Kindesmissbrauch Experten fordern Aufarbeitung sexueller Gewalt in öffentlichen Einrichtungen

Wie lässt sich Kindesmissbrauch verhindern? Enorm wichtig sei die Aufarbeitung vergangener Fehler, sagen Experten der Bundesregierung - und veröffentlichen nun einen Leitfaden für Schulen, Heime und Vereine.

Odenwaldschule (Archiv): Massiver Missbrauch in den Siebziger- und Achtzigerjahren, späte Aufarbeitung
DPA

Odenwaldschule (Archiv): Massiver Missbrauch in den Siebziger- und Achtzigerjahren, späte Aufarbeitung

Von


Die Taten auf dem Campingplatz in Lügde, die Vergewaltigungen eines Jungen aus Staufen im Breisgau, die Ermittlungen der Sonderkommission "Berg", die nach der Verhaftung eines Mannes aus Bergisch Gladbach nun vielen Tausend Hinweisen nachgeht: schockierende, aufsehenerregende Fälle von Kindesmissbrauch aus der jüngeren Vergangenheit. Doch das sind nur die bekannten Fälle.

Das Dunkelfeld ist groß bei Kindesmissbrauch. Zahllose Taten geschehen oder geschahen im Verborgenen, viele davon in Schulen, Vereinen oder Heimeinrichtungen. Um in diesen Institutionen eine umfassende Aufarbeitung der Verbrechen zu ermöglichen, veröffentlicht die "Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" der Bundesregierung am heutigen Dienstag erstmals einen offiziellen Leitfaden.

In dem Dokument, das dem SPIEGEL vorliegt, ermahnt das seit 2016 tätige Expertengremium die deutschen Institutionen, Hinweisen auf Kindesmissbrauch intensiver nachzugehen als bisher. Für die Handreichung wurden auch 1500 vertrauliche Stellungnahmen von Betroffenen ausgewertet. Viele hätten von "Widerständen und Zurückweisungen" bei der Meldung von Missbrauchsfällen in Organisationen berichtet, heißt es in dem Leitfaden.

Gewaltgeschichte aufarbeiten

"Wir möchten Institutionen auffordern, ihre eigene Gewaltgeschichte aufzuarbeiten", sagt Sabine Andresen, die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission. Die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin betont, die Aufarbeitung der Vergangenheit sei für die Gegenwart von großer Bedeutung, nicht zuletzt hinsichtlich einer wirksamen Prävention: "Wir gehen davon aus, dass Aufarbeitung eine zentrale Grundlage für guten Kinderschutz ist."

In der 49-seitigen Handreichung betonen die Experten, eine Grundvoraussetzung für die Aufarbeitung sei zunächst die Identifizierung der Täterinnen und Täter. Bei akuten Fällen müsse die Institution den Verdacht abklären, gegebenenfalls intervenieren und eine strafrechtliche Anzeige prüfen. Bei früheren Fällen sei es wesentlich, den Aufarbeitungsprozess öffentlich bekannt zu machen. So können weitere Opfer davon erfahren und sich melden.

Eine Institution, in der Missbrauch stattgefunden habe, müsse umgehend eine unabhängige Anlaufstelle für die Betroffenen schaffen, damit diese sich umfassend und anonym informieren könnten, heißt es weiter. Für den notwendigen Aufarbeitungsprozess sei es zudem wichtig, die Opfer von Beginn an mit einzubinden. Gleichzeitig solle ein Beirat einberufen werden, der aus Mitgliedern der Institution, Betroffenen und externen Fachleuten bestehe.

Dieser Beirat sei unter anderem dafür verantwortlich, den Zeitrahmen festzulegen, die Aufarbeitung kritisch zu begleiten und über Zwischenergebnisse zu beraten, so die Kommission. Die eigentliche Recherche solle ein aus mindestens zwei Experten bestehendes externes "Aufarbeitungsteam" übernehmen, das "die Geschichte des Missbrauchs durch Anhörung Betroffener und kritisches Quellenstudium" dokumentiere.

Kritik an der Kirche

Die jeweilige Institution müsse dem Aufarbeitungsteam Einsicht in alle relevanten Aktenbestände gewähren, also auch in Personalakten und andere vertrauliche Dokumente. Mit dieser Forderung kritisiert die Unabhängige Kommission implizit die Katholische Kirche. Im Rahmen der 2018 veröffentlichten bischöflichen Missbrauchsstudie hatten die Forscher keinen direkten Zugriff auf die Akten - sie mussten mit einer Auswahl an Dokumenten vorliebnehmen, die von Diözese-Angestellten getroffen worden war.

Die Kommission rät aufarbeitungswilligen Institutionen dazu, sich bei komplexen Rechtsfragen anwaltlich beraten zu lassen. So müsse etwa ein Datenschutzkonzept erstellt werden, auf dessen Grundlage "Betroffene und Zeitzeugen über die Erhebung und Verwendung ihrer Daten informiert" werden. Die Aufarbeitungsteams müssten sorgfältig abwägen, "ob und wie Namen von Tätern und Täterinnen sowie Vertuschenden genannt werden", heißt es.

Die Kommissionsvorsitzende Andresen betont, den Verantwortlichen in den Institutionen mit der neuen Handreichung eine bessere Orientierung bieten zu wollen und sie zu ermutigen, die Aufarbeitung "offensiv und aktiv anzugehen". Gleichzeitig sei das Dokument auch für die Betroffenen von großer Bedeutung. Denn diese könnten bei ihren Forderungen nach Aufklärung künftig auf die einzelnen Punkte des Leitfadens verweisen.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.