Klinik in Fukushima-Sperrzone Die letzte Bastion

Mehr als 200.000 Einwohner haben das Sperrgebiet um das AKW Fukushima I verlassen - aber viele können nicht fliehen. In Krankenhäusern müssen Patienten versorgt werden, die nicht transportfähig sind. Doch es fehlt an Lebensmitteln und Medikamenten. Einige Ärzte geben auf.

Ein Krankenhaus in Koriyama, 60 Kilometer von Fukushima entfernt
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Ein Krankenhaus in Koriyama, 60 Kilometer von Fukushima entfernt

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Nur 45 Kilometer liegt die Klinik Iwaki Kyoritsu vom Reaktorkomplex des AKW Fukushima Ientfernt. Es ist das größte Krankenhaus in der Region, spezialisiert auf die Versorgung von Frühgeborenen, und eines der wenigen, die im Katastrophengebiet sowohl den massiven Erdstößen als auch den Tsunamiwellen standgehalten haben.

Als die Erde zu beben begann, waren etwa 650 Patienten in Iwaki Kyoritsu untergebracht. Die meisten von ihnen sind inzwischen entlassen oder verlegt worden, doch mehr als 300 Kranke befinden sich immer noch dort. Die Lage ist prekär.

"Uns fehlt es an Medikamenten, wir brauchen dringend Hilfe", sagt Nobuo Hiwatashi, 62, SPIEGEL ONLINE. Er ist der Direktor der Klinik. Die ersten Tage nach dem Beben seien sehr schwierig gewesen, durch die Erdstöße war der Strom ausgefallen. Die Verpflegung war knapp. Hiwatashi fürchtete, seine Patienten nicht mehr versorgen zu können. Inzwischen lässt er von seinen Mitarbeitern Tütensuppen und Reisbällchen verteilen.

Die Zahl seiner Patienten hat sich mehr als halbiert. Momentan seien noch 310 in der Obhut der Klinik, sagt Hiwatashi. Die Zahl der Verletzten im Umkreis halte sich momentan eher in Grenzen. Der Tsunami forderte vor allem Todesopfer.

Täglich kommen noch etwa 30 Menschen, die verletzt sind. "Wir behandeln sie möglichst ambulant und schicken sie danach nach Hause. Die meisten, die herkommen, sind alte Menschen. Sie werden aus Notunterkünften bei uns eingeliefert." Sie seien gebrechlich, geschwächt, oft chronisch krank.

Frühchen in Lebensgefahr

Die Altersspanne der Patienten im Iwaki Kyoritsu ist groß: Auf der einen Seite hochbetagte Alte, auf der anderen Seite Neugeborene. Die meisten der Säuglinge wurden rasch nach Tokio ausgeflogen, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Vier Frühgeborene - mit einem Gewicht von weniger als einem Kilogramm - schweben derzeit in Lebensgefahr. Sie seien noch zu schwach, um verlegt werden zu können.

Ihr Leben liegt in den Händen des Neonatologen Yoshinobu Honda, 49. Seit dem Beben ist er nicht mehr nach Hause gefahren, sondern hat jede Nacht im Hospital verbracht. Wichtig sei nun, wie sich die Lage im Kernkraftwerk entwickle und wie hoch die Strahlenbelastung tatsächlich werden könne. "Wir wollen das Leben unserer Patienten nicht riskieren", sagt Hiwatashi, "aber wir sind nun einmal in der Nähe von Fukushima. Wir tun unser Bestes für alle, die noch hier sind."

Glücklicherweise hätten sie jetzt wieder Wasser, sagt Hiwatashi. "Das war an den ersten beiden Tagen nach dem Beben knapp, außerdem hatten wir keinen Strom. Die Situation war verheerend, wir waren verzweifelt, wussten nicht, wie es weitergeht."

Erschwert wird die Lage durch den Personalmangel. "Entweder können die Mitarbeiter nicht zur Arbeit erscheinen, weil sie kein Benzin haben, um herzufahren, oder sie kommen nicht, weil sie sich vor einer möglichen Verstrahlung fürchten", sagt der Klinikchef.

Von 108 Ärzten seien inzwischen nur mehr 60 da. Die acht jüngsten hat Hiwatashi als Einsatzkräfte abgestellt, sie helfen nun in Sammellagern. Der Rest der Mediziner sei aus Angst vor der nuklearen Katastrophe geflohen. Von insgesamt 730 Krankenschwestern, die in Schichten arbeiten, seien etwa 500 im Einsatz. Viele übernachten in der Klinik, um Zeit und Benzin zu sparen.

Notleidende müssen teilweise abgewiesen werden

Viele Kliniken im Erdbebengebiet wurden zerstört, Häuser, die nur teilweise getroffen wurden, halten ihren Betrieb aufrecht. So wie das Senen-Krankenhaus in Takajo, einer Kleinstadt in der Präfektur Sendai nahe Miyagi. Hier stürzte ein Teil des Daches ein. Geräte wurden beschädigt. Lebensmittel und Medikamente, die im Erdgeschoss lagerten, wurden vom Wasser weggespült.

Verwaltungschef Ryoichi Hashiguchi ließ die Patienten in eine nahegelegene Notunterkunft transportieren. Vier Menschen seien gestorben, alle älter als 90 Jahre und bereits vor der Katastrophe in besorgniserregendem Zustand.

In den ersten Tagen teilten sich Belegschaft und Patienten in Takajo tiefgefrorene Nudeln, die die Krankenschwestern aus dem schwimmenden Chaos retten konnten. Hilfesuchende mussten sie wegschicken, an andere Stellen verweisen.

Klinikchef Hiwatashi sagt, Personen mit Verdacht auf Kontaminierung habe er bislang nicht zu Gesicht bekommen. Überlegungen, das Gebäude zu evakuieren, stünden im Raum. "Möglicherweise müssen wir uns darauf einstellen, bald das Haus zu verlassen."

Am Dienstag habe er noch einmal versucht, die für den Krankenhausbetrieb nötigsten Dinge bei Großhändlern zu bestellen - mit Erfolg. Doch auch die Hersteller tun sich wegen der Benzinknappheit und der drohenden Strahlung in dem Gebiet schwer mit der Auslieferung. "Die Lage ist momentan, sagen wir mal: okay."

Nobuo Hiwatashi klingt ruhig, fast besonnen. Ist er gar nicht beunruhigt? "Oh doch. Natürlich habe ich Angst."

Mitarbeit: Yasuko Mimuro

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alterknacker 18.03.2011
1. #Fukushima, die Hölle hat sich aufgetan
Seit sieben Tagen kämpfen in Japan die Rettungskräfte gegen eine Macht an, die eigentlich nicht zu bekämpfen ist, denn sie ist nun mal mehr als erheblich stärker als der Mensch. Obwohl ich nicht gerade reichlich mit Sprichwörtern gesegnet bin, fällt mir eines ganz besonders ein: "Wer mit dem Feuer spielt, wird darin umkommen". WIR alle, die es zugelassen haben, dass mit dem Element Atom hantiert wird, sind schuldig. Hier weiter: http://freies-in-wort-und-schrift.info/2011/03/18/fukushima-die-hlle-hat-sich-aufgetan/
Geziefer 18.03.2011
2. Mehr kann ich von hier aus nicht tun.
http://www.jrc.or.jp/english/relief/l4/Vcms4_00002070.html
stievier 18.03.2011
3. Kann mir das jemand erklären?
All die Berichte über dramatische Versorgungsengpässe und die Not der Menschen im Norden von Japan. Ich begreife das nicht! Wenn ich an die Berlin-Blockade im Juni 1948 denke: das gesamte Verkehrsnetz und die Stromversorgung unterbrochen und die Stadt mit 2,2 Mio Menschen noch ein Trümmerfeld. Aber es gelang in relativ kurzer Zeit, die Stadt aus der Luft zu versorgen. Wieso gelingt das im modernen Japan von heute nicht?
5karat 18.03.2011
4. Aha
Spiegel Online wieder... Was bitte soll denn ein Neantologe sein? Kümmern die sich um die möglicherweise noch verbliebenen Neandertaler, oder wie?? Ich kenne nur Neonatologen. Was ist eigentlich passiert mit zuverlässigem Journalismus, in dessen Artikeln nicht in jeder dritten Zeile irgendein, wenn auch nur Tipp-, Fehler steckt? Schade.
rst2010 18.03.2011
5. Neantologen
Zitat von sysopMehr als 200.000 Einwohner haben das Sperrgebiet um das AKW Fukushima verlassen - aber viele können nicht fliehen. In Krankenhäusern müssen Patienten versorgt werden,*die nicht transportfähig sind. Doch es fehlt an Lebensmitteln*und Medikamenten.*Einige*Ärzte geben auf. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751583,00.html
was ist denn das. neonatologie wäre die lehre von den neugeborenen?
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