Kindermörder hinter Gittern "Wie lebendig begraben"

"Nach unten treten" lautet das Motto in deutschen Gefängnissen. Um nicht von den Mithäftlingen tyrannisiert zu werden, verschweigen Kindermörder oder Vergewaltiger ihre Taten und geben sich als "ehrbare" Verbrecher aus - das funktioniert aber nicht in allen Fällen.

Von Markus Brügge


Markus Wirtz und Markus Lewendel während des Prozesses: "Man kann nicht ständig aufpassen"
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Markus Wirtz und Markus Lewendel während des Prozesses: "Man kann nicht ständig aufpassen"

Hamburg - Der Richter fand nur harte Worte für die Verurteilten: Sie erwarte im Gefängis eine Strafe, die "vielleicht schlimmer sei als die Todesstrafe". Zwar ließ Gerd Nohl diesen Satz später entschärfen - doch die Frage stand im Raum: Wie wird es den Kindermördern Markus Wirtz und Markus Lewendel im Knast ergehen?

Was es zu bedeuten hat, im Gefängnis "auf der untersten Stufe zu stehen", wie Nohl in seiner Urteilsbegründung sagte - das weiß Klaus Jäkel als Bediensteter im Strafvollzug nur zu gut. "Die sind ständig in Gefahr." Manche Mitgefangene sähen es geradezu als Ehre an, persönlich für die Bestrafung von Sexualtätern zu sorgen. "Die warten nur darauf, mit denen abrechnen zu können."

Wie vor wenigen Wochen in Münster: Dort wurde ein ehemaliger Tankstellenbesitzer fast ins Koma geprügelt. Ein Mitgefangener hatte ihn in der U-Haft angegriffen und zusammengeschlagen, der Mann landete mit einem Schädelbasisbruch im Krankenhaus. Sein Verbrechen: Missbrauch von Jungen.

Können Wachleute im Gefängnis nicht verhindern, dass andere Häftlinge zur Selbstjustiz greifen? "Man muss halt ständig aufpassen, dass es so wenig Kontakt wie möglich gibt", sagt Jäkel, der Vorsitzender des NRW-Landesverbandes des Bunds der Strafvollzugsbediensteten ist. "Es gibt Einzelzellen, es gibt Einzelduschen und einen isolierten Freigang, natürlich." Auf der anderen Seite stehe dem der Gedanke der Integration der Gefangenen entgegen - und der Personalmangel in deutschen Haftanstalten. "Sie können Übergriffe auf Dauer nicht wirklich verhindern", so Jäkel über die Realität im Knast. Ende der Neunziger wurden laut der Polizeilichen Kriminalstatistik gut 2000 Missbrauchstäter verurteilt - gut 2000 Häftlinge, die man vor Zwischenfällen schützen müsste.

"Zwischenfälle", das bedeutet: Schmähungen, aber auch Schläge, Vergewaltigung oder sogar Mord. Natürlich gebe es Einzelfälle, in denen "einer umgelegt" wurde, sagt Jäkel. "Das ist wie draußen. Wenn auf jemanden ein Kopfgeld ausgeschrieben wird, dann kann ihn die Polizei für eine gewisse Zeit schützen - aber nicht für immer." Für die Kindermörder Lewendel und Wirtz hat Klaus Jäkel deshalb nur einen Rat: sich möglichst fern zu halten von den Mithäftlingen. "Die gucken alle Fernsehen und der negative Bekanntheitsgrad der beiden wird noch lange nachwirken."

Richter Gerd Nohl: Schlimmer als die Todesstrafe
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Richter Gerd Nohl: Schlimmer als die Todesstrafe

Doch ist nicht jeder Sexualstraftäter im Knast auch als solcher bekannt: Meist wissen die anderen Gefangenen nicht, welche Tat ihre Zellennachbarn begangen haben - manche geben sich als Bankräuber aus, das gilt als "ehrenvoller". Markus Wirtz und Markus Lewendel bleibt dieser Ausweg nicht. "Sie werden in der Hierarchie ganz weit unten stehen", sagt Sabine Nowara, Rechtspsychologin und Ausbilderin für Psychotherapeuten, die mit Sexualstraftätern arbeiten.

Auch Nowara glaubt nicht, dass es langfristig möglich ist, die Mörder von Tom und Sonja völlig zu schützen. "Der Preis wäre eine vollkommene und ständige Isolation." Doch was den Männern blüht, wenn sie sich in die Knast-Gemeinschaft wagen - darüber macht sich die Psychologin keine Illusionen: Es habe unter den "Normalbürgern" schon viele gegeben, die "Bestrafungswünsche" gegenüber Wirtz und Lewendel hätten, "die Mitgefangenen sehen das im Zweifel noch härter." Auch im Knast gelte das Motto: Nach unten treten. "Sogar wenn man im Gefängnis sitzt, kann man sich jemanden suchen, der noch Schlimmeres getan hat als man selbst", so Nowara.

Selbst wenn es nicht um die Gefahr für Leben und Leib geht - die Mörder von Eschweiler dürfte Psycho-Terror erwarten, den Sabine Nowara so beschreibt: "Lärmen, wenn die beiden über den Flur gehen, Beschimpfungen, Drohungen - und das kann kein Wachmann verhindern."

Pater Clemens ist der katholische Seelsorger an der Justizvollzugsanstalt Tegel in Berlin. Er hatte bei den Worten von Richter Nohl kein gutes Gefühl: "Was hat das in einem Urteil zu suchen?", fragt er, aber er schließt gleich an: "Ein Stück Wahrheit steckt natürlich drin, wenn der Richter davon spricht, dass es schlimmer sein wird als der Tod."

Urteilsverkündung vor dem Aachener Landgericht (Zeichnung): Wie lebendig begraben
DDP

Urteilsverkündung vor dem Aachener Landgericht (Zeichnung): Wie lebendig begraben

Für den Geistlichen machen die Worte Nohls einer breiten Öffentlichkeit aber auch eines deutlich: Wie es im Knast wirklich aussieht. Viele Gefangene seien Angriffen ausgesetzt, sagt Pater Clemens, der seit anderthalb Jahren in Tegel wirkt. "Das kann verbal sein oder jemand wird zusammengeschlagen." Besonders die Sittenverbrecher erlebten diese Selbstjustiz im Knast immer wieder.

Ob er den Rachewunsch so vieler Menschen gegen Mörder wie Markus Wirtz und Markus Lewendel, deren Verbrechen Richter Gerd Nohl als "kaltherzig, grausam und menschenverachtend" bezeichnete, verstehen kann, dazu sagt Pater Clemens nichts. Er will auf die Täter zugehen - so schlimm ihre Tat auch war. "Ich behandele niemanden besonders, sondern versuche, jeden als Menschen zu sehen." Und aus dieser Sicht habe er Mitleid mit den Verurteilten: "Die sind 23 Stunden eingesperrt und wenn sie geschützt werden, haben sie eine Stunde Einzelfreigang. Das ist wie lebendig begraben."



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