Kinderporno-Verdacht Bremer Abgeordneter taucht ab

Seit Jahren setzte sich Michael Engelmann in Bremen und bundesweit für die Rechte der Schwulen und Lesben ein. In seiner Heimatstadt Bremen galt er als einziger bekennend schwuler Politiker. Nun rätseln seine Mitstreiter, was an den Kinderpornografie-Vorwürfen dran ist.

Bremen - Der Rücktritt Michael Engelmanns kam am Donnerstagabend per SMS. Ohne weitere Erläuterung teilte der Bremer Abgeordnete dem Vorstand des Bundesverbands der Schwulen und Lesben in der SPD (Schwusos) mit, dass er mit sofortiger Wirkung von allen seinen Ämtern zurücktrete. Ob die gegen ihn erhobenen Vorwürfe wahr sind oder wie er sich zu ihnen stellt, ließ er offen.

Auch als ihn am Donnerstagabend die SPD-Fraktionsspitze der Bürgerschaft Bremens zum Rapport bestellte, kam Engelmann zwar, sagte aber kaum etwas zur Sache. Den Wunsch, er solle zurücktreten, akzeptierte er. Seitdem ist Engelmann abgetaucht. Das Mobiltelefon war von der Polizei konfisziert worden. Zu Hause meldet sich nur der Anrufbeantworter. Seine Internetseite hat er vorerst gesperrt. Selbst Freunde des Politikers versuchten am Freitag vergeblich, ihn zu erreichen.

Bisher weiß niemand, was wirklich an den Vorwürfen der Ermittler dran ist. Auch wie sie auf die Spur Engelmanns gekommen waren, blieb offen, da die Ermittler keine Details nennen wollten. Ausgeschlossen wurde allerdings, dass es mit der Aufdeckung eines großen Kinderpornorings zu tun hatte, der unter dem Stichwort "Marcy" in den letzten Tagen für Schlagzeilen sorgte.

In dem Bundesverband der Schwusos spielte Engelmann eine wichtige Rolle. Der SPD-Politiker und bekennende Homosexuelle hatte im November 2002 zuerst kommissarisch den Bundesvorsitz übernommen. Im Februar dieses Jahres hatte ihn die Bundeskonferenz im Amt bestätigt. Innerhalb des Verbandes gab es an den Fähigkeiten des 35-Jährigen bisher kaum einen Zweifel. Nun aber rätseln Engelmanns Mitstreiter, was hinter den Verdächtigungen der Staatsanwaltschaft steckt.

Seinen Beruf als Industriekaufmann hat Engelmann bei der Bremer Kaffeerösterein "Kaffee HAG" gelernt, wo er auch im Betriebsrat tätig war. Auf seiner Homepage schrieb er in seiner Biografie, er sei mit dieser Tätigkeit immer sicherer und selbständiger geworden. Schließlich habe ihn das Engagement in der Mitarbeitervertretung in die Politik geführt. Im Jahr 1993 wechselte er dann zum DMB Mieterverein in Bremen.

1990 war Engelmann in die SPD eingetreten - fasziniert von Oskar Lafontaine als "krasser und willkommener Gegensatz zu Helmut Kohl", wie er selbst auf seiner Homepage schrieb. Schnell wurde er von seinem Ortsverband zu einer Sitzung eingeladen und engagierte sich von da an. Die SPD sei für ihn "aufgrund der Geschichte, Grundsätzen und der Haltung" die einzig mögliche Partei gewesen, so seine Internetseite.

Der Aufstieg in die Politik dauerte einige Jahre. Erst 1999 war der Industriekaufmann Engelmann Mitglied der Bürgerschaft in Bremen, in die er über die Landesliste gewählt worden war. "Er ist ein beliebter Kollege, deshalb geht uns die ganze Sache besonders nahe", sagte der Fraktionssprecher Werner Afke am Freitag. Er habe Engelmann stets als fleißigen und besonders offenen Kollegen kennen gelernt. "Auch mit seinen Homosexualität ging er offen um und outete sich lang vor Wowereit", sagte Afke.

Sein schwules Privatleben vertrat Engelmann stets offen. Auf seiner Homepage beschreibt er offen seine Beziehung zu seinem Freund Andy aus Berlin, den er über ein Internetportal kennen lernte. In Berlin habe er ihn dann zum ersten Mal auf einem Straßenfest getroffen und sei seitdem in ihn verliebt. Der Absatz endet mit einer Liebeserklärung an den Freund.

Das Internet und seine Möglichkeiten haben es Engelmann angetan. "Ich bin fast schon süchtig", schreibt er auf seiner Netzseite. Häufig treffe er sich mit Fremden in Chaträumen oder surfe einfach so durchs Netz. Ob er dabei auch Kontakte zu Vertreibern von Kinderpornografie suchte, ließ die Staatsanwaltschaft am Freitag offen.

Auf seiner Internetseite zeigte sich Engelmann als schonungslos offener Mensch - ungewöhnlich für einen Politiker. In langen Absätzen lässt er sich über sein Lieblingsessen ("Inder, Griechen und Chinesisch") aus, nennt seine Lieblingsautoren ("Patrick Süsskind, Stephen King oder John Grisham") oder sinniert über die Weltmetropole Berlin.

Auch über sein Gefühlsleben plaudert er offenherzig. Engelmann schreibt, dass er "nach wie vor schüchtern" sei und als Widder "gerne mit dem Kopf durch die Wand" wolle. "Meine Gefühlsregungen kann man mir oft am Gesicht ablesen", so der SPD-Mann, "ob das allerdings gut ist, ist die andere Frage."

In Bremen galt Engelmann seit seinem Outing als einzig bekennender schwuler Politiker. Auch auf der Homepage schriebt er offensiv: "Ich bin schwul, weil es eben so ist." Im Privatleben engagierte er sich in dem Bremer Verein "Rat und Tat", der Schwule und Lesben berät. Für den Verein koordinierte er auch die Internetseite. Beim Vereinsvorstand zeigte man sich geschockt. Man müsse die Sache "erst mal verdauen", die Staatsanwaltschaft solle die Sache prüfen, hieß es. Später verschickte der Verein eine Erklärung und zeigte sich "entsetzt und betroffen".

Für die Interessen der Schwulen trat Engelmann immer wieder politisch ein. Für das gesamte Bundesgebiet organisierte er die Pressearbeit des Bundesverbands der Schwusos, gab Interviews und verschickte Pressemitteilungen. Dabei machte er sich für die weitere Gleichstellung stark. Die SPD stellte er als offene Partei für die Schwulen und Lesben dar. "Wir sind Teil der SPD", sagt er in einem seiner Interviews.

Allerdings will sich Engelmann laut seiner Internetpage nicht als reiner Lobby-Politiker abstempeln lassen. "Ich bin schwuler Politiker und nicht Politiker für Schwule", schreibt er in seiner "Philosophie". Das heiße allerdings nicht, dass er nur Politik für Homosexuelle mache - schließlich trete ein Landwirt als Politiker ja auch nicht nur für die Landwirte ein.

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