Reaktionen auf Missbrauchsgutachten Kirchenrechtler wirft Gutachtern Entlastung von Verantwortlichen im Erzbistum Köln vor

Betroffene und Experten kritisieren das Gutachten zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln. An vielen Stellen gehe es nicht weit genug, beklagt Kirchenrechtler Thomas Schüller.
»11 Jahre schonungslose Aufarbeitung der Missbrauchsfälle«: Eine Skulptur vor dem Kölner Dom prophezeite, was Experten dem Erzbistum nun vorwerfen

»11 Jahre schonungslose Aufarbeitung der Missbrauchsfälle«: Eine Skulptur vor dem Kölner Dom prophezeite, was Experten dem Erzbistum nun vorwerfen

Foto: Martin Meissner / AP

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller hat das Gutachten zum Umgang von Verantwortlichen des Erzbistums Köln mit Missbrauchsvorwürfen kritisiert. Es sei zwar gut, dass einige Verantwortliche, die Pflichtverletzungen begangen hätten, in der Untersuchung identifiziert würden. Doch gleichzeitig gelte: »In weiten Teilen wirken die Ausführungen eher wie eine Verteidigungsrede, weil mit nicht überzeugender Rechtsunkenntnis operiert wird und somit Vertuscher exkulpiert werden«, sagte Schüller.

Die Unübersichtlichkeit der kirchlichen Strukturen sei keine Entschuldigung für Fehlverhalten, so Schüller. Er forderte den Hamburger Erzbischof Stefan Heße und den Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp auf, »zwingend ihren Rücktritt dem Papst anzubieten«. Beide werden in dem Gutachten schwer beschuldigt. Schwaderlapp hat inzwischen seinen Rücktritt angeboten. »Ich bitte Papst Franziskus um sein Urteil«, schrieb er in einer Stellungnahme.

»Machtstrukturen ohne jede Kontrolle haben Missbrauch und Vertuschung über Jahrzehnte ermöglicht.«

Christine Lambrecht (SPD), Bundesjustizministerin

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung bezeichnete das Ausmaß der Vorwürfe gegenüber den Verantwortlichen als »erschreckend«. Er sei froh, dass die »Zeit des unerträglichen Wartens« auf die Untersuchung nun ein Ende habe, sagte Johannes-Wilhelm Rörig. Das Gutachten sei ein wichtiger von vielen weiteren Mosaiksteinen der Aufarbeitung. Es stelle die Frage in den Fokus, »warum Kirchenleute so rigoros und herzlos mit kindlichen Opfern« umgegangen seien, und betrachte die »oft schweren Folgen des sexuellen Missbrauchs, die körperlichen und seelischen Leiden und zerstörten Lebensläufe«.

Auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht forderte weiterreichende Konsequenzen. »Alle, die in der katholischen Kirche Verantwortung tragen, müssen endlich Strukturen ändern, hinschauen und eingreifen«, erklärte die SPD-Politikerin. »Es sind dringend vertrauenswürdige Stellen erforderlich, die jeden Hinweis ernst nehmen.« Die katholische Kirche müsse endlich alles dafür tun, dass sich entsetzliche Verbrechen gegen Kinder nicht wiederholen.

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as nun vorgestellte Gutachten lasse erneut erahnen, welch entsetzliche sexuelle Gewalt Kinder und Jugendliche in katholischen Einrichtungen hätten erleiden müssen, so Lambrecht. »Machtstrukturen ohne jede Kontrolle haben Missbrauch und Vertuschung über Jahrzehnte ermöglicht.«

Für den früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) endet die Verantwortung der katholischen Kirche nicht bei dem Gutachten. »Die katholische Kirche hat die verdammte Pflicht, so radikal aufzuklären wie nur möglich«, sagte Thierse, der auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist, im ARD-»Morgenmagazin«.

»Die Kirche muss angesichts dieser Erschütterung anders werden«, sagte Thierse. Mit Blick auf den Reformprozess »Synodaler Weg« ergänzte der SPD-Politiker: »Sie muss weiblicher werden. Sie muss weniger hierarchisch sein, sie muss offener sein«

Die Betroffeneninitiative »Eckiger Tisch« hatte sich vor der Veröffentlichung skeptisch gegenüber dem Gutachten gezeigt. »Wir beklagen, dass wieder die Kirche als Auftraggeber – der Erzbischof, der potenziell selbst kritisch zu prüfen sein wird in seinem Verhalten – diejenige ist, die dieses Gutachten auf den Weg gebracht hat«, sagte Sprecher Matthias Katsch im Deutschlandfunk.

»Außerdem habe ich größte Zweifel, dass man so einen Komplex aufklären kann, nur durch Aktenstudium«, sagte Katsch. Das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den durch sexuellen Missbrauch Betroffenen sei ohnehin gestört. »Betroffene vertrauen der jetzigen Bistumsleitung nicht mehr.«

lmd/dpa
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