Kölner Stadtarchiv Gutachter warnten vor riskantem U-Bahn-Bau

Bereits mehrere Monate vor dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs soll es Warnungen gegeben haben: Wegen unsicherer Statikberechnungen beim benachbarten U-Bahn-Projekt könnten "unter Umständen auch Menschenleben gefährdet sein" heißt es in einem Hochschulgutachten.


München - Das Aachener Hochschulinstitut für "Geotechnik im Bauwesen" hatte im September vergangenen Jahres das Gutachten erstellt, aus dem die "Süddeutsche Zeitung" in ihrer heutigen Ausgabe zitiert. In der 84-seitigen Studie warnen die Wissenschaftler demnach vor einem "hydraulischen Grundbruch" in der 28 Meter tiefen U-Bahn-Baugrube am Kölner Waidmarkt.

Aufräumarbeiten nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs
AP

Aufräumarbeiten nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Wegen unstabilen Baugrunds und hohen Grundwasserdrucks müssten die Bauschlitzwände an den U-Bahn-Haltestellen vier Meter tiefer in der Erdschicht verankert sein, als in der Ausschreibung vorgesehen, heißt es. Der Vorstand der Kölner Verkehrsbetriebe habe eine Anfrage der "SZ" unbeantwortet gelassen, ob die Gutachter-Empfehlung umgesetzt worden sei.

Unterdessen hat die Ingenieurkammer-Bau in Nordrhein-Westfalen das Düsseldorfer Bauministerium wegen offenkundig unzureichender Sicherheitsstandards beim Kölner U-Bahn-Bau alarmiert. Kammerpräsident Peter Dübbert erklärte der "SZ", die Aufträge für die Prüfingenieure des Milliardenprojekts seien "nur nach dem Zuschlagskriterium niedrigster Preis vergeben worden".

Der ehemalige Kölner Baudezernent Bela Dören warf der Stadtspitze vor, mit dem Outsourcing des U-Bahn-Projektes an die KVB "die Bauaufsicht" für das risikobehaftete Projekt 2002 leichtfertig "aus der Hand gegeben zu haben". Da die KVB über "keinen ausreichenden Sachverstand" für den U-Bahn-Bau verfügt habe, seien dort die meisten Aufträge an Ingenieurbüros vergeben worden.

Experten haben schon lange vor dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs Zweifel an der fachgerechten Ausführung von Tunnelarbeiten beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn geäußert.

Das Archivgebäude in der Kölner Südstadt war am 3. März nach einem Erdrutsch in der davor liegenden U-Bahn-Baustelle eingestürzt und hatte zwei Bewohner eines Nachbarhauses in den Tod gerissen.

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

ala/AFP/dpa



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Seite 1
Pnin, 07.03.2009
1.
Vielleicht überzeugt das ja endlich von der Notwendigkeit vollständiger Digitalisierung...
Robert B., 07.03.2009
2.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Offensichtlich nicht.
citrin, 07.03.2009
3.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Falsche Frage! Sie sollte lauten: Sollte eine überregionale Denkmalschutzbehörde einschreiten, wenn kurzsichtige, nach Prestige geifernde Stadtverantwortliche, sowie städtische Verkehrsgesellschaft deren Zerstörungswerk an Plätzen, Strassen und Stadtteilkultur in ganz Köln präsent ist, eine Vier-Kilometer-U-Bahn unter einer zweitausend Jahre alten Römerstrasse bauen, auf einem Grund, den sie nicht ausreichend nachgeprüft haben, deren Kostenveranschlagung von Anfang an betrügerisch war, nämlich von 600 Millionen über zwischenzeitlich 900 Millionen auf nun mehr als 1200 Millionen, und deren Nutzen mehr als fraglich ist.
Joachim Baum 07.03.2009
4.
Zitat von PninVielleicht überzeugt das ja endlich von der Notwendigkeit vollständiger Digitalisierung...
Das kann allenfalls auch nur eine Zwischenlösung sein, es sei denn, man entwickelt ein Digitalisierung- und Speicher-Prozedere, das auch noch zumindest bescheidene 100 Jahre "handling" garantiert. Die Vergangenheit zeigt, das es schon problematisch ist, dies für einen Zeitraum von 20 Jahre aufrecht zu erhalten, wenn überhaupt. Und ein ständiges Update in immer kürzeren Zeiträumen mit immer mehr Daten ist sicher nicht unproblematisch und lässt sich für die Zukunft nicht garantieren.
Boone 07.03.2009
5.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Ich würde mir weniger Gedanken um die Vergangenheit machen und mehr um die Zukunft.
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