Kokainschmuggel Fingerten "Hells Angels" im Millionendeal für Berlin?

Mit der Festnahme eines Haupttäters steht die Berliner Polizei vor der Aufklärung eines der größten Rauschgiftdeals der letzten Jahre. Eine Tonne reines Kokain sollte aus Südamerika geliefert werden. Hinter der Planung soll der Rocker-Club "Hells Angels" stecken.

Von


Harte Jungs, immer in Leder. Jetzt stehen die Hells Angels unter Drogenverdacht
DPA

Harte Jungs, immer in Leder. Jetzt stehen die Hells Angels unter Drogenverdacht

Berlin - Seit gut einem Jahr war der mutmaßliche Drahtzieher des Deals untergetaucht. Vergangenen Freitag gegen neun Uhr abends hatte die Flucht ein Ende. In der kleinen Stadt Zempow bei Wittstock in Brandenburg griffen die Ermittler zu. Sie umstellten ein kleines Zweifamilienhaus in der dortigen Birkenallee. Auf Kommando zündeten die Beamten Blendgranaten und stürmten die Ferienwohnung. Manuel St., seine Frau Gabriele und ihre beiden Kinder wehrten sich nicht, als sie vor dem Fernseher von der Festnahme überrascht wurden. "Er wirkte fast erleichtert und sagte, er habe bereits damit gerechnet, dass er bald festgenommen wird", sagte ein Ermittler gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Aussage könnte für "Hells Angels" Probleme bringen

Für die Polizei ist Manuel St. die Schlüsselfigur der großen Drogen-Lieferung, die im Spätsommer 1999 nach mehreren Monaten Planung mit Pleiten, Pech und Pannen in Berlin ankam. Rund 300 Kilogramm Kokain mit einem Marktwert von geschätzten 50 Millionen Mark rollten in Umzugskisten auf der Ladefläche eines braunen Iveco Turbo Daily in die Hauptstadt.

Vor allem aber hoffen die Beamten, nach der Festnahme endlich einen Verdacht bestätigen zu können: Die Ermittler sind sich sicher, dass die berüchtigte Rocker-Gemeinde "Hells Angels" hinter dem Coup steckt, deren kriminellen Organisation weltweit tätig ist und bisher nur schwer verfolgt werden konnte. "Wenn der jetzt Festgenommene aussagt, könnten wir den Hintermännern auf die Spur kommen", sagte eine Ermittlerin. Bisher können die Rauschgiftfahnder ihren Verdacht nur durch Indizien und Aussagen belegen, ein Beweis fehlt aber bisher noch.

Bei der Geldbeschaffung ertappt

Von der Karibik Insel Curaçao startete der Drogentransfer nach Berlin
GMS

Von der Karibik Insel Curaçao startete der Drogentransfer nach Berlin

Aufgeflogen war der Schmuggel wegen der Dummheit eines der kleineren Fische der Bande. Der Berliner Bauunternehmer Friedhelm K. hatte kurz nach Ankunft des Stoffs in Berlin entgegen den Abmachungen aus Geldnot begonnen, das Kokain kiloweise für rund 50.000 Mark an einen Freund in Minden zu verkaufen. Dem wiederum war aber die westfälische Polizei bereits auf der Spur und hörte am Telefon mit - von dem großen Schmuggel aus Südamerika ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand etwas.

Als Friedhelm K. schließlich nach Minden fuhr, um den Stoff an den befreundeten Reisekaufmann zu übergeben, griffen die Fahnder zu. Schon wenig später gestand der erfolglose Bauunternehmer den großen Schmuggel aus Südamerika. Wenige Stunden später fanden die Ermittler im Anschluss an die Vernehmung rund 300 Kilogramm noch verpackt in seinem Büro im Berliner Stadtteil Neukölln.

Mittäter bereits verurteilt

Mittlerweile ist Friedhelm K. vom Berliner Landgericht zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Zwei weitere Beteiligte, die den Stoff von der Insel Curacao vor der venezolanischen Küste nach Portugal verschifften, sind nach Informationen von SPIEGEL ONLINE erst kürzlich in Portugal zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

Ein weiterer Komplize aus Berlin konnte ebenfalls festgenommen werden. Rudolf K. hatte die Abwicklung in Portugal organisiert und den Stoff in die Umzugskisten verpackt. Für die Ermittler ist er jedoch keine Quelle mehr: Rudolf K. nahm sich am 6. November 2000 nach der Trennung von seiner Freundin in der Haftanstalt Moabit das Leben. Gefängnisangestellte fanden den Mann erhängt am Fensterkreuz. Um seinen Hals hatte er den Ledergürtel des Rockerclubs "Hells Angels" geschlungen.

Nach der Festnahme und den Vernehmungen von Friedhelm K. und seinen Komplizen konnten die Ermittler die Tat genau rekonstruieren. Demnach haben die Täter den Kokaintransport gut vorbereitet und detailliert geplant. Mehrfach waren sie nach Portugal geflogen, um dort den Umschlag zu organsieren.

Letztlich kamen nur 300 Kilo Kokain in Berlin an

Die Schmuggelroute für das Kokain: Im April 1999 schipperten die Schmuggler von Curacao nach Portugal. Von dort ging es per Laster nach Berlin. Von der deutschen Hauptstadt sollten die Drogen weiter nach Belgien und Holland
SPIEGEL ONLINE

Die Schmuggelroute für das Kokain: Im April 1999 schipperten die Schmuggler von Curacao nach Portugal. Von dort ging es per Laster nach Berlin. Von der deutschen Hauptstadt sollten die Drogen weiter nach Belgien und Holland

Die Idee war simpel und kam, so die Fahnder, von dem jetzt festgesetzten "Manne" St. In Portugal wurde ein Fischerboot mit dem Namen "Reine Vaering" gekauft. Mit diesem schipperten drei weitere Komplizen im Frühjahr 1999 zu der Karibikinsel Curaçao. Dort sollte eine Tonne Kokain übergeben werden, zurück nach Portugal und von dort nach Berlin geschafft werden. Letztlich gelangten jedoch nur rund 300 Kilogramm des Stoffs in die Spree-Metropole. Schuld waren Planungsmängel: Zuerst hatte sich der Kapitän des Fischerbootes geweigert, eine Tonne Fracht an Bord zu nehmen, weil das Schiff diese Last nicht tragen konnte. In Portugal angekommen, stellten die Komplizen fest, dass der Stoff zu fest einzementiert war. So konnte Rudolf K. nur knapp die Hälfte aus dem Rumpf herausschlagen, ohne die Polizei wegen des Lärms bei den Bauarbeiten zu alarmieren.

Die gesamte Organisation hatte Manuel St. in seinen Händen. Und nach Meinung der Fahnder auch immer die "Hells Angels". Aus den Aussagen der bisher Festgenommen geht hervor, dass der Stoff nicht für den Berliner Markt bestimmt war. "Wir glauben, dass die Drogen über die Rocker-Clubs in Belgien und Holland verkauft werden sollten", sagte ein Fahnder.

Fest steht, dass Manuel St. seit Jahren Mitglied der "Angels" in Hamburg war. Offenbar läuft dort mittlerweile ein Ausschlussverfahren gegen den 40-Jährigen. Auch der Berliner Komplize, der sich in der U-Haft erhängte, gehörte den Rockern an. Und auch der Ex-Bauunternehmer Friedhelm K. hatte Manual St. über die Leidenschaft zum Motorrad kennen gelernt.

Wer sind die Hintermänner

Eine Tonne Kokain, wie hier bei einer Razzia in Spanien, wollten die Rocker nach Berlin schmuggeln
AP

Eine Tonne Kokain, wie hier bei einer Razzia in Spanien, wollten die Rocker nach Berlin schmuggeln

Von Manuel St. erhoffen sich die Fahnder nun Hinweise auf die Hintermännern bei den "Angels". So hatte der Niederländer Charles R., den die Ermittler mittlerweile in Südafrika vermuten, einen Großteil des Deals organisiert. Rosielle, den die Komplizen den "roten Holländer" nannten, ist ebenfalls Mitglied der "Hells Angels" im "Chapter Südafrika" und war vermutlich für die internationalen Kontakte zuständig. "Ohne diese gute Organisation hätte der Schmuggel nie geklappt", glaubt ein Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA).

Nach der ersten Festnahme hatte Charles R. sowohl den jetzt festgenommenen Familienvater "Manne" als auch den anderen Berliner Verdächtigen Rudolf K. in Südafrika versteckt. Aus Liebe zu ihren Freundinnen kehrten aber beide nach Deutschland zurück. Auch dieses Versteck war über den Rockerclub organisiert worden, glauben die Fahnder.

Die Fahnder suchen dem ominösen "Karl"

Auch ein weiterer Verbindungsmann gehört den Rockern an. Von ihm weiß man bisher nur den Vornamen. "Karl" beschaffte das Rauschgift in Südamerika und war auch in Portugal zur Stelle, als der Stoff dort ankam. Bisher aber ist der Mann für die Behörden ein Unsichtbarer, den nun der festgenommene Manuel St. identifizieren könnte.

"Wenn St. aussagt, könnte der Fall komplett aufgeklärt werden", glaubt eine Ermittlerin. Doch die Beamten wissen genau, dass es schwierig wird, dem Mann etwas zu entlocken. "Der Mann wird sehr große Angst vor seinen Kumpels bei den Hells Angels und den noch flüchtigen Komplizen des Schmuggels haben", mutmaßt die Fahnderin. Trotzdem soll er so schnell wie möglich vernommen werden.

Der Fall würde den Behörden eine weitere Möglichkeit bieten, die kriminellen Hintergründe der legendär berüchtigten Rockerbande zu durchleuchten. Diese fällt immer wieder im Zusammenhang mit Straftaten auf. So laufen in Hamburg mehrere Verfahren wegen Verstrickungen ins Rotlichtmilieu, auch in Düsseldorf wird gegen die Rocker am laufenden Band wegen Schutzgelderpressung und mafiöser Strukturen ermittelt.

Das Problem der Fahnder dort wie in dem jetzt aufgedeckten Berliner Fall: Die meisten Zeugen scheuen Aussagen aus Angst vor den Rockern, und auch ausgestiegene "Angels" verraten ihre alten Kumpels so gut wie nie. "Das gehört einfach auch zum Ehrenkodex der Hells Angels", sagte ein Berliner Ermittler, "es ist schwer dazwischen zu kommen."





© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.