Königin Noor in Berlin Friedenspolitik im Hexenkessel

In Berlin hatte ein lesenswertes Buch Premiere - verfasst von Jordaniens Königin Noor. Ein aufrichtiges Lehrbuch über Brückenbau zum Frieden und Plädoyer gegen Intrigen, Lügen und Krieg.
Von Holger Kulick

Berlin - Solche Menschen braucht nicht nur der Orient, wie die 51-jährige jordanische Königin Noor-al Hussein. "Wünsche deinem Nachbarn oder Bruder nur, was du dir selber wünschst, dann kann diese Welt sehr viel friedlicher werden", das sei ihre Lebensphilosophie, sagt sie.

90 Minuten lang hat sie im Berliner Hotel Adlon von ihrem Mann und Idol König Hussein berichtet, über dessen Friedensvisionen und über ihr eigenes praktisches Friedensengagement im Nahen Osten. "Buchpräsentation Königin Noor" wies eine hölzernes Hinweisschild den Weg, Waffenkontrollen gab es keine, nur ringsum im feierlichen Saal wachten mehrere Bodyguards.

Eher zufällig hatte sie 1974 als Spross einer angesehenen amerikanisch-arabischen Familie und noch mit ihrem bürgerlichen Namen Elisabeth Halaby den jordanischen König Hussein kennengelernt. Sie sollte ihren Vater auf dem Flughafen von Amman neben dem König fotografieren. Vier Jahre später heiratete sie Hussein und erlebte an seiner Seite das politische Auf und Ab Jordaniens im kriegerisch zerstrittenen Nahen Osten, lernte persönlich die fatalen Uneinsichtigkeiten arabischer und israelischer Staatschefs kennen und die verzweifelte Sehnsucht der Menschen nach Frieden, ob in Palästina, Jordanien, Israel oder dem Irak: "Unser Leben prägt ein Extremismus, der aus zertrümmerten Hoffnungen und verpassten Chancen resultiert", definiert sie in Berlin die konfliktreichen Lebensumstände in der arabischen Region.

Ein Denkmal auf Papier für ihren Mann und dessen unvollendetes Friedenswerk

"Ich bete dafür, dass all unsere Kinder eines Tages in einem friedlichen Jerusalem wandeln werden. Inschallah", schließt sie nach 472 lehrreichen Seiten, die sie ihrem 1999 an Krebs verstorbenen Mann gewidmet hat. Annähernd 30 Attentate hatte er bis dahin überlebt, doch dann ließ ihm der Krebs keine Chance - auch zur Verbitterung seiner Bodyguards: "Sie hätten für ihn ihr Leben geopfert, aber sie wussten nicht, wie man ihn vor Krebs schützen könnte. Die Intensivstation machte ihnen Angst", erinnert sie sich.

Zuvor öffnet sie ein breites Spektrum von Erinnerungen. Der seelische Schmerz des Königs nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 gehört genauso dazu, wie die Leidenschaft des Königs, Abba-Lieder zu singen, oder sein Zorn über frei erfundene Liebesaffären seiner Frau während der Dreharbeiten von "Indiana Jones" in Jordanien. Dazu sein Großmut, seinen Feinden zu verzeihen, etwa Ali Abu Nuwar, einem General der jordanischen Armee, der versucht hatte, Hussein zu stürzen. Der König begnadigte ihn und schickte ihn später als Botschafter nach Frankreich. Auch Intrigen werden offenbart, etwa von Lybiens zwielichtigem Staatschef Ghaddafi, der als liebevoller Überraschungsgast zum Abenddinner auftauchen konnte und sich wenig später als Auftraggeber eines Attentats erwies.

"Mrs. Bush glaubte nur, was sie glauben wollte"

Mal ist vom Hexenkessel die Rede, mal vom politischen Minenfeld, das sie mit durchschritt. Und immer wieder erzählt sie aufrichtig von menschlichen Enttäuschungen, wenn es um verratene Menschlichkeit geht. So berichtet sie von Barbara Bush, der Ehefrau des US-Präsidenten George Bush, die während des ersten Golfkriegs voller Überzeugung erfunden Horrorgeschichten der kuweitischen Propaganda aufgesessen gewesen sei. "Ich versuchte, die wachsende Besorgnis in der arabischen Welt über die zivilen Verluste im Irak und die entsetzlichen Lebensbedingungen zu schildern. Doch Mrs Bush ließ sich nicht erweichen. Sie war eine politisch denkende Frau, und sie glaubte nur das, was sie glauben wollte."

Im Zentrum der ungeschminkten Autobiografie der Königin steht aber immer wieder das Vermächtnis ihres Mannes, das er dem bei einem Anschlag getöteten israelischen Staatschefs Rabin bei dessen Beerdigung versprach: "Er war mutig und hatte eine Vision, und er war dem Frieden verpflichtet. Ich stehe hier und verpflichte mich vor Ihnen, vor dem jordanischen Volk, vor der ganzen Welt, für dieses Ziel weiterzuarbeiten und alles in meiner Kraft stehende zu tun, um sicherzustellen, dass wir ein gemeinsames Vermächtnis hinterlassen". Dieser Friede sei aber nicht durch Verträge zwischen Regierungen zu schaffen, sondern müsse sich durch menschliches Miteinander entwickeln.

Königin Noors Ziel: Baumeister des Friedens erziehen

In diesem Sinne führt Köngin Noor den selbstgesetzten Auftrag ihres Mannes bis heute unermüdlich fort. Drei Projekte beschreibt sie auch in Berlin ihrem Publikum, für die sie sich zielgerichtet einsetzt. Dazu gehört "Seeds of Peace", eine Begegnungsinitiative, die seit 1993 in Sommerkursen Kinder aus dem Nahen Osten und anderen Krisengebieten zusammenführt, die sich anfangs noch anschreien, aber später bestens vertragen. Des weiteren fördert sie so genannte "United World Colleges", die junge Leute aus aller Welt zusammen leben lassen, um sie zu "Baumeistern des Friedens" zu erziehen, wie sie schreibt.

Darüber hinaus reicht das persönliche Engagement der Königin von der Antilandminenkampagne bis zur Mitarbeit im Commission of Missing Persons in Kriegsgebieten wie Bosnien. Auch der Erlös ihres Buches soll an die König-Hussein-Stiftung gehen, die sich Förderprogrammen für Friedensprojekte verschrieben hat. Folgerichtig dreht sich auch das Gespräch von Königin Noor mit der ZDF-Journalistin Martina Ruperti bei der Buchvorstellung im Berliner Hotel Adlon letztlich nur um das eine: Wie lassen sich Konfliktlinien überwinden - ohne Krieg?

Dass sie über den neuen Golfkrieg nicht beglückt ist, daran lässt die Königin keine Zweifel. Für jedermann in der Region sei diese Entwicklung "mit großer Traurigkeit und Frustration verbunden", nun müsse es aber vordringlich darum gehen, die betroffenen Menschen zu schützen, zu versorgen und auszubilden, denn nur die Bekämpfung von Artmut, Not und Rückständigkeit könne Gewalt und weitere Kriege verhindern.

Angriff auf Syrien? "God forbid!"

Einfach überstülpen ließe sich aber Demokratie als Ziel nicht, auch dafür bedürfe es geduldige Lern- und Überzeugungsschritte der Bevölkerung. Das nötige Vertrauen ließe sich aber nur dort gewinnen, wo soziale Ungerechtigkeiten ausgeglichen werden und Existenzangst beseitigt wird.

Genau so, wie Königin Noor voreiliges amerikanisches Kriegstreiben in Frage stellt, kritisiert sie den so genannten islamischen Terrorismus. Der Begriff sei für sie ein Widerspruch in sich. Denn wahrer Islam sei auf Schutz des Lebens aus, aber strebe keinesfalls danach, Menschen zu töten. "Diese arabische militante Minderheit hat unsere Werte gestohlen", schimpft sie auf arabische Terroristen vom Typ al-Qaida.

Am Ende hält sie noch eine Stunde lang geduldig die Autogrammwünsche von rund zwei Dritteln der 250 Zuhörer aus, bekommt dabei von Besuchern einen weißen Stoffhasen und ein Buch über Solarenergie von Hermann Scheer geschenkt und bedankt sich lächelnd für allerlei verbale Schulterklopfer. Als ich in der Warteschlange an der Reihe bin, frage ich sie, ob sie fürchtet, dass nun auch Syrien oder der Iran von den USA attackiert werden könnten. "God forbid!", antwortet sie: "Gott verhüte!". Alle Welt müsse "gemeinsam verhindern, dass es soweit nicht auch noch kommt".





Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.