Kolumbien Ratten erschnüffeln Minen
Für jedes Paket Sprengstoff ein Cracker. Lola und Espejo haben schon viele Cracker bekommen an diesem Morgen und hätten damit schon vielen Menschen das Leben retten können, draußen, auf den minendurchsetzten Feldern Kolumbiens. Denn Lola und Espejo gehören zur ersten Minen-Spürratten-Schwadron Kolumbiens.
"Wir müssen irgendwie reagieren auf den Terrorismus und die Guerilla, die die Landminen überall im Land vergraben", erklärt Javier Cifuentes, Direktor der Sibate Polizeiakademie, in der die Ratten trainiert werden. Nach vier Jahrzehnten Bürgerkrieg sind weite Teile des Landes zur Todeszone geworden: Im Kampf der Guerillagruppen gegen das kolumbianische Militär wurden über 100.000 Landminen vergraben. Die tückischen Sprengsätze machen den Ackerbau lebensgefährlich.
Leichter als Hunde und schlauer
Kolumbien führt die traurige Liste der Landminenopfer an: Nach einer offiziellen Statistik der Regierung sind im vergangenen Jahr 1070 Menschen von Minen getötet worden. 6251 Tote gab es nach Angaben der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen weltweit. Zwar ist die Zahl rückläufig: 2003 kamen 8065 Menschen um. Doch noch immer macht die geächtete Terrorwaffe ganze Regionen unbewohnbar.
Die kolumbianischen Spür-Ratten sollen nun bald auf den verminten Feldern im Südosten eingesetzt werden und mit ihren sensiblen Nasen nach TNT fahnden. Sie sind leichter als Hunde sie wiegen gerade mal ein halbes Pfund - weswegen sie keine Zündungsmechanismen auslösen. Und außerdem sind die Nager gelehriger: Ein Jahr braucht ein Spürhund im Durchschnitt, bis er zum Minensucher taugt. In nur vier Monaten ist eine Ratte auf den Sprengstoff abgerichtet.
In Tansania werden deshalb schon seit einigen Jahren Riesenhamsterratten zu Minensuchern ausgebildet. "Hier in Kolumbien haben wir uns für eine andere Rattenspezies entschieden, die leichter ist und im Labor besser mitarbeitet", sagt Cifuentes.
Kakerlaken und Bienen als alternative Minensucher
Die komplexen Minensuchgeräte sind für viele betroffene Länder zu teuer. In einigen Staaten Afrikas gehen deshalb Menschen auf Minenjagd und riskieren ihr Leben. Wissenschaftler forschen daher schon seit Jahrzehnten an Alternativen. In den siebziger Jahren wurden sogar Kakerlaken trainiert: US-Forscher hofften, die Insekten so abzurichten, dass sie auf und ab trippelten, wenn sie TNT witterten. Doch es erwies sich als schwierig herauszufinden, was die Kakerlaken zum Trippeln bewegte: Angst oder TNT?
Und auch Honigbienen könnten bei der Minensuche helfen. Wenn sie auf der Suche nach Nektar über ein Feld fliegen, nehmen sie wie ein geflügelter Staubfänger feinste Partikel auf und damit auch winzige Mengen TNT, das aus den Minen sickert. Sind die Bienen TNT-frei, kann auch das Feld benutzt werden. Probleme bereiteten dabei jedoch die Routen der Bienen, die sich naturgemäß nicht nach den Wünschen der Forscher richten.
Lola und Espejo, die beiden kolumbianischen Minen-Ratten sind dagegen schon jetzt gut dressiert: In 83 Prozent der Fälle spüren sie den Sprengstoff auf. Doch sie haben noch einige Monate Training vor sich, bevor sie die 100 Prozent erreichen und in den aktiven Dienst versetzt werden können. Bis dahin werden sie noch viele Sprengstoffpakete im Labor erschnüffeln müssen. Und dafür noch viele Cracker bekommen.
Jens Radü