kim ist anscheinend sehr eng gewesen, obwohl sie die ganze Zeit um die Welt geflogen ist.

Ingrid Wall: Dank der technischen Möglichkeiten war es einfach, und dort wo es nicht einfach war, wie in China, wo Facebook verboten ist, fand sie Wege, trotzdem Kontakt zu halten. Wir teilten die gleichen Werte und hatten ähnliche politische Ansichten. Ich vermisse es so sehr, mit ihr zu diskutieren, aktuell über den Brexit, einfach weil sie so viel wusste. In der Nacht, in der Donald Trump gewählt wurde, hatte sie, damals in New York, mich angerufen und zu mir gesagt, jetzt müsse sie zusammenpacken und nach China gehen, da sich alle Schlagzeilen auf den verrückten Mann im Weißen Haus konzentrieren würden - und sie hatte recht damit.

Joachim Wall: Kim war Freiberuflerin und hat ihre Geschichten angeboten. Sie und ihre Kollegen waren befreundet und haben sich ausgetauscht, über Geschichten, aber auch über schwierige Redakteure. Diese Arbeitsweise möchten wir unterstützen. Hunderttausende Dollar haben wir bereits für den Fonds gesammelt, der noch lange bestehen wird. Die Stipendiatinnen bekommen 5000 Dollar, das ist die Summe, die für eine Reise, Unterkunft, einen sichereren Kontakt vor Ort und eine Reiseversicherung ausgegeben werden soll. Wir haben auch bei Kim immer darauf geachtet, dass sie versichert war.

Ingrid Wall: Aber nicht in Kopenhagen.

SPIEGEL: Und dann geschah eine solche Grausamkeit in der Ostsee direkt vor Ihrer Haustür.

Joachim Wall: Dafür gibt es keine Worte.

SPIEGEL: Wie wichtig ist für Sie der Kontakt zu Kims Freunden, um ihren Tod zu verarbeiten?

Joachim Wall: Das bedeutet uns unglaublich viel. Wir haben so viel Zuwendung und Empathie erfahren. Kim hatte viele Freunde, aus vielen Ländern. Manche von ihnen nennen uns inzwischen Mama und Papa. Eine Freundin aus der Nachbarschaft legte am Strand ganz hier in der Nähe ein Herz aus weißen Kieselsteinen, später mit Kims Namen in der Mitte, doch die Winterstürme rissen es weg. Als ich sie auf der Straße traf, fragte sie, ob sie ein Neues legen dürfe, dieses Mal weiter oben, wo der Sturm hoffentlich nicht hinreicht.

SPIEGEL: Was für eine Bedeutung hat dieser Ort für Sie?

Joachim Wall: Wir gehen dort jeden Tag mit dem Hund vorbei. Der ist für uns auch unheimlich wichtig gewesen, da er unseren Tagesrhythmus mitbestimmt. Wir müssen mit ihm morgens rausgehen, egal ob es hagelt oder schneit, egal, wie wir uns fühlen. Wir gehen raus und sprechen mit Menschen. Wenn ich Bekannte sehe, grüßen wir uns jetzt immer mit Kims Zeichen. Wenn wir uns auf verschiedenen Straßenseiten sehen, braucht so nicht jedes Mal jemand rüberkommen, damit wir uns umarmen können, wir können auch einfach dieses Zeichen machen.

SPIEGEL: Waren solch kleine Gesten am Anfang für Sie wichtig?

Joachim Wall: Sie sind es immer noch! Völlig fremde Menschen übergeben uns Steine für das Herz am Strand in Erinnerung an Kim. Manche schicken sie uns sogar per Post. Irgendjemand hat die Stelle auf Google Maps inzwischen als Kim Wall Memorial markiert. Als ich das gesehen habe, bin ich gleich hin und habe zu dem Eintrag ein 360-Grad-Foto hochgeladen.

SPIEGEL: Wie haben Sie den Tag erlebt, als Kim nicht mehr zurückkehrte?

Joachim Wall: Um 5.31 Uhr klingelte bei uns das Telefon, ich weiß das so genau, weil unser Wecker die Uhrzeit an die Decke projiziert. Am Apparat war ihr Lebenspartner Ole, der sagte, dass Kim mit einem U-Boot verschwunden sei. Wäre es jemand anders als Ole gewesen, hätten wir das gar nicht ernst genommen. Die Polizei musste er zweimal anrufen, bis dann die Seenotrettung alarmiert und mit Helikoptern gesucht wurde.

SPIEGEL: Sie hat über diese Recherche vorher nicht gesprochen?

Joachim Wall: Im März hatte sie erzählt, dass sie bei Ole auf der Kopenhagener Halbinsel Refshaleøen wohnte und dort nebenan zwei private Raketenwerkstätten seien. Dass der Mörder ein U-Boot hatte, das er beim Abschuss der Raketen als Kommandozentrale benutzen wollte, ahnten wir nicht. Eigentlich hätten wir an diesem Tag nach Berlin fahren wollen, um unseren Hochzeitstag zu feiern, stattdessen fuhren wir dann nach Dänemark, zum Ankerplatz des U-Boots. Als der U-Boot-Mann gefunden wurde, gab es zunächst Entwarnung, alle seien gerettet. Wir haben uns umarmt und vor Freude geweint, doch dann hieß es, das U-Boot sei gesunken. Die schwedische Polizei teilte uns schließlich mit, dass nur einer gerettet worden sei. Da war unsere Freude vorbei. In der Kaffeeküche bei der Polizei sahen wir über den Fernseher schließlich die Nachricht laufen: der U-Boot-Kapitän wurde unter Mordverdacht festgenommen. Das traf uns ganz unvorbereitet, wie ein Schock.

Ingrid Wall: Irgendwann mussten wir wieder nach Hause fahren, ohne wirklich etwas zu wissen. Aber wir hatten noch Hoffnung.

SPIEGEL: Es dauerte einige Tage, bis klar war, was mit Kim passiert ist. Wie sind Sie damit umgegangen?

Joachim Wall: Eine Ahnung hatten wir ziemlich schnell. Am Samstag, nur zwei Tage nach der Tat, klingelten zwei Polizisten und berichteten uns von der Aussage des Mörders, und dass dieser angab, Kim auf See bestattet zu haben. Das war uns unglaublich fremd und wir haben die Wortwahl auch nicht verstanden, schließlich ist Kopenhagen ein Zentrum der Seefahrt, binnen kurzer Zeit kann Hilfe geholt werden. Chefermittler Jens Møller Jensen bat uns, erst mal nicht darüber zu sprechen. Öffentlich machte er es erst zehn Tage später bei einer Pressekonferenz.

SPIEGEL: An welchem Punkt hatten Sie keine Hoffnung mehr?

Joachim Wall: Als Jens Møller anrief und sagte, eine weibliche Leiche sei auf Amager gefunden worden. Er war immer sehr menschlich und wollte, dass wir Ermittlungsergebnisse als erste erfahren. Zunächst hieß es noch, die Größe des Körpers passe vielleicht nicht ganz auf Kim. Da fragte ich, ob es nicht andere Erkennungsmerkmale wie die Haarfarbe gebe. Da sagte er: Es ist nur ein Torso. Was meinst Du, fragte ich. Es ist eine Leiche ohne Arme, ohne Beine und ohne Kopf, sagte er. Das war, ganz bestimmt, der schlimmste Augenblick in meinem Leben. Nachts um zwei rief er noch mal an und teilte uns das Ergebnis des DNA-Abgleichs mit. Da haben wir noch weniger verstanden.

Ingrid Wall: Wir werden es nie verstehen. Das ist unmöglich.

SPIEGEL: Wie schaffen Sie es, so stark zu wirken?

Joachim Wall: Dazu gibt es keine Alternative. Was hätten wir tun sollen? Wir sind bekannt in Trelleborg, Ingrid als städtische Kommunikationschefin und ich als Journalist. Plötzlich waren wir auch die Eltern von Kim, von der hier weniger Menschen wussten.

SPIEGEL: Wie ist es für Sie, nun als „Eltern von“ wahrgenommen zu werden?

Ingrid Wall: Das gibt uns die Möglichkeit, über Kim zu sprechen. Und solange jemand über sie spricht, ist sie bei uns. Es gibt Menschen, die finden, dass sie durch das Buch Kim nun kennengelernt haben. Am 10. August gibt es zum zweiten Mal den „Run for Kim“, um die Stiftung zu unterstützen. Anstatt diesen Jahrestag der Tat in Trauer zu verbringen, war es vergangenes Jahr bereits ein fröhlicher Tag, an dem Hunderte Menschen in 15 Orten weltweit mitgerannt, mitgelaufen, mitgegangen sind.

Joachim Wall: Wir haben den Termin ausgewählt, weil wir nicht wollten, dass die Medien am Jahrestag wieder den Mord nacherzählen. Auch Jens Møller und der Staatsanwalt nahmen an dem Lauf teil. Da sind wir stolz drauf. Mit beiden sind wir inzwischen befreundet.

SPIEGEL: Kims Social-Media-Accounts sind weiterhin online. Sollen auch sie an Ihre Tochter erinnern?

Ingrid Wall: Wir behalten das wohl noch einige Zeit. Dann müssen wir entscheiden, was damit passiert.

SPIEGEL: Sie wollen, dass Ihre Tochter nicht durch den Mörder definiert wird, sind aber immer in den Prozess gegangen und haben ihn gesehen und gehört.

Joachim Wall: Das war uns wichtig. Wir wollten zeigen, dass wir uns um unsere Tochter kümmern und dass sie durch uns dabei war, wir waren ihre Repräsentanten im Gerichtssaal. Wir wollten den Mörder ansehen, wir hatten ihn ja zuvor nie getroffen, und ihm zeigen, dass wir existieren. Und das war für ihn sichtlich unangenehm.

SPIEGEL: Das muss hart gewesen sein.

Ingrid Wall: Absolut, aber es war notwendig.

Joachim Wall: Er versteckte sich hinter einem Computerschirm, dann schaute er mal hoch, mir in die Augen und sofort wieder weg. Einmal beklagte er sich, dass wir auf dem Weg aus dem Verhandlungssaal zu nah an seinem Platz vorbeigingen und ihn dadurch störten. Deshalb mussten wir fortan einen Umweg machen.

SPIEGEL: Wenn Sie vom Mörder sprechen, nehmen Sie seinen Namen nicht in den Mund ...

Joachim Wall: ... ich lehne es ab, seinen Namen zu verwenden. Er hat schon genug Aufmerksamkeit bekommen, und manche Medien berichten auch heute noch groß, wenn er bloß mal zum Optiker gefahren wird.

SPIEGEL: Hassen Sie diesen Mann, Peter Madsen, Kims Mörder?

Joachim Wall: Über unsere Gefühle ihm gegenüber wollen wir nicht sprechen. Der Fall ist abgeschlossen – Hass ist nichts Gutes, wir wollen Gutes machen!

Ingrid Wall: Vergessen Sie ihn. Er hat uns bereits so viel gekostet, und wir wollen ihm nicht noch mehr von uns geben. Den Mörder kümmert es nicht, wie wir uns fühlen.