Kinderpornojäger "Wir kriegen sie alle"

Beweismaterial fasst Kriminalhauptkommissar Torsten Kobow nur mit Gummihandschuhen an. So will er sich vor dem Ekel schützen. Denn Kobow arbeitet täglich mit Kinderpornofilmen. Was ihn weitermachen lässt, sind die Fahndungserfolge - und ein neues Gesetz, das Täter härter bestraft.


Kobow, beschlagnahmte Bücher, Videos und Datenträger: "Unsere Arbeit ist vergleichbar mit dem Entwirren von Wollknäueln"
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Kobow, beschlagnahmte Bücher, Videos und Datenträger: "Unsere Arbeit ist vergleichbar mit dem Entwirren von Wollknäueln"

Magdeburg - Kriminalhauptkommissar Torsten Kobow vom Magdeburger Landeskriminalamt hat so gar nichts mit den Leinwandhelden zu tun, die nach Verfolgungsjagden und Schusswechseln Verbrechern das Handwerk legen. Der Polizist sitzt vielmehr viele Stunden am Bildschirm.

Im Internet ist der 43-Jährige Kinderporno-Ringen auf der Spur und meint siegesgewiss: "Wir kriegen sie alle!" Nicht zuletzt das verschärfte Gesetz über Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, das ab 1. April gilt, gibt ihm Kraft.

Erst im vorigen Jahr ist Kobow und seinen drei Kollegen vom LKA-Dezernat Kinderpornografie/Computerkriminalität ein Riesenerfolg gelungen. Sie legten den Grundstein für die weltweit größte Operation, bei der unter dem Decknamen "Marcy" 38 kinderpornografische Zirkel im Internet gesprengt werden konnten.

Computerdatei mit Kinderporno-Fotos: Das Sammeln wird zur Sucht

Computerdatei mit Kinderporno-Fotos: Das Sammeln wird zur Sucht

Dabei wurden weltweit 26.500 Tatverdächtige Internet-User in 166 Staaten ermittelt, darunter auch in den USA und Australien. Allein in Deutschland gerieten während der fast zweijährigen Ermittlungen insgesamt 700 Pornosammler und sechs Sexualstraftäter ins Visier der Ermittler von Polizei und Justiz. Etwa 70 Prozent von ihnen haben nach Angaben der Staatsanwaltschaft inzwischen ein Geständnis abgelegt.

"Unsere Arbeit ist vergleichbar mit dem Entwirren von Wollknäueln", erklärt Kobow. In dem Fall war der Magdeburger Marcel K. das erste Ende eines Fadens, das den Ermittlern in die Hände fiel. Von ihm aus gingen Verbindungen in alle Welt, denen im Laufe der Ermittlungen rund 1.000 Beamte in den Ländern und vom Bundeskriminalamt auf der Spur waren. Inzwischen ist gegen Marcel K., nach dem die Operation "Marcy" benannt wurde, Anklage erhoben wurden. Ihm wird zur Last gelegt, Mitglied in 26 Tauschzirkeln gewesen zu sein, in dem sich mehrere tausend Pädophile zum Austausch von Bildern und Videos zusammengeschlossen hatten.

"Die Sammelwut unter den Leuten ist unvorstellbar - ebenso wie die Perversionen und Grausamkeiten auf den Bildern und Filmen", berichtet Kobow. Bei der Auswertung des beschlagnahmten Materials, so von Computern, Dateien, Videos und Bildern, trage er stets Gummihandschuhe, "um den Ekel besser in den Griff zu bekommen. Die Kinder werden immer jünger und die Sexualpraktiken immer gewalttätiger."

Auf den Bildern erkenne er, welcher Schmerz den Kindern zugefügt werde, unter ihnen sei sogar schon ein vier Monate alter Säugling auf dem Wickeltisch gewesen. "Das Bild des kleinen traurigen Gesichts werde ich nie wieder los", meint Kobow.

Aus Erfahrung weiß der Kriminalist, dass oft in Not geratene Familien aus Osteuropa für "ein Schnäppchen" ihre Kinder für diese Machenschaften hergeben. Doch jedes Abbild von Kindesmissbrauch töte eine Kinderseele. Und der Markt der Kinderpornografie wachse ständig an: "Dabei werden Millionenbeträge umgesetzt. Der erhoffte Gewinn lässt die letzten Hemmschwellen sinken."

"So richtig traue ich keinem mehr"

Bei der täglichen Arbeit müsse man sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass der Großteil der Menschen normal sei, meint Kobow. Er sagt aber auch: "So richtig traue ich keinem mehr." Denn in der Täterkartei von "Marcy" gebe es inzwischen auch einen Musikschullehrer, Richter, einen Staatsanwalt, Polizeibeamte sowie Betreuer aus Jugend- und Kindervereinen.

Dennoch hat der Internet-Ermittler eigenen Angaben zufolge psychologische Betreuung nicht nötig: "Meinen seelischen Ausgleich finde ich in unserem intakten Team, in der guten Zusammenarbeit mit den anderen Polizeibehörden, unter ihnen auch Euro- und Interpol, und nicht zuletzt in der eigenen Familie."

Kobow baut aber auch auf das ab April verschärfte Gesetz über Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, wonach eine Geldstrafe für Tausch und Verbreiten von Kinderpornografie nicht mehr möglich ist. Vielmehr liegt der Strafrahmen dann bei einer Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Zudem sollen künftig auch von allen Kinderporno-Besitzern DNA-Proben genommen werden.

Denn die Sammler fangen mit wenigen Bildern an, bis sie schließlich weit über eine Million in ihren Dateien haben, berichtet Kobow. Das Sammeln werde zur Sucht. Schließlich wollten die Sammler das, was sie auf den Bildern haben, auch selbst erleben. "Und wir finden dann ein totes, missbrauchtes Kind irgendwo im Wald."

Studien aus den USA belegten, dass mindestens 30 Prozent der Sammler selbst mit Sexualstraftaten in Verbindung kommen. In Deutschland gehen die Experten von sieben bis acht Prozent aus. Kobow verweist auf die hohe Dunkelziffer: "Wir wollen den Rasen mähen, damit er nicht überwuchert."

Birgitt Pötzsch, AP



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