Elterncouch Einmal Kita mit allen

Unser Sohn in einer Kita mit Flüchtlingen und Kindern von Drogensüchtigen? Meine Frau und ich stritten, bis die Tränen flossen. Dann trafen wir gemeinsam die richtige Entscheidung.

Alle in einer: multikulturelle Kita
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Alle in einer: multikulturelle Kita

Von Theodor Ziemßen


Ich erinnere mich noch genau an den Streit. Als wir uns beim Fahrradfahren anschrien, als Therese bremste und nur noch von mir wegwollte. Wir stritten über ein wichtiges Thema. Ich hatte Argumente. Meine Frau hatte - wie ich in dem Moment fand - nur ein Gefühl.

"Warum sollen deine Argumente mehr Wert sein als meine Gefühle", schrie sie mich an. Sie weinte. Ich hatte auch geschrien. Ich hatte sogar kurz gedacht: Wen habe ich da geheiratet? Wie kann die Frau, die ich liebe, die eigentlich so klug und freundlich ist, so denken. Erst später verstand ich: Sie dachte gar nicht so - sie fühlte so. An diesem Abend lernte ich: Wenn man einander liebt, sind Argumente nicht mehr wert als Gefühle.

Es ging um die Wahl der Kindertagesstätte.

Die Zauberburg am Stadtrand

Bis vor einem halben Jahr lebten wir mitten in Hamburg. Durch einen Zufall wohnten wir dort, wo andere hinfuhren, um ihre Sonntagsspaziergänge zu machen. Benjamin ging in eine Kita, in der die Kinder Carl und Walther heißen und die Eltern Lehrer und Ärzte sind oder wie ich "irgendwas mit Medien" machen. Dann kam unser Sohn Willem und wir brauchten mehr Platz. So beschlossenen wir, nach einigen Wohnungsbesichtigungen in ein Viertel am Stadtrand zu ziehen.

Dort ist die Kindertagesstätte Zauberburg. Sie liegt neben einem großen, dicht bewachsenen Park, hat ein traumhaftes Tobezimmer und einen Personalschlüssel, von dem die meisten Kitas nur träumen können: Vier Betreuerinnen kümmern sich um 14 Kinder.

Das liegt vor allem daran, dass die Zauberburg ein integratives Konzept hat: Von den 14 Kindern haben nur zwei deutsche Eltern. Ein Mädchen hat eine Behinderung, zwei Schwestern sind mit ihren Eltern aus Syrien geflohen und wohnen im Erstaufnahmelager nebenan. Außerdem haben Süchtige die Möglichkeit, ihre Kinder in der Kita abzugeben, bevor sie in die benachbarte Drogenkonsumeinrichtung gehen.

Es treffen also Kinder mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und Hintergründen aufeinander, spielen gemeinsam, werden Freunde - ganz selbstverständlich, ohne Standesdünkel und Vorurteile.

Ein tolles, sinnvolles und wichtiges Konzept, fand ich. Und deshalb erschien es mir nicht nur als wunderbare Chance, sondern auch als Verpflichtung, Benjamin - Kind zweier Journalisten - dorthin zu schicken.

Gut oder Gutmensch?

Bitte entschuldigen Sie, aber aufgrund der vielen wut- und hasserfüllten Leserbriefe, die immer wieder in der Redaktion eintreffen, muss ich mir gerade vorstellen, wie einige von Ihnen gerade ärgerlich denken: "Und jetzt soll der arme Junge das realitätsfremde Gutmenschentum seines Vaters ausbaden."

Andere denken vielleicht gerade: Eigentlich eine gute Sache. Aber behindern so viele kaum deutsch sprechende Kinder nicht die sprachliche Entwicklung des Jungen?

Auf die erste Fraktion werde ich nicht eingehen. Den anderen möchte ich sagen, dass ich mir solche Fragen auch gestellt habe. Ich hatte wirklich Angst davor, dass es Benjamin in der Kita nicht gefällt und er ausbaden muss, was ich ihm eingebrockt habe. Und ja, ich habe gegoogelt, wie viele Drogensüchtige an HIV erkrankt sind und auch, dass eine Übertragung in der Kita, selbst wenn sich die Kinder bis aufs Blut beißen, praktisch unmöglich ist. Aber reichte mir das?

Ich hatte total vergessen, empathisch zu sein

Am Ende habe ich beschlossen, dass ich lieber einen freundlichen, weltoffenen Menschen aufwachsen sehen möchte als einen, der perfekt Deutsch kann. Auch weil ich glaube, dass die Welt so jemanden besser brauchen kann. Es war eine Kopfentscheidung, ein Konstrukt, das für mich meine mulmigen Gefühle ausstach.

Das bringt uns zurück zu unserem Streit auf der Straße: Therese weinte. Sie sagte, dass sie das ja auch alles wisse, an ihren Gefühlen aber nichts ändern könne. Und plötzlich war ich so von mir selbst erschrocken, dass mir auch die Tränen in die Augen stiegen. Über all meine Argumente hatte ich total vergessen, empathisch zu sein. Noch auf der Straße entschieden wir, dass wir eine Kita finden wollten, die wir beide gut finden.

Nur um eine Sache bat ich sie noch: Ich war schon in der Zauberburg gewesen, kannte die schönen Räume und die netten Erzieherinnen. Deshalb bat ich sie darum, dass wir bei einem Sonntagsspaziergang gemeinsam durch die Fenster schauten. Das taten wir - und entschieden schließlich doch, dass Benjamin in die Zauberburg gehen soll. Gemeinsam.

"Ich habe Angst vor Joshua, weil er so schwarz ist"

Mittlerweile ist er fast ein Jahr dort. Neulich kam er glücklich und ganz außer Atem vor Aufregung nach Hause: "Papa! Amir hat …... gefragt, ob ich ...… sein Freund ...… sein will. Und ich ...… hab …... Ja ...… gesagt!" Im Elterngespräch vor einigen Wochen erzählten die Erzieherinnen stolz, wie liebevoll er sich um Nesrin kümmert, die nicht so gut sprechen und laufen kann.

Natürlich ist der Kontakt mit Unbekanntem nicht immer nur idyllisch. Wenn ein neues Kind in die Zauberburg kommt, sagen die Kinder am Ende des ersten Tages immer, was sie an ihm mögen. Als Joshua kam, sagte Benjamin in dieser Runde: "Ich habe Angst vor Joshua, weil er so schwarz ist." Als die Erzieherinnen mir das erzählten, musste ich kurz schlucken. Dann erklärte ich Benjamin, dass es in manchen Ländern sehr praktisch ist, dunkle Haut zu haben, weil dort die Sonne so stark scheint. Das fand er einleuchtend.

Und wir? Lernen auch ständig dazu. Die Eltern kommen unter anderem aus Mosambik, Bulgarien, der Türkei und Russland. Deshalb gibt es bei Kindergartenfesten immer leckere hausgemachte Spezialitäten aus den Ländern. Und wenn ich mich mit den Eltern unterhalte, ist es immer interessant. Wir machen nicht alle das Gleiche, denken nicht alle das Gleiche. Einer der Väter etwa schippt im Schichtdienst in einer Fabrik mit einem gigantischen Bagger Kupfer auf niemals stillstehende Fließbänder. Eine respekteinflößende Tätigkeit, finde ich. Als ich ihm erzählte, dass ich mein Geld mit dem Schreiben von Texten verdiene, lächelte er nachsichtig.


Fürchten Sie auch manchmal, falsche Entscheidungen für Ihr Kind zu treffen? Und wie reagiert Ihr Partner oder Ihre Partnerin? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.



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12 Leserkommentare
andreasclevert 31.10.2016
zeisig 31.10.2016
Nania 31.10.2016
weltgedanke 31.10.2016
widower+2 31.10.2016
anloli 31.10.2016
raetzmann 31.10.2016
hinnimann 31.10.2016
Mr Bounz 31.10.2016
meinemeinungsfreiheit 31.10.2016
faserland 31.10.2016
reinerhohn 31.10.2016

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