Kinderkriminalität Ladendiebstahl als Mutprobe

Die Zahl der Gesetzesübertretungen von Kindern hat im vergangenen Jahr weiter zugenommen. Fast 150.000 Verdächtige wurden gezählt.


Berlin - Die Kriminalität von Kindern in Deutschland hat im vergangenen Jahr erneut zugenommen. Die Zahl der Tatverdächtigen bis 14 Jahre erhöhte sich im Vergleich zu 1997 um drei Prozent. Das gab das Deutsche Kinderhilfswerk am Freitag in Berlin bekannt. 1998 seien 148.000 Verdächtigte gezählt worden. In mehr als der Hälfte dieser Fälle (54 Prozent) seien Kinder wegen Ladendiebstählen aufgefallen. Mit weitem Abstand folge Sachbeschädigung mit Graffiti sowie Vandalismus und Körperverletzung.

Als einzige Bundesländer haben dem Bericht zufolge die Stadtstaaten Berlin und Bremen einen Rückgang bei der Kinderkriminalität zu verzeichnen. Die deutlichsten Zunahmen seien in Rheinland-Pfalz (plus 17 Prozent), Bayern (14 Prozent), Baden-Württemberg (neun Prozent) sowie Hessen und Sachsen (je acht Prozent) festzustellen. Der Präsident des Hilfswerks, Thomas Krüger, kommentierte die Entwicklung mit den Worten: "Wichtig ist die unmittelbare Reaktion auf Straftaten, aber auch die verstärkte Prävention durch Schule, Eltern und Polizei."

Eine Abfuhr erteilte Krüger wiederkehrenden politischen Forderungen nach geschlossenen Heimen, Einstiegsarrest oder härteren Strafen für straffällig gewordene Kinder. Dieser Ansatz habe sich schon in der Vergangenheit als untaugliches Mittel erwiesen. Richtig seien dagegen unmittelbar folgende Sanktionen, die Kinder mit der Tat in Verbindung bringen könnten. Innerhalb von zehn Tagen müsse ein Gespräch mit den betroffenen Kindern oder Jugendlichen stattfinden, das entweder über die Einstellung des Verfahrens oder weitergehende Strafen entscheide, erklärte Krüger. Geschlossene Heime würden nur dazu führen, daß Kinder mit solchen Kindern in Berührung gebracht würden, die bereits auf die schiefe Bahn geraten seien.

Gerade der Ladendiebstahl ist nach Überzeugung Krügers differenziert zu sehen. Kinder legten oft großen Wert auf durch Werbung entstehende Statussymbole wie Kleidung, CDs oder Parfüms, die sie sich nicht leisten könnten. Schon dies sei eine Versuchung zum Diebstahl. Hinzu komme, daß zur Aufnahme in Gruppen Gleichaltriger oft der Ladendiebstahl als Mutprobe gehöre. Andererseits sei auch die Bereitschaft von Erwachsenen gestiegen, beim Diebstahl gefaßte Kinder bei den Behörden zu melden. Dies gilt nach Meinung von Krüger auch für Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten, die unter Konkurrenzdruck stünden und Erfolgsmeldungen benötigten. Krüger forderte ein abgewogeneres Vorgehen, da Anzeigen wegen jedes gestohlenen Gummibärchens dem Problem nicht gerecht würden.



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