Elterncouch-Beauty-Tutorial Warum Mann jetzt Nagellack trägt

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Als sein Sohn wegen Nagellack gehänselt wird, malt Theodor Ziemßen sich selbst die Nägel bunt. Erst als Vorbild, dann als Fan.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Der Kollege im Fahrstuhl schaut mich an. Sein Blick fällt auf meine Hände und springt wieder hoch wie ein Flummi. Stille. Blickkontakt. Und wir müssen beide lächeln. "Du …trägst jetzt Nagellack", sagt der Kollege etwas irritiert. "Ja", sage ich und bin ein bisschen von mir selbst irritiert.

Ein paar Tage früher: Unser sechsjähriger Sohn Benjamin und meine Frau Therese hatten am Wochenende eine Reise unternommen. Seit einigen Monaten muss Therese viel arbeiten, oft hat sie auch abends Termine und wenig Zeit für die Kinder. Der zweieinhalbjährige Willem steckt das ganz gut weg, aber Benjamin hängt im Moment sehr an mir. Zugleich spüren wir, wie Benjamin es vermisst, Zeit mit seiner Mutter zu verbringen. Deshalb haben die beiden zwei Tage Reißaus genommen, um mal wieder etwas zu zweit zu machen, richtig zu reden, zu kuscheln. …Eben all das, was Therese und ich auch gern öfter machen würden. Na ja. Das Wochenende in Berlin muss jedenfalls toll gewesen sein. Die beiden sind danach ein Herz und eine Seele.

Als Benjamin am Sonntagabend zurückkommt, hat er rote Fingernägel. Sieht schick aus. Bei Erwachsenen finde ich Nagellack meist etwas aufdringlich. Wahrscheinlich, weil die Nägel bei ausgewachsenen Leuten so viel Fläche haben. Aber die kleinen bunten Punkte, die lackierte Kindernägel sind, finde ich super.

"Ich lackiere mir die Nägel, wieso?"

Montag Abend im Bad schnappt sich Benjamin Thereses Nagellackentferner-Pads und macht sich gewissenhaft daran, die Farbe runterzuwischen.

"Warum machst du denn die Farbe ab?", frage ich ihn.
"Jana war gemein. Sie hat gesagt, dass Jungs keinen Nagellack tragen dürfen."
"Und was hast du geantwortet?"
"Dass, wenn Jungs keinen Nagellack tragen dürfen, Mädchen auch keinen Nagellack tragen dürfen."
"Hm. Dann doch lieber alle, oder?", sage ich. "Ich zum Beispiel, hätte jetzt sehr gern lackierte Fingernägel. Suchst du mir eine Farbe aus?"

Während ich mir die Nägel knallrosa anmale, kommt Therese herein. "Was macht ihr denn?"
"Ich lackiere mir die Nägel, wieso?"
"O...kay" Therese guckt ein wenig durcheinander.
"Benjamins Mitschülerin hat gesagt, Jungs tragen keinen Nagellack. Aber warum sollten sie nicht?"
"Wir dürfen in der Schule keinen Nagellack tragen, weil der beim Schreiben Farbstreifen auf das Blatt macht", sagt Benjamin, und jetzt bin ich ein wenig durcheinander.
"Aha", sagt Therese und schaut mich fragend an. Allgemeine Verwirrung. Ich mag allgemeine Verwirrung. Also pinsle ich schweigend weiter und genieße.

Das tragen ja auch die Hipster in Berlin

Am Anfang ist es komisch. Lackierte Fingernägel fühlen sich schwerer an und ein bisschen, als wären sie luftdicht versiegelt. Was mich noch stört: Als ich die Nägel einer Hand lackiert habe, merke ich, dass ich keine Lust habe, die andere auch noch anzumalen. Das ist mir zu ordentlich. Aber zugleich denke ich: Wenn ich nur die Hälfte meiner Nägel anmale, ist dann nicht die ganze Geste halbherzig?

Am Wochenende ist Benjamins Tante Anna zu Besuch.

"Nagellack", sagt sie, "das tragen ja jetzt auch die ganzen Hipster in Berlin."

Autsch. Das hat gesessen. "Hipster" - und ich weiß, das ist oberflächlich - finde ich ein schreckliches Wort. Hipster sind für mich Menschen, die denken, sie könnten über Äußerlichkeiten ihr Inneres interessanter erscheinen lassen, als es ist. Und dann verbringen sie so viel Zeit mit Äußerlichkeiten, dass sie das andere darüber ganz verkommen lassen. Ich weiß, das ist ein Vorurteil. Vermutlich ist der Hipster-Look auch nur ein Versteck, wie die meisten Uniformen.

Ich will trotzdem nicht für einen Hipster gehalten werden. Aber warum eigentlich nicht? Kann mir doch egal sein, was andere von Äußerlichkeiten halten. Ist es nicht das, was ich Benjamin vermitteln will?

Meine Farbe? Irgendwas mit Regallack

Dafür verunsichert mich der Nagellack noch ganz schön. Hat nicht irgendein Mode-Designer mal gesagt, man muss aufpassen, dass man die Sachen trägt und nicht umgekehrt? Im Moment trägt der Nagellack mich. Einfach, weil ich noch nicht herausgefunden habe, wie ich Nagellack tragen will. Die klassische Art - zehn Finger, eine Farbe - ist nicht meins, das weiß ich schon. Aber wie dann?

Auf der Suche nach einer guten Farbe, treffe ich eine nette Verkäuferin, die einige Töne mit mir ausprobiert. Am Ende komme ich mit vier Nägeln in vier verschiedenen Farben aus dem Laden und finde es super. Am Morgen hatte ich zu Hause drei andere in einem dezenten Rosa angemalt und merke jetzt: Sieben bunte Nägel fühlen sich prima an.

Zu Hause lackiere ich weiter, dieses Mal Bretter. Ich baue ein großes Bücherregal für unseren Flur. Abends wasche ich mir die Hände, schrubbe alles gut, schaue auf meine Finger und sehe, dass der Lack auf einigen Nägeln angekratzt oder ein wenig abgeplatzt ist. Auf zwei oder drei haben sich außerdem ein paar Lackspritzer geschummelt. So gefällt es mir sogar noch besser.

"Ich finde dich mit Nagellack nicht so sexy"

Beim Tippen dieses Textes trage ich (von links nach rechts): Türkis (mit etwas Regallack vermischt), nichts, verkratztes Orange, fast komplett abgeplatztes Rosa, ziemlich abgeplatztes Rosa, nichts, nichts, nichts, Platzerosa, Platzerosa mit Regallack.

Vorgestern fragt Therese beiläufig, wie lange das mit dem Nagellack eigentlich noch gehen soll. Ich sage, dass es eigentlich gerade erst anfängt, richtig Spaß zu machen.
"Aha."
"Findest du das doof?", frage ich.
"Na ja. Sagen wir: Ich finde dich mit Nagellack nicht so sexy wie ohne."
Was soll's. Ich bin ja Thereses Mann und keiner von den Chippendales.

Und Benjamin? Der hat sich seit meiner ersten Nagellackierung im Bad nicht mehr für bunte Nägel interessiert.


Liebe Leserinnen und Leser, wie reagieren Sie darauf, wenn Ihre Kinder Geschlechterklischees allzu ernst nehmen? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.



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45 Leserkommentare
isikat 01.06.2019
AmDraht 01.06.2019
testuser2 01.06.2019
Hamburg4ever 01.06.2019
heinz k 01.06.2019
zdophers 01.06.2019
krypton8310 01.06.2019
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villazurfroehlichenkatze 01.06.2019
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Leto13 02.06.2019
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Crom 02.06.2019
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Wicking-Bär 22.07.2019
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