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Fortpflanzungsmedizin »Kinderlosigkeit ist wie eine Krankheit«

2021 gab es in Deutschland 128.709 Kinderwunschbehandlungen – gut 15.000 mehr als im Jahr zuvor. Fortpflanzungsmediziner Andreas Tandler-Schneider, 60, fordert, die Krankenkassen müssten ihre Zuschüsse ausweiten
aus DER SPIEGEL 45/2022
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Privat

SPIEGEL: Herr Tandler-Schneider, Sie leiten das Fertility Center Berlin. Auch zu Ihnen kamen im vorigen Jahr deutlich mehr Patienten. Warum?

Tandler-Schneider: Im vergangenen Jahr sind die Menschen weniger in den Urlaub gefahren und hatten mehr Zeit, um sich dem Thema Kinderwunsch zu widmen. Im Homeoffice waren viele zeitlich flexibler und konnten leichter Termine bei Ärzten wahrnehmen. Durch die Reiseeinschränkungen hatten Paare auch mehr Geld zur Verfügung. SPIEGEL: Eine künstliche Befruchtung kostet bis zu 6000 Euro. Krankenkassen bezuschussen Kinderwunschbehandlungen. Warum sollten alle Mitglieder dafür zahlen, dass ein Paar Kinder bekommen kann?

Aus: DER SPIEGEL 45/2022

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Tandler-Schneider: Die Krankenkassen bezuschussen in der Regel drei künstliche Befruchtungen zur Hälfte – und auch nur, wenn die Frau zwischen 25 und 40 Jahre alt und das Paar verheiratet ist. Sterilität und Endometriose sind zum Beispiel Krankheiten, die zur Kinderlosigkeit führen. Kinderlosigkeit ist dann mit einer Krankheit gleichzusetzen. Aus diesem Grund müssen die Kassen diese Behandlungen bezuschussen. Auch wer keine Kinder will, muss das mittragen.

SPIEGEL: Dass auch die Zahl der Befruchtungen mit Spendersamen steigt, hat aber nichts mit Krankheiten zu tun?

Tandler-Schneider: Richtig. Auch immer mehr lesbische Paare und alleinstehende Frauen entscheiden sich für eine künstliche Befruchtung. In dieser Gruppe hat sich die Zahl der Behandlungen im letzten Jahr von 645 auf 1115 fast verdoppelt.

SPIEGEL: Wer trägt hier die Kosten?

Tandler-Schneider: Singlefrauen müssen voll zahlen, ebenso alle Paare, die auf Spendersamen angewiesen sind. Für Paare, die aus medizinischen Gründen keine Kinder bekommen können, empfinde ich das als diskriminierend. Es handelt sich um eine Lebensentscheidung, und für die Betroffenen ist der Kinderwunsch, der sonst unerfüllt bliebe, mit großem Leid verbunden.

SPIEGEL: Einige Ärztekammern sehen Kinderwunschbehandlungen von Singlefrauen noch immer kritisch.

Tandler-Schneider: Manche öffnen sich zum Glück jetzt. Andere vertreten noch immer die veraltete Einstellung, dass zu einer Familie Vater und Mutter gehören. Sie sehen es nicht gern, wenn Frauen allein Kinder großziehen

kha
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