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Medien Kiwis erkennen

Gedruckte Lebenshilfe: Ein Ostmagazin geleitet seine Leser durch das Labyrinth des Kapitalismus.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Es gibt Augenblicke, da fühlt sich der Berliner Rainer Bieling, 45, seinem Einheitskanzler ganz nahe: »Die Menschen im Osten sind verzagt«, sagt er dann, »und wir müssen wieder Zuversicht aufbauen.«

Mit »wir« meint er in erster Linie sich, den einstigen Sponti aus der West-Berliner Szene, der das Stadt-Magazin Zitty mitbegründete, im Burda-Blatt Forbes bürgerlich werden wollte und im übrigen ein »eingefleischter Wessi« geblieben ist.

Jetzt aber übt Bieling im Osten eine Mission aus: Er will den neuen Bundesbürgern, die unvertraut mit den Alltagstechniken des Kapitalismus sind, dabei helfen, in der Konkurrenz- und Konsumwelt heimisch zu werden - als Chefredakteur des ehemaligen DDR-Verbrauchermagazins Guter Rat.

Das Blatt ist ein Kuriosum auf dem Zeitungsmarkt: Obwohl der Gute Rat! nur an ostdeutschen Kiosken verkauft wird, ist er den anderen, gesamtdeutsch angebotenen Ratgebermagazinen dicht auf den Fersen.

Auf 135 000 verkaufte Exemplare pro Monat bringt es der Gute Rat!, der sich gern mit Capital (319 000) und DM (240 000) vergleicht. Im übrigen ist der Gute Rat! mehr als 50 Jahre alt und gehört damit zu den Veteranen auf dem Markt.

Schwarze Zahlen schreibt das Ostmagazin allerdings noch nicht; es fehlt an Anzeigen. Die Werbeagenturen würden sich nicht so recht auf den ostdeutschen Markt trauen, klagt das Fachblatt Werben und Verkaufen, da sie nichts »von ostdeutschen Lebensgefühlen« verstünden.

Um so mehr versteht offenkundig der Gute Rat! vom Leben und Fühlen seiner Klientel. »Wenn ich mir nicht regelmäßig den Guten Rat! gekauft hätte«, lobt ein Leser aus Wismar, »hätte ich so manch Neues bis heute nicht gelernt.«

Drei Mark kostet das 70-Seiten-Sammelsurium aus Geldspartips, Kosmetik-Kaufberatung und Einführung ins Rentenrecht. In einer Büroetage an der Ost-Berliner Mollstraße, nur wenige Minuten vom Alexanderplatz entfernt, produzieren acht Redakteure und eine Handvoll freier Mitarbeiter, allesamt aus der ehemaligen DDR, ein Kompendium des kapitalistischen Alltags.

Sie erklären, wie man »Kiwis erkennt und genießt«. Sie stellen fest, wann »Abwasser zuviel kostet« und listen auf, wie viele Urlaubstage einem Arbeitnehmer zustehen.

Journalismus als Orientierung und Lebenshilfe: Der Gute Rat! ist für Heimwerker und Hausfrauen da, für Menschen, die ihre Lohnsteuererklärung selbst ausfüllen wollen, und für Zeitgenossen, die genau wissen müssen, wann sie ihre Miete mindern dürfen.

Wo neuer Erklärungsbedarf entsteht, erfährt die Redaktion aus rund 200 Leserbriefen pro Monat. Massenhaft auftretende Fragen werden gleich im Heft beantwortet: Ulla P. aus Stendal will wissen, ob die Nachbarn ihrem Hund das Bellen verbieten dürfen; Angela P. aus Potsdam fragt, wie sie den Schadensfreiheitsrabatt für den Wagen ihrer Mutter erhalten kann.

Zur Lösung solcher Lebensfragen verschafft sich Bielings Redaktion fachlichen Rat. Ein pensionierter Rechtsanwalt wühlt sich durchs bundesdeutsche Gesetzesdickicht. Eine gelernte Ökonomin beschäftigt sich mit Versicherungsfragen, der ehemalige Chefredakteur der DDR-Autozeitung Der deutsche Straßenverkehr hat sich zum Rentenspezialisten gemausert.

Das Heft, das sich wie eine eigenwillige Mischung aus Capital und Für Sie liest, war kurz nach der Wende noch ein verstaubtes Blatt, das kaum jemand kaufen wollte. Die DDR-Bürger griffen lieber zu den westdeutschen Hochglanz-Postillen.

1990 übernahm die Nürnberger Sebaldus/Gong-Gruppe den Guten Rat! und schickte Bieling als Chefredakteur nach Ost-Berlin. Der Westdynamiker verordnete dem Ostblatt eine Glanzreinigung, verpaßte ihm Farbe. Er führte die direkte Leser-Anrede ein ("Sie können bei uns . . .") und verbot seinen Redakteuren Slangwörter und Anglizismen. Die lächelnden Models auf dem Titelbild ersetzte er durch Zahlengrafiken und stilisierte Geldscheine.

Die Gartentips, die Kaufberatung und die Warentests - all das, was die Leser schon zu DDR-Zeiten geschätzt hatten, behielt Bieling bei: »Wir sind im Kern die alten geblieben - den Blickwinkel Ost haben wir nicht aufgegeben.«

In den alten DDR-Zeiten verstand sich der Gute Rat als Helfer in der sozialistischen Mangelwirtschaft. Die Redaktion veröffentlichte exotische Kochrezepte, die mit jenen wenigen Zutaten auskamen, die es im HO regelmäßig zu kaufen gab. Eine Mitarbeiterin konstruierte ein rotes Sofa aus Sperrholzplatten, das jedem Ikea-Designer im Westen Ehre gemacht hätte, und ihre Kollegin gab den Lesern Tips, wo sie Baumwollstoffe für den Bezug auftreiben könnten. Heute testet das Gute Rat!-Team Lebensversicherungen und Haushaltsgeräte und schlägt Schneisen durch den kapitalistischen Warendschungel.

Hin und wieder aber besinnt sich die Redaktion auf ihren eigentlichen Ursprung. Dann verlost sie an die Gewinner des monatlichen Kreuzworträtsels einige jener Produkte, die selbst in der Konsumentenrepublik Deutschland nur schwer zu finden sind - zum Beispiel Waschmaschinen, die so klein sind, daß sie in jedes Plattenbau-Badezimmer passen. Y

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