Elterncouch Viel Spaß beim Weltuntergang, Hase!

Wenn unsere Kinder erwachsen sind, ist die Klimakatastrophe Alltag.

Wenn unsere Kinder erwachsen sind, ist die Klimakatastrophe Alltag.

Foto: Elva Etienne/ Getty Images

Es ist Zeit, wegen der Klimaerwärmung in Panik zu geraten. Schon jetzt können wir die Katastrophe nicht mehr verhindern, nur noch abschwächen, sagen Forscher. Wie sollen wir das unseren Kindern erklären?

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Das Auto muss weg! Und geflogen wird auch nicht mehr! Nie wieder! Überhaupt müssen wir einiges ändern, überhaupt müssen wir uns ändern. Jetzt, sofort. Bevor es zu spät ist.

Das dachte ich, als ich im Dunkeln von der S-Bahn nach Hause ging. Während der Bahnfahrt hatte ich einen Artikel des "New York Magazine" gelesen. Es ging um die Klimaerwärmung und ihre Folgen für die Menschheit. In dem Text stand, dass es längst zu spät ist für die Menschheit. Das war letztes Jahr im Oktober.

Es ging darum, dass schon die Folgen einer Erwärmung um 1,5 Grad zu einer weltweiten Katastrophe führen würden, dass aber selbst zwei Grad kaum mehr realistisch seien, so der UN-Klimareport. Und wir reden hier nicht von einer weit, weit entfernten Zukunft. Die düsteren Aussichten, die der Bericht schildert, datiert er auf das Jahr 2040. Noch knapp zwei Jahrzehnte. Willem und Benjamin werden dann 23 und 27 Jahre alt sein.

Bereits bei einer Erwärmung um die unwahrscheinlichen zwei Grad würden Millionen Menschen an den Folgen sterben. Abermillionen, vermutlich Milliarden Klimaflüchtlinge würden sich aufmachen, um sich in Sicherheit zu bringen. Vor Dürren und Stürmen, entfesselten Waldbränden, Missernten und Hungersnöten, vor dem ansteigenden Meeresspiegel, der Küstenregionen und Metropolen auf der ganzen Welt verschlingen wird.

Wandel, der an Weltuntergang erinnert

Abgesehen davon, dass ihre Heimatstadt Hamburg im Meer versinken wird, würden die beiden hier in Deutschland wahrscheinlich noch Glück haben. Aber was für ein Glück wäre das? Wahrscheinlich würden die europäischen Staaten schwer bewachte Grenzen hochziehen, mit denen sie ihren Wohlstand schützen, so wie Europa es schon jetzt tut, um Flüchtende draußen zu halten.

Willem und Benjamin würden folgenschwere Entscheidungen treffen müssen: den Opfern des Klimawandels die Hände zu reichen oder in einer Festung zu leben und das Leid von Millionen als Preis für ihren relativen Wohlstand, ihre relative Sicherheit zu akzeptieren. Sie würden in einer Zeit leben, in der sich die Welt so sehr wandelt, dass dieser Wandel immer wieder an einen Weltuntergang erinnern wird. Sie würden in einer Zeit leben, in der es schwer ist, ein guter Mensch zu sein.

Und all das werden Therese und ich Ihnen mit angetan haben. Wir haben sie in diese Welt geboren, ohne vorher genau auf das Haltbarkeitsdatum der Menschheit, wie wir sie kennen, zu gucken. Und jetzt? Tun wir nicht genug, schauen nicht genau genug hin, sind nicht laut genug und rufen nicht oft genug "Nein!", um das Unglück aufzuhalten.

Lächerliche Bemühungen

Therese und ich geben uns Mühe, die Umwelt nicht über Gebühr zu belasten. Wir benutzen nur noch Kosmetik, Reinigungs- und Waschmittel, die vollständig biologisch abbaubar sind. Wir kaufen fast nur noch Bio-Produkte. Wir Erwachsenen essen nur noch Zuhause Fleisch - und das beziehen wir vom Bioladen um die Ecke, der es vom Bauernhof im übernächsten Dorf kriegt. Wir kaufen beinahe ausschließlich gebrauchte Kleider. Und wenn neue Sachen, dann nur nachhaltig hergestellte und fair produzierte Sachen.

Manchmal denke ich trotzdem, dass wir noch lange nicht konsequent genug sind, dass wir es uns zu leicht machen. Dass all unsere Bemühungen lächerlich sind und nichts ändern.

Am Abend nach meinem persönlichen Klimaschock bin ich beim Geburtstag meines Freundes Michael. Ich erzähle von dem Artikel im "New York Magazine". Das bringe alles gar nichts, sagt er. Das einzige, was die Welt retten könne, wären schnelle und harte Gesetze von eben den Politikern, die sich im Moment nicht mal dazu durchringen können, die Geschwindigkeit auf Autobahnen auf 130 zu begrenzen. Oder ein schnelles Umdenken bei den großen Konzernen.

Er lacht und erzählt, wie einer Ölfirma bereits in den achtziger Jahren Daten vorgelegen hätten, dass das Eis der Arktis abschmelzen würde. "Und weißt du, was sie mit diesen Informationen gemacht haben? Sie haben Berechnungen angestellt, wie viel billiger es wird, an einem Polarkreis ohne Eis nach Öl zu bohren."

Ich sagte, dass ich mein Leben trotzdem weiter verändern möchte. Aber warum denn, fragt er, wenn du sowieso nichts ändern kannst? Ich habe keine Ahnung.

Die Kinder werden den Preis bezahlen

Zwei Tage nach seinem Geburtstag rufe ich Michael an und sage ihm, ich hätte jetzt eine Antwort. Auf welche Frage? Warum ich mein Leben ändern will, auch wenn es die Welt nicht retten wird. Und? Für Benjamin und Willem. Um ihnen zu zeigen, dass unser Leben, unser Reichtum für mich nicht selbstverständlich sind. Dass ich den Preis kenne, den sie werden bezahlen müssen. Dass ihre Zukunft Konsequenzen für meine Gegenwart hat.

Das alles ist etwa vier Monate her. Das Auto steht immer noch vor der Tür. Wir benutzen es selten, aber wir benutzen es. Vor einem Monat haben wir Urlaub in Italien gemacht. Wir sind hingeflogen, weil eine Reise per Zug mit den Kindern Stress ist und acht Mal so teuer gewesen wäre. Wir haben für den CO2-Ausstoß Kompensation bezahlt, schlecht angefühlt hat es sich trotzdem.

Wenn Willem und Benjamin so alt sind wie ich, wird sich ihr Leben dramatisch von meinem unterscheiden. Das ist unverzeihlich. Und ich kann nichts tun. Zumindest ist mir noch nichts eingefallen. Und das tut mir so schrecklich leid.


Liebe Leserinnen und Leser, wie reagieren Sie auf die Klimaerwärmung? Was tun sie konkret? Und fühlen Sie sich auch manchmal so hilflos wie ich? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften! 

Zum Autor
Foto: Illustration: Michael Meißner

Theodor Ziemßen,
Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben .

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