Wie lesbische Paare von Kinderwunsch-Kliniken benachteiligt werden

Häufig weigern sich deutsche Kliniken, lesbische Paare künstlich zu befruchten.
Von Laila Oudray

Dieser Beitrag wurde am 25.04.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Alina und Paula gehören zusammen, das soll jeder sehen. 

Deswegen hat Paula als Facebook-Profilbild ein Foto von ihrer Hochzeit ausgesucht: Sie trägt darauf einen weißen Anzug, Alina ein weißes Brautkleid mit Schleier. Sie sind am Strand, halten Händchen und strahlen in die Kamera. Sie sind verliebt, glücklich. Doch etwas fehlt ihnen noch zum perfekten Glück: ein eigenes Kind

Schon lange träumen Alina und Paula von Nachwuchs. 

"Von Anfang an waren wir sehr eng miteinander. Es gab Wetten, wann wir Kinder bekommen", erinnert sich Paula lachend. Seit sechs Jahren sind die beiden ein Paar. Und seit dem letztem Jahr versuchen sie aktiv, sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Es wurden Monate der Diskriminierung, der Absagen und der Verzweiflung

Denn der Weg zum Babyglück ist für lesbische Paare in Deutschland sehr steinig. "Es sollen mehr Leute wissen, was lesbische Frauen in Deutschland erleben müssen", erzählt Paula am Telefon. Eigentlich heißt sie anders. Sie will anonym bleiben, ihre Eltern wissen noch nichts davon, dass sie gerade versuchen, ein Kind zu bekommen. "Du weißt ja, wie Eltern sind. Dann kommt ständig: 'Und hat's geklappt? Hat's funktioniert?' Wir wollten nicht noch mehr Druck und Stress."

Denn Stress haben sie gerade genug. 

Dabei scheint doch alles so klar zu sein. Alina möchte das Kind unbedingt austragen. Mit 28 Jahren ist sie ein bisschen jünger als Paula, das erhöht die Chancen einer Schwangerschaft. Schon seit Monaten bereitet sie ihren Körper darauf vor, verzichtet auf Koffein und Alkohol – alles für das Kind. Und Alina will über eine künstliche Befruchtung schwanger werden, mit Hilfe einer Samenspende

Paula und Alina suchen also nach Kliniken in ihrer Nähe, kontaktieren sie und gehen zu Infoveranstaltungen. Sie sind guter Dinge und aufgeregt. Doch es hagelt Absagen, Absagen, Absagen. Manchmal sind sie freundlich, manchmal gibt es neutrale Standardantworten und manchmal bekommen beide Mails, die regelrecht hasserfüllt sind. 

Einmal stand da 'Sowas wie Sie sollte sich nicht fortpflanzen' – da bist du erst einmal baff.

Paula

"Nur weil wir jetzt nicht auf Kerle stehen, heißt das nicht, dass wir keinen Kinderwunsch haben dürfen." Auch Monate nach dem Vorfall ist Paula immer noch wütend. Ihre sonst fröhliche Stimme wird hart, man merkt ihr an, wie schmerzhaft diese E-Mail für sie war.

Doch auch die anderen Absagen haben sie getroffen. "Warum wird es uns schwer gemacht? Das hier ist eine Familie, wo klar ist, dass das ein absolutes Wunschkind ist. Wir wollen es so unbedingt und haben es lange geplant", erzählt Paula. Sie seufzt. Der Kampf gegen die Kinderwunschkliniken hat sie mitgenommen. 

Was sagt das Gesetz?

Es gibt kein Bundesgesetz dafür, ob und inwieweit lesbische Frauen einen Zugang zu reproduktionsmedizinischen Dienstleistungen wie künstlicher Befruchtung haben können. 

Zwar gibt es Richtlinien der Landesärztekammern, aber die sind weder einheitlich noch eindeutig. So hat die Ärztekammer Hamburg in ihrer Richtlinie explizit festgehalten, dass eine künstliche Befruchtung bei verheirateten lesbischen Paare erlaubt ist. In den Richtlinien von vielen anderen Bundesländern werden lesbische Frauen aber einfach gar nicht erwähnt. Oder sogar explizit verboten. (LSVD )

Diese unklare Rechtslage sorgt für Unsicherheit bei Kinderwunschkliniken. Deswegen lehnen sie lesbische Paare als Patientinnen oft ab. 

Je länger ihre Suche geht, desto verzweifelter werden Paula und Alina – sie wollen doch nur ein Kind

In ihren Träumen malen sie sich aus, dass sie ein kleines Mädchen bekommen. Alina würde die Kleine dann mit pinken Kleidern und Spielsachen verwöhnen und mit ihr Prinzessin spielen. Paula würde sie vielleicht zum Bolzen auf den Fußballplatz mitnehmen. Aufgeben ist keine Option. Doch was tun?   

Das Paar sucht nach Alternativen. Vielleicht doch ein privater Spender und sich mit einer Spritze das Sperma selbst injizieren? Das wäre eine Möglichkeit, doch in ihrem Bekanntenkreis gibt es keinen Mann, der dafür infrage kommt. Und übers Internet nach Spendern zu suchen, ist für sie ausgeschlossen: "Da können wir uns auch auf den Frankfurter Hauptbahnhof stellen und rufen: 'Wer will'. Es geht hier um die Gesundheit meiner Frau, da will ich kein Risiko eingehen", meint Paula. 

Die Kinderwunschklinik ist der einzige Weg für die beiden. Also suchen sie weiter, weiten den Umkreis aus – und schauen irgendwann auch ins Ausland

Viele lesbische Frauen weichen für die Behandlungen nach Dänemark oder in die Niederlande aus.

Denn dort haben lesbische Frauen keine Probleme, wenn sie sich künstlich befruchten lassen wollen. Alina und Paula sprechen lange über die Möglichkeit, wenn sie abends zusammen auf dem Sofa sitzen. Doch sie müssen sich auch dagegen entscheiden. 

"Man muss ja gucken, wann der Zyklus ist. Im Zweifel fährt man dann zwei- dreimal die Woche zur Klinik und manchmal spontan. Wie soll das funktionieren, wenn man dann fünf Stunden fahren muss? Das will ich Alina auch nicht antun", erzählt Paula. Die beiden leben in Frankfurt – zu weit weg für eine Behandlung in Dänemark oder den Niederlanden. 

Schließlich werden sie - nach Monaten - dank der Hilfe ihrer Frauenärztin endlich fündig, in einer kleinen Klinik, die rund 50 Kilometer entfernt von ihnen liegt. Der persönliche Kontakt über die Ärztin ist nicht nur ein Glücksfall, sondern auch notwendig, so Paula: "Normalerweise hätte der Arzt das sonst nicht gemacht. Und wir dürfen auch den Namen der Klinik nicht nennen. Sonst wird ihm die Bude eingerannt." 

Im Dezember 2018 kann Alina die Behandlung beginnen. 

Inzwischen haben sie bereits drei Versuche hinter sich – bisher leider ohne Erfolg. "Wir sind natürlich enttäuscht. Man weiß zwar, dass es bis zu einem Jahr dauern kann. Aber man hofft ja immer, die Ausnahme zu sein", erzählt Paula. 8000 Euro haben die Behandlungen bisher gekostet. Aber daran will Paula nicht denken, auch nicht daran, wie viel Zeit und Nerven es sie gekostet hat, überhaupt so weit zu kommen.

Die letzten Monate haben viel von Paula und Alina abverlangt, aber es hat beide noch enger zusammengeschweißt. Sie sind sich so sicher wie nie zu vor: Sie wollen Eltern werden. Gerade haben sie einen weiteren Versuch gestartet. In einer Woche werden sie wissen, ob es diesmal geklappt hat: Ob Alina schwanger ist und sie endlich bald ihr eigenes Baby in den Armen halten dürfen.

Was müsste sich ändern?

Viele Experten und Expertinnen fordern eine Änderung im Abstammungsrecht. In heterosexuellen Ehen ist der Ehemann automatisch der rechtliche Vater des Kindes – unabhängig davon, ob er auch der biologische Vater ist. Diese Abstammungsregel müsse nun um die Ehefrau der Mutter erweitert werden, sagt etwa Familienanwältin Gabriele Lünsmann: „Im Gesetz steht nicht: Wer mit der Mutter verheiratet ist, gilt als zweiter Elternteil des Kindes, sondern da steht: Der Mann, der mit der Mutter verheiratet ist, gilt als Vater des Kindes. Sie können diese Regelung also nicht einfach auf zwei Frauen übertragen“.

Mit der Änderung des Abstammungsrechts würden sich auch für die Kinderwunschkliniken viele rechtliche Unsicherheiten beheben lassen: „Dann hätten sie eine rechtlich vergleichbare Situation mit heterosexuellen Paaren“, so Lünsmann. 

Tatsächlich stehen die Zeichen auch auf Wandel. Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD) hat nun einen Diskussionsentwurf zur Reform des Abstammungsrechts  vorgestellt. Doch wann das Gesetz tatsächlich kommt, ist unklar. Bis dahin sind lesbische Paare auf das Wohlwollen von Kliniken und Samenbanken angewiesen.