Kirmesboxen in Vechta "Hier gibt's auf die Kauleiste"

Jessy Heinen klappert in vierter Generation mit seiner Kirmesboxbude die Jahrmärkte Deutschlands ab. Wer will, kann gegen seine Männer in den Ring steigen und Backenfutter bekommen. Halbstarke Herausforderer gibt es genug, das Geschäft brummt. Ein Abend auf der Kirmes.

SPIEGEL ONLINE

Von , Vechta


Jessy Heinen sagt, die gefährlichen Typen erkenne er schon am Gang. Die Typen, die seinen Leuten aufs Maul hauen könnten, wie er es nennt. Die Typen, die ihm seine Kohle abluchsen wollen. Phil gehört nicht zu dieser Sorte. Der 20-Jährige ist "nur zum Spaß" hier, er fällt eher in Heinens Kategorie "Opfer". Gleich muss er gegen Ivan in den Ring steigen, ein Muskelpaket mit kurzen Haaren und grimmigem Blick. "Hau den Typ K.o., zahl ich cash 270 Euro", verspricht Heinen.

Er klappert mit seiner Boxbude die großen Volksfeste Deutschlands ab, nun steht sie auf dem Stoppelmarkt in Vechta. Rund 800.000 Besucher werden an sechs Tagen erwartet. Sein Urgroßvater hat das Geschäft eröffnet, Heinen führt den Familienbetrieb in vierter Generation. Seine Mutter, 56 Jahre alt, verkauft am Ring Getränke, seine 77-jährige Oma sitzt an der Kasse.

Fünf Euro kostet der Eintritt, dafür bekommen die Zuschauer vier Kämpfe zu sehen, zwei Runden à eine Minute. Wer in den Ring steigt, zahlt nichts, für einen K.o.-Sieg gibt es bis zu 500 Euro Preisgeld.

Auf der Bühne vor der Bude heizt Heinen die Kirmesbesucher an. Ein sportlicher 36-Jähriger, Trainingshose und T-Shirt, die Haare gegelt, er könnte auch Versicherungen verkaufen. Hinter ihm stehen seine Männer: Boxer mit kantigen Gesichtern, breiten Schultern, durchtrainiert. Sie schlagen auf Sandsäcke und Punching-Bälle, sie bewegen sich wie nur echte Boxer es können: ruckartig und doch geschmeidig. "Hier gibt's was auf die Kauleiste", ruft Heinen ins Mikrofon. Die Leute bleiben stehen. Er pickt sich einen Mann heraus: "Willst du ein paar auf's Maul?"

Die Halskette hat er abgelegt

In einem Zelt hinter der Bühne steht der Ring: fünf mal fünf Meter groß. Phil hat sein Hemd ausgezogen, die Halskette abgelegt. Er trägt jetzt nur noch sein schwarzes Unterhemd. Er war schon am Vorabend hier, aber zu betrunken, um mitzumachen. "Ich werde gleich ordentlich kassieren, aber das ist egal", sagt Phil. Während er die Oberschenkel dehnt, lockt Heinen draußen Besucher an.

Die ersten Kämpfe wurden schon ausgetragen an diesem Abend. David, 18, ist mit einer blutenden Lippe davongekommen, er wollte Revanche, stieg noch einmal in den Ring. Nach vielleicht 30 Sekunden ging er zu Boden. Er sah den Schlag nicht einmal kommen, eine schnelle Linke, fast ansatzlos, David war sofort weg. Nur mit einem Lucky Punch, einem Glückstreffer, kann man einen Boxer schlagen, Prügelerfahrung allein reicht nicht. Deshalb funktioniert Heinens Boxbude: Er muss fast nie zahlen.

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Kirmesboxen: "Ein paar auf's Maul"
"Wir schlagen hier niemanden brutal zusammen", sagt er auf der Bühne. "Wenn jemand ohne Erfahrung im Ring steht, ziehen wir die Handbremse an." Heinen ist gut in dem, was er tut. Wenn er spricht und die Boxer tänzeln, bleiben mehr Besucher stehen als bei den anderen Geschäften um ihn herum. Heinen ist ein Dampfplauderer, er spielt mit dem Publikum. Zu einem Kämpfer, der seinen Junggesellenabschied feiert, sagt er: "Hinterher will dich deine Freundin aber nicht mehr heiraten."

"Eine Platzwunde, da kannst du den Daumen reinstecken"

Es läuft gut an diesem Abend. Für Heinen bedeutet das: keine Pause. Kampfrunde reiht sich an Kampfrunde. Über Stunden muss er die Leute locken, unterhalten, provozieren. Irgendwann wiederholen sich die Sprüche: Kopfstöße seien verboten, "das gibt eine so große Platzwunde, da kannst du den Daumen reinstecken". Heinen trinkt Red Bull und Kaffee, um durchzuhalten.

In einer Zeit, in der viele Schausteller ums Überleben kämpfen, hat er es geschafft, die Boxbude erfolgreich weiterzuführen - eine Attraktion, deren Grundidee so archaisch ist wie keine andere auf dem Jahrmarkt. Mann gegen Mann, der Stärkere gewinnt.

Mit 17 kämpfte Heinen selbst in der Boxbude, sieben Jahre später hat er den Betrieb übernommen, da war er gerade 24. Schüchtern sei er anfangs gewesen, erinnert er sich, er habe sich kaum getraut, ins Mikro zu sprechen. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. "Wo wir sind, ist immer am meisten los", ruft er, "wir sind bekannt aus Funk und Fernsehen." Heinen haut gern auf die Kacke. Posen und Bluffen gehört zum Geschäft.



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