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Idole König der Ignoranten

Er hat klassische Gassenhauer gesungen und Schlagerschrott, er legt sich mit Mächtigen ebenso an wie mit emanzipierten Frauen: Der Macho Adriano Celentano ist erstmals seit 15 Jahren wieder auf Tournee.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Am 12. Dezember 1987 gelang ihm sein Supercoup: »Ich bin für den Frieden«, erklärte er im Fernsehen, »wenn Sie auch für den Frieden sind, dann drehen Sie jetzt für fünf Minuten die Apparate ab.« Innerhalb von Sekunden schalteten zwei Drittel der zwölf Millionen Zuschauer aus - und nach fünf Minuten wieder ein.

Es war nicht Silvio Berlusconi, dem dieser Zaubertrick gelang, sondern ein Mann, den der Staatssender RAI angeheuert hatte, um dem Medienmogul Berlusconi die Zähne seines famosen Pferdegebisses zu zeigen: Adriano Celentano.

Wie hat er das geschafft? Über die Gründe von Celentanos Erfolg rätseln die Fachleute seit 35 Jahren. Belanglose Filme, durchschnittliche Musik, Macho-Gehabe. Seine Platten werden als Lachnummern und Kitschbrocken geschmäht, Rezensionen mit den immergleichen Attributen garniert: »Reibeisenstimme«, »wieherndes Pferd«, »leichter Bauchansatz und starker Haarausfall«. _(* Am 1. Oktober beim Tourneestart in ) _(Cava dei Tirreni. ) Die Musikfachblätter übersehen ihn ebenso wie die ernsthafte Filmkritik: nicht satisfaktionsfähig.

Nun nimmt der von den Feuilletons immerzu geschmähte Populist einen neuen Anlauf. »Quel Punto«, »jener Punkt«, heißt der neue Hit, und so heißt auch die neue CD, die pünktlich zur Tournee erschienen ist, der ersten seit 15 Jahren. Am ersten Oktober-Samstag trat er im Fußballstadion von Cava dei Tirreni wieder an, und natürlich wurde es der Comeback-Triumph, den alle erwarteten: Zwar lästerte der Corriere della Sera nach dem Auftritt, Celentano, 56, sei »noch ein bißchen eingerostet« - seine Fans jedoch, die 90 000 Lire (90 Mark) für ein Ticket bezahlt hatten, ließen sich nicht beirren: Sie bejubelten den heiseren Quäl-Canto des Meisters in gewohnter Manier.

Die jüngste Platte setzt mit dem gleichförmigen Rattern eines Zuges ein, dazu gesellen sich nach und nach der mechanische Rhythmus einer Schlagzeugmaschine, ein dampfzischendes Becken, ein grunzendes Tuba-Riff, und dann legt sich - nach altem Schema lasziver Schunkelmusik - die unvergleichlich knarzende Stimme Celentanos darüber.

Der Sänger trägt jetzt gern Radlerhosen zum dunklen Schlapphut, und er hält seine rote Gitarre im Anschlag und macht auf Kumpel: Ich bin einer von euch.

Doch die Ranschmeiß-Pose trügt, längst hat sein neues Produkt in Italiens Presse wildes Skandalgeschrei provoziert: Celentano, der katholische Macho mit sozialistischen Anfällen, pöble auf »Quel Punto« gegen gleichgeschlechtliche Liebe und gegen Abtreibung.

Er weine um das ewig Weibliche, um die »Wiege des Lebens«, stöhnt er neuerdings; er weine »nicht um mich, sondern um meine Freunde. Wenn ihr euch alle wahllos liebt, was wird dann aus uns? Und ich weine auch um die, die nie das Licht der Welt sehen werden«.

»Er sieht in Frauen offensichtlich Untermenschen«, fürchtet Gabriella Bertozzo vom Verein »Arcilesbiche«, und Franco Grillini von »Arcigay« mutmaßt, »daß er Probleme mit seiner nicht erkannten Homosexualität hat. Mein Rat: Er soll''s doch mal mit einem seiner Jünger probieren, das wird ihm guttun und uns von seinen ewigen Predigten erlösen«.

Der Streit um Celentanos Texte hat Tradition. Noch ist nicht entschieden, ob seine spektakulären Fehlgriffe und Fehltritte eher aus Naivität, vermeintlich gesundem Menschenverstand oder Kalkül erfolgen; jedenfalls lärmt Celentano, Sohn eines süditalienischen Uhrmachers, auf allen Medienkanälen, seit er 1957 zu seiner Lebensaufgabe fand: Celentano machte sich daran, die Kraft des Rock''n'' Roll, das Sentiment Italiens und die Komik eines Jerry Lewis zu verbinden.

Die kleine Rolle in »La dolce vita«, für die ihn Federico Fellini engagierte, bestand schlicht aus einem Auftritt als Rocksänger, der Marcello Mastroianni ebenso verblüffte wie Anita Ekberg. Mit unbewegtem Pokerface präsentierte Celentano seine Mixtur aus musikalischer Revolution und theatralischer Komödie.

»Ventiquattromila baci«, »Preghero«, »Azzurro«, »Una festa sui prati«, »Svalutation« - auch wer kein Italienisch beherrscht, verfällt schon beim ersten Ton in ein wiedererkennendes Aufseufzen. Adriano Celentano macht alles: Tango, Techno und Rock''n''Roll; Bel Canto, Swing und Volkslieder; Schmonzetten, Alpenchöre und Hip Hop (mit »Prisencolinensinainciusol« absolvierte er seinen ersten Rap schon 1972).

Und er singt mit dieser coolen Selbstverständlichkeit, die selbst Menschen mit musikalischem Geschmack dazu verführt, lautlos die Lippen zu »Azzurro« zu bewegen, glücklich von der Sonne träumend. Wie Elvis Presley schreckt er vor keiner Verirrung zurück - und je gewaltiger er sich täuschte, um so sympathischer wurde er seiner Klientel.

Die Filme, die er seit 1964 auch in eigener Regie drehte, funktionierten nach ähnlichen Prinzipien: Man lächelte und verzieh. Daß sie keiner ernst nahm, lag am Jerry-Lewis-Handikap: Humor von der überdeutlichen Sorte, der notorische Grinsschädel aus dem Stammbaum Fernandels, die Kunst der exzessiven Minimalschauspielerei. Wer über Celentano lachte, lachte über seine aberwitzigen Grimassen, über seinen Mut zur Häßlichkeit und seine grandiose Unfähigkeit, etwas anderes als die altbekannten Hanswurst-Nummern abzuliefern.

Auf der Leinwand wie auf der Showbühne gilt Celentano als Personifikation angeblich typisch italienischer Widersprüchlichkeit. _(* In »Wer hat dem Affen den Zucker ) _(geklaut«. ) Als seine Affäre mit der Filmpartnerin Ornella Muti bekannt wurde, bat er seine Ehefrau und seine drei Kinder öffentlich um Vergebung. Auch der Klassenkampf findet bei Celentano allenfalls als Buffo-Nummer statt: Der Stolz auf seine proletarische Herkunft hinderte ihn nicht, ein Protzdomizil am Comer See zu beziehen, wo er mit seinem »Clan« hofhält, einer Männerfreundschafts-Finanzgesellschaft a la Sinatra und Presley mit 150 Angestellten.

Der Popularität des »Königs der Ignoranten« - so ein Plattentitel - tat das keinen Abbruch. Den Höhepunkt seines Ruhmes erklomm er 1987 und 1988, als er jeden Samstag die RAI-Show »Fantastico« moderierte. 4,1 Millionen Mark kostete er das staatliche Fernsehen, und es zahlte sich aus. Italiens Samstagabend geriet zum allwöchentlichen Celentano-Festival.

Er sprach über Gott und die Welt, kämpfte gegen Atomenergie und Umweltverschmutzung, ließ eine Schauspielerin detailliert über eine Vergewaltigung berichten, forderte die Wähler am Vorabend eines Referendums dazu auf, ihren Stimmzettel mit dem Zusatz »Die Jagd ist gegen die Liebe« zu versehen. Samstag für Samstag zitterten die Verantwortlichen der RAI aus Angst vor Strafanzeigen, Berlusconi wegen seiner sinkenden Einschaltquoten.

Der »Fernseh-Guru«, der »Wortführer der kollektiven Frustration« (Repubblica) wurde kurzfristig zur Hoffnung der Progressiven. Doch als er, ein praktizierender Katholik, gegen die legalisierte Abtreibung wetterte und davon sprach, daß es offenbar erlaubt sei, »ein Kind umzubringen«, distanzierte sich Italiens Linke und verdammte das Ganze als »ein Beispiel übler Propaganda«, als »Zynismus eines Starkults, den jeder für seine eigenen Erfolgschancen nutzt«.

Ein Weltmeister im Eiertanz ist er bis heute geblieben. 1994 beklagt er erst den Niedergang der Weiblichkeit und entschuldigt sich dann in einem windelweichen Dementi: »Verstehen Sie mich richtig - ich sehe die Frau nicht nur als Mutter, Braut oder Engel am Herd.«

Zu seiner Rückkehr auf die Konzertbühne, zum Entertainer-Comeback, das ihn im November auch nach Deutschland führt, hat ihn offenbar akute Geldnot gebracht: Von sieben Millionen Mark Schulden ist die Rede. Er selbst nennt andere Motive: »Mein liebstes Spielzeug ist die Musik.«

Wer die neueste Platte hört, könnte es beinahe glauben. Celentano spielt den sorglosen Recycler, er bearbeitet frühere Songs, kombiniert das sanfte Grummeln eines J. J. Cale mit dem Charme eines unrasierten Dean Martin, singt Scat, schmalzt mit melodiöser Unverfrorenheit, ein bißchen Französisch, ein bißchen Deutsch ("Ich libe dich, vall du mich zum Lachen bringst"). Auch schön.

Der Mann hat wenig Hemmungen: »Ich bin sympathisch. Wer sympathisch ist, wirkt schöner. Man muß nur an sich glauben.« Vermutlich ist es diese Unverfrorenheit, der Celentano seinen Erfolg verdankt. Und die Sehnsucht seiner Fans nach einem Idol, das seine Widersprüche lebt und sich grinsend ernst nimmt.

Der Publizist Erich Kuby schrieb einst über ihn: »Wenn er wollte, könnte er vermutlich morgen eine neue politische Partei gründen und ins Parlament einziehen.«

Ganz so weit reicht die Faszination des Ignoranten-Königs offenbar doch nicht. Adriano Celentano singt, und der größere Coup glückte seinem alten Widersacher Silvio Berlusconi. Y

* Am 1. Oktober beim Tourneestart in Cava dei Tirreni.* In »Wer hat dem Affen den Zucker geklaut«.

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