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06. August 2015, 11:01 Uhr

Elterncouch

Conni mit der Sch... im Haar

Von Juno Vai

Hörspiele sind super. Das Kind hängt nicht vor dem Fernseher, kann parallel Lego spielen und muss die Klappe halten, wenn es die Geschichte verstehen will. Pech nur: Manchmal müssen die Eltern mithören.

Es gibt Kinder-Hörspiele, die Eltern den Weg ins Burn-out verkürzen. Lange Jahre musste ich durch das öde Conni-mit-der-Schleife-im-Haar-Tal wandern. Conni ist ein notorisch gutgelauntes Mädchen mit Ringelhemd und blonden Rattenschwänzen, ihre Mutter eine altkluge Dame mit dem naseweisen Duktus einer Marietta Slomka.

Mutti nötigt ihre wohlerzogenen Kinder, zu Ostern Kräuter auf einem Wattebausch zu züchten, um dann loszuflöten: "Kresse schmeckt nicht nur auf Brot, Quark oder Salat, sondern enthält auch ganz viel Vitamin C, B-Vitamine, Kalium, Calcium, Eisen und Phosphor." Wow.

Ich erinnere mich an einen sehr langen Sommer auf der Datsche, in dem zwei "Conni"-CDs gefühlte zwölf Stunden am Tag abgespielt wurden. Totale Begeisterung auf Seiten meiner Tochter. Totales Entsetzen beim Mann. "Conni, Conni mit der Scheiße im Haar", fluchte er beim Rasenmähen - eine Steilvorlage für meinen Sohn, der unverzüglich weitere unflätige Variationen des Jingles produzierte: "Conni, Conni, die kackt oft und auch gern, Conni, Conni, die legt Häufchen nah und fern", sang er und schmiss sich ins Gras vor Lachen.

Aber Conni lebte weiter. Und wie. Sie verlor Hunde, rettete ihre Oma, flog nach Griechenland und war Gast auf einer Hochzeit. Sie tat einfach alles, was alltäglich war und sich gut verkaufen ließ. Und weil die Soap-artige Langeweile sich blendend verkaufte, tut sie es noch heute. Inzwischen ist das Mädchen mit der Schleife im Haar ein Teenager geworden, der Jungs im Schnee küsst und "Liebesquiz" spielt. Die Kinderarzt-Mutter aber ist dieselbe geblieben, ebenso der dümmlich-gutmütige Vater, ein Statik-Experte.

"Ich muss dich piksen"

Während unseres Urlaubsmartyriums kamen Fragen auf: Wer denkt sich so einen Mist aus? Und - hier kommen wir zum Kern des Problems - wieso gefällt das meinem Kind? Die Antwort auf die Was-haben-wir-nur-falsch-gemacht-Frage blieb aus. Die Rettung aber nahte. Sie hieß: Ritter Rost.

Humor im Kinderzimmer, ein krasses Erlebnis. Selbst der Verdacht, dass es sich bei den Autoren von "Ritter Rost" um Heroinabhängige (das eindeutig mehrdeutige Lied über die Spritze) oder wahnsinnige Analfixierte (Doktor Quacksilbers "Verschönerungszäpfchen") handelte, konnte uns nicht abhalten: Wir liebten Ritter Rost - und grölten jeden noch so absurden Song mit. "Ich muss dich piksen, weil man mich dafür schuf, Krankheiten besiegen, ist nun mal mein Beruf", sang die Spritze.

Der Held selbst ist feige, hypochondrisch und faul, aber nichts im Vergleich zu den verschrobenen Charakteren, die ihn umgeben. Etwa das vom Putzzwang beseelte Muttersöhnchen Prinz Protz, das sich später als mieser Kidnapper entpuppt. Oder der strohdumme König Bleifuß, der seine Geistesblitze vom Hofschreiber protokollieren lässt, weil er "so ein Schlaukopf ist". Nicht zu vergessen das forsche Burgfräulein Bö, der völlig verpeilte sprechende Hut und der näselnde Drache Koks.

Ritter Rost kommt musikalisch wie erzählerisch ein wenig psychedelisch rüber. Nach der Spritze versinkt er im Lilanimmerland: "Wir fühlen uns ganz müde, als schläft unser Verstand", singt eine Frau mit honigsüßer Stimme. Das ist ein bisschen irre, und man fragt sich: Wieso komponiert und textet jemand so etwas ausgerechnet für Minderjährige?

Und wenn die Kinderchen trotzdem Schrott hören wollen?

Ich rufe den Autoren an, um ihn zu fragen, ob er und sein Mitstreiter Felix Janosa eigentlich dauerbekifft waren, als sie ihre Werk schufen. "Mitnichten", sagt Jörg Hilbert. "Ich bin naturstoned."

Der Erfolg von "Ritter Rost" sei vermutlich der Auffassung geschuldet, dass Kinder und Erwachsene dasselbe mögen und witzig finden können (Danke!). Es sei nicht schlimm, wenn die Kids einige Witze nicht verstünden, dafür hätten die Eltern wenigstens auch ein bisschen Spaß. "Das Schöne an Kinderliteratur ist, dass die Erotik rausfällt", sagt Hilbert. "Da kann man sich aufs Wesentliche konzentrieren."

Ich stimme ihm begeistert zu, auch, weil die harmlosen Hörspiele meiner Tochter inzwischen verdrängt wurden von einer männerverschlingenden, in neurotischer Dauererregung verharrenden Violetta - Heldin einer argentinischen Telenovela, die keine Mutter, die halbwegs bei Sinnen ist, als Role Model für Teenager empfehlen kann.

Wie hätte ich das verhindern können, will ich von Hilbert wissen. Er seufzt. "Ach, man sollte mit gutem Beispiel vorangehen und gute Musik und Filme konsumieren." (Machen wir doch, meistens, glaub ich, oder?) "Man sollte schöne Dinge schaffen, an die sich die Kinder später erinnern." (Gitarre spielen, singen, im Studio eine CD aufnehmen - check!) "Man sollte ein kreatives, anregendes Umfeld schaffen." (Ähm, gleich nach der Frühschicht?)

Und wenn die lieben Kinderchen trotzdem unbedingt Schrott hören wollten? "Dann", so der Vater von "Ritter Rost" weise, "muss man sie einfach lassen."

Nachtrag: Ich habe meiner Tochter unvorsichtigerweise von diesem Blog erzählt. Als sie erfuhr, dass Conni jetzt Jungs im Schnee küsst, passierte Folgendes: Sie schrieb in großen runden Buchstaben "Conni - Mein Sommer fast ohne Jungs" an Platz eins ihres Geburtstagswunschzettels.

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