Kirche Warum Russen dem Papst misstrauen

In Moskau mag man den Papst nicht. Man mochte den alten nicht und man wird den neuen nicht mögen. Das Verhältnis zwischen der russisch-orthodoxen Kirche, die sich als die Bewahrerin der frühen christlichen Gemeinschaft im alten Rom sieht, und dem Vatikan ist kühl und wird sich so bald nicht erwärmen.

Von , Moskau


Oster-Feiern in der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau: Ein Land mit einer anderen christlichen Tradition
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Oster-Feiern in der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau: Ein Land mit einer anderen christlichen Tradition

Moskau - Skeptisch verfolgt Igor Wyschanow, Mitarbeiter des Sekretariats für innerchristliche Beziehungen der Russisch-Orthodoxen Kirche, das Prozedere der Papstwahl. Kühl distanziert fordert der Moskauer Kirchenmann vom künftigen Oberhaupt der Katholiken, es solle "den Vertretern der katholischen Geistlichkeit in Russland einschärfen, dass sie sich in einem Land mit einer anderen christlichen Tradition befinden, in dem rechtgläubige Christen die Mehrheit bilden".

Der Papst, so der Orthodoxe Wyschanow, solle "die katholischen Würdenträger in Russland überzeugen, nicht ihre eigene Politik zu machen und Ziele um jeden Preis zu verfolgen, ohne an die Folgen zu denken". Russlands Orthodoxe beschuldigen die katholische Kirche, auf russischem Boden "Proselytenmacherei" zu betreiben, russische rechtgläubige Christen für den Katholizismus abzuwerben. Nicht öffentlich, aber in vertraulichen Gesprächen fügen orthodoxe Würdenträger hinzu, was ihre Skepsis gegenüber den katholischen Amtsträgern in Russland verstärkt: Die Priester sind, wie auch ein Großteil der Gemeindemitglieder, Polen, deren Sympathien für Russland und die Russen sind traditionell sehr begrenzt.

In dramatischen Zeiten der russischen Geschichte, beim Einmarsch Napoleons und beim Überfall Hitlers war es nicht die katholische Kirche, sondern die Russisch-Orthodoxe, die dem bedrohten russischen Volk seelischen Beistand gab. Unvergessen ist bei geschichtsbewussten russischen Orthodoxen auch, dass Napoleon und auch Hitler Katholiken waren - und dass die Katholische Kirche den Völkermörder Hitler nie exkommunizierte, ja mehr noch, dass katholische Amtsträger bis hin zu Bischöfen Hitlers Feldzug gegen Russland ihren Segen gaben.

Moskauer beten für den verstorbenen Johannes Paul II: Wer gibt seelischen Beistand in schwierigen Zeiten?
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Moskauer beten für den verstorbenen Johannes Paul II: Wer gibt seelischen Beistand in schwierigen Zeiten?

Für ihren Abgrenzungskurs gegenüber dem Vatikan und seinen Sendboten haben Russlands orthodoxe Christen die Unterstützung des Staates und ihres Präsidenten. Auch Wladimir Putin gehört der Russisch-orthodoxen Kirche an und pflegt gute Beziehungen zu ihrer Führung wie auch zu ausgeprägt konservativen Amtsträgern wie seinem persönlichen Geistlichen, Erzabt Tichon. Der Präsidenten-Beichtvater ist ein ständiger Mahner gegen westliche Einflüsse aller Art, vom Katholizismus bis zur David-Copperfield-Show. So werden den Anhängern des Papstes in Russland die staatlichen und staatsnahen Medien auch weiterhin verschlossen bleiben.

Und auf die katholischen Amtsträger wirft der Inlandsgeheimdienst FSB, den Präsident Putin einst leitete, ein waches Auge. Schon der KGB sorgte zu Sowjetzeiten durch massives Anwerben orthodoxer Würdenträgern dafür, dass die russische Kirche ihren Glauben auf eine für den Staat verträgliche Weise ausdrückte. Im Fernhalten katholischer Einflüsse von der russischen Christenheit waren sich viele orthodoxe Priester schon zu Sowjetzeiten mit ihren KGB-Führungsoffizieren einig. Und im heutigen Russland, verkündet Präsidenten-Beichtvater Tichon die frohe Botschaft, führten "auch viele Angehörige der Geheimdienste ein christliches Leben".

Nur im kleinen Kreis wagen manche russische Orthodoxe mal eine Spekulation: Was wäre, wenn aus einem Konklave mal ein Reform-Papst hervorginge, eine Art katholischer Gorbatschow, der alte Dogmen zur Debatte freigäbe? Bliebe dann von der Macht der Katholischen Kirche eines Tages womöglich kaum mehr übrig als von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion?



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