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Venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien: "Die Leute verhungern, sie sterben"

Foto: Annette Langer/ DER SPIEGEL

Kolumbiens Migrationskrise Der Hunger treibt die Menschen rüber

Zehntausende Venezolaner fliehen täglich nach Kolumbien, weil sie sonst verhungern würden. Wie lange reicht das Wohlwollen der Nachbarn, die selbst gegen Armut, Gewalt und einen verhassten Präsidenten auf die Straße gehen?
Aus Cúcuta, Kolumbien, berichtet Annette Langer

Die Bewegung auf der Simón-Bolívar-Brücke hat etwas Hypnotisches. Mit schlafwandlerischer Sicherheit laufen die Menschen über die Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela - die Gesichter hochkonzentriert, die Beine wie ferngesteuert, das Tempo beachtlich.

Unter sengender Sonne schleppen sie zentnerschwere Säcke und Dutzende knarzender Plastikflaschen auf dem Rücken über die Brücke. Jeder zückt seinen Passierschein, doch die Grenzbeamten kontrollieren nur sporadisch.

Bis zu 70.000 Venezolaner überqueren nahe der Stadt Cúcuta die Grenze nach Kolumbien - jeden Tag. Hier vollzieht sich eine der größten Migrationsbewegungen in der lateinamerikanischen Geschichte: Etwa 4,5 Millionen Venezolaner haben ihr Land bereits verlassen, 1,4 Millionen von ihnen haben sich in Kolumbien angesiedelt, eine weitere Million werden dort erwartet.

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Sie bilden einen jener "Flüchtlingsströme", die Rechtspopulisten immer dann beschwören, wenn sie Angst schüren wollen. Noch sind die Venezolaner in Kolumbien willkommen, doch die Stimmung droht zu kippen.

In Kolumbien gingen zuletzt Hunderttausende gegen Präsident Iván Duque auf die Straße, die Regierung fürchtet den Macht- und Kontrollverlust. Das Verhältnis zum Nachbarn Venezuela ist auf einem Tiefpunkt, immer wieder nutzen beide Seiten Grenzschließungen als politisches Druckmittel. Mit der Behauptung, venezolanische Provokateure würden über die Grenze eingeschleust, heizt Kolumbiens Präsident Duque zudem Ressentiments an.

Dabei sind es überwiegend Kranke, Arbeitsuchende und Hungernde, die aus Venezuela kommen. Nicht alle wollen in Kolumbien bleiben. Etwa drei Millionen Venezolaner haben bereits eine Migrationskarte erhalten, die es ihnen erlaubt, sich sieben Tage lang frei im Land zu bewegen oder in ein anderes weiterzureisen. Viele pendeln, suchen sich einen Kurzzeitjob und kehren dann mit Lebensmitteln und Medikamenten zurück. Wie Noemi, 42, fünffache Mutter und achtfache Großmutter.

Noemi aus Venezuela: 740 Kilometer für 1,30 Euro Tageslohn

Noemi aus Venezuela: 740 Kilometer für 1,30 Euro Tageslohn

Foto: Annette Langer/ DER SPIEGEL

Die Venezolanerin sieht aus wie ein Filmstar - und sitzt doch mit Hunderten anderen in einer von der katholischen Kirche betriebenen Suppenküche in Villa del Rosario nahe Cúcuta. Geduldig wartet sie darauf, dass ihr ein Teller gereicht wird. Es ist einer von 6500 pro Tag - Kinderportionen nicht mitgerechnet.

Seit vier Monaten kommt Noemi regelmäßig aus der 740 Kilometer entfernten venezolanischen Hafenstadt Puerto Cabello hierher. Sie versucht, als Tagelöhnerin zu arbeiten, schleppt Dinge, die in ihrer Heimat Mangelware sind, über die grüne Grenze, um sie dort zu verkaufen. "In Venezuela mangelt es an allem: Lebensmitteln, Kleidung, Medikamenten - und Frieden", sagt sie. So viele Menschen seien schon gestorben, die Situation dramatisch.

Der sozialistische Präsident Venezuelas, Nicolás Maduro, hat das Land mit den größten Erdölreserven der Welt abgewirtschaftet. Während die Regierung für Milliarden US-Dollar von Russland Waffen kauft, hungert die Bevölkerung. Es fehlt an Antibiotika und Insulin. Weil Hunderttausende Kinder nicht geimpft werden, kommen Diphtherie und Masern zurück. Auch die Malaria ist wieder auf dem Vormarsch. Noemi hat einen 15-jährigen Sohn, der nicht wächst, weil er unterernährt ist.

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Venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien: "Die Leute verhungern, sie sterben"

Foto: Annette Langer/ DER SPIEGEL

Die Menschen verkaufen alles, was sie besitzen, um zu überleben: ihre Haare, manche sogar - entsprechende Meldungen gibt es hin und wieder in Lokalzeitungen - das eigene Kind. Ob die Väter ihrer Kinder sie unterstützen? Noemi winkt müde ab. Alleinstehende Frauen hätten es sehr schwer, es gebe sexuelle Übergriffe, manche verzweifelte Venezolanerin würde sich prostituieren, um ihre Kinder durchzubringen, sagt sie. Etwa 300 Frauen und Mädchen verkaufen ihren Körper im Mercedes-Ábrego-Park von Cúcuta - für umgerechnet fünf bis sieben Euro. "Die Polizei ist korrupt, den Frauen hilft niemand außer der Kirche."

"In Kolumbien kann ich 5000 Pesos am Tag verdienen, etwa 1,30 Euro", erzählt Noemi. Findet sie keinen Job, muss sie auf der Straße schlafen. Dennoch kommt sie immer wieder - in Venezuela, wo Hyperinflation herrscht, würde sie etwa einen Euro im Monat verdienen.

Es gibt viele Wege nach Kolumbien: Der offizielle führt über die Brücke, der inoffizielle, Trocha genannt, über die grüne Grenze. Dann gibt es noch eine Mauer, über die Schmuggler - muskulöse junge Männer mit Basecaps und Tattoos auf nackten Oberkörpern - ihre Ware nach Venezuela bringen. Geschmuggelt wird alles Mögliche: Geld, Menschen, Benzin zur Herstellung von Kokain.

"Die Flüchtlingskrise ist eine immense Herausforderung für Kolumbien", sagt der Regierungsbeauftragte für die Grenze zu Venezuela, Felipe Muñoz. "Wir sind besorgt über illegale Aktivitäten, die sich mit Wissen der venezolanischen Polizei an der Grenze abspielen."

Demnach nutzen organisierte Verbrecherbanden, aber auch Guerillagruppen wie die Farc und die marxistische "Nationale Befreiungsarmee" ELN den rechtsfreien Raum für ihre Zwecke. "Wir können 2200 Kilometer Grenze nicht kontrollieren", gibt Muñoz zu.

Kolumbien hat selbst mit Armut, bewaffneten Konflikten und organisierter Kriminalität zu kämpfen. Dennoch fühlt sich Bogotá moralisch und historisch verpflichtet, venezolanische Flüchtlinge aufzunehmen. "Präsident Duque will sie unterstützen und die Grenzen offen halten, das ist Regierungspolitik", betont Muñoz.

Grenzbeauftragter Felipe Muñoz: "keine vollständige Kontrolle"

Grenzbeauftragter Felipe Muñoz: "keine vollständige Kontrolle"

Foto: Annette Langer/ DER SPIEGEL

Geschätzt zwei Millionen Kolumbianer seien in den Siebziger- und Achtzigerjahren ihrerseits nach Venezuela ausgewandert, weil dort der Erdölboom lockte. Beide Länder seien mehr als Nachbarn, eher eine Familie. Auch deshalb beobachte man bisher kaum fremdenfeindliches Verhalten und versuche, dem mit Aufklärungskampagnen etwa in Schulen vorzubauen.

"Ich finde es vorbildlich, wie verantwortungsbewusst und solidarisch ein Großteil der kolumbianischen Gesellschaft gegenüber Migranten ist", sagt Sabine Kurtenbach vom GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg. Anders als etwa in Ecuador oder Peru, wo es zu Ausschreitungen gegen Flüchtlinge kam, sorgten in Kolumbien familiäre Verbindungen und doppelte Staatsbürgerschaften für ein eher brüderliches Verhältnis.

Grenzbrücke Simón Bolívar: Blick nach Venezuela

Grenzbrücke Simón Bolívar: Blick nach Venezuela

Foto: Philipp Lichterbeck/ Adveniat

Vor der Kommunalwahl im Oktober gab es Absprachen zwischen Parteien im Kongress, xenophobe Töne im Wahlkampf zu vermeiden, um den sozialen Frieden nicht zu gefährden. Muñoz zufolge haben 600.000 Antragsteller bereits eine ständige Aufenthaltserlaubnis erhalten, in Kolumbien geborene Kinder von Venezolanern bekämen die Staatsangehörigkeit, der private Sektor öffne sich für Arbeitskräfte aus Venezuela. Etwa 200.000 Flüchtlingskinder müssten beschult werden, das sei eine große Herausforderung.

Angesichts der massiven Proteste gegen die Regierung Duque macht sich aber inzwischen Nervosität breit: Als kürzlich landesweit eine Viertel Million Kolumbianer gegen Gewalt, Sparmaßnahmen und fehlende Reformen auf die Straße gingen, war es mit der migrationsfreundlichen Haltung erst mal vorbei: Die Regierung schloss vorübergehend zwölf Grenzübergänge, auch den auf der Simón-Bolívar-Brücke. Aus Sicherheitsgründen, hieß es. 59 Venezolaner wurden abgeschoben, angeblich wegen Vandalismus.

Venezolaner zeigen an der Grenze Einreisekarten und Ausweise vor

Venezolaner zeigen an der Grenze Einreisekarten und Ausweise vor

Foto: Philipp Lichterbeck/ Adveniat

In den sozialen Netzwerken wurde daraufhin Stimmung gemacht gegen venezolanische Flüchtlinge. Die würden das Gesundheitssystem überlasten und den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen, so die Argumentation. Uno-Vertreter vor Ort verurteilten umgehend jede Diskriminierung der venezolanischen Bevölkerung und zeigten sich besorgt angesichts der steigenden Fremdenfeindlichkeit.

Tatsächlich scheint das Wohlwollen der bisher so solidarischen Kolumbianer abzunehmen: Eine Umfrage für das "Migrationsprojekt Venezuela " ergab, dass die Zustimmung der Kolumbianer zur Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nachbarland zwischen September 2017 und November 2018 um 14 Prozentpunkte gesunken ist, auf 51 Prozent. Mehr als 40 Prozent der befragten Venezolaner berichteten von Diskriminierung.

"Die Problematik hat sich verschärft, seit beide Regierungen nicht mehr miteinander kommunizieren", erklärt die Migrationsforscherin Socorro Ramírez in der Zeitung "El Espectador". Die nachbarliche Infrastruktur liege brach, die diplomatischen Beziehungen seien abgebrochen, die Konsulate geschlossen. "Was früher in Regierungshänden lag, wird jetzt von irregulären Gruppierungen gesteuert." Das Leben auf beiden Seiten sei der Illegalität unterworfen.

Was würde passieren, wenn Kolumbien die Grenze schließen würde? "Das wäre fatal", sagt die venezolanische Pendlerin Noemi. "Dann müssten wir alle über den Fluss - und das ist in der Regenzeit lebensgefährlich." Die Trocha, der Schleichweg über die Grenze, sei die Lebensader. "Wenn die gekappt wird, kann es zu Gewalt und Ausschreitungen kommen."

Und langfristig? "Dann würde Venezuela explodieren", sagt der Bischof von Cúcuta, Víctor Manuel Ochoa Cadavid. Das Land sei auf Importe angewiesen, "es produziert zurzeit gerade mal drei Prozent dessen, was es braucht."

Auf beiden Seiten der Simón-Bolívar-Brücke sind die Probleme dramatisch. Dennoch glaubt Bischof Cadavid fest an die Hilfsbereitschaft der Kolumbianer: "Wir sind ein Brudervolk. Wir teilen dieselbe Kultur, singen dieselben Lieder und trinken das gleiche Bier."

Bischof Cadavid aus Cúcuta

Bischof Cadavid aus Cúcuta

Foto: Annette Langer/ DER SPIEGEL

Was auf menschlicher Ebene funktioniert, scheint auf politischer zunehmend problematisch zu werden. Der Migrationsbeauftragte der Regierung, Christian Krüger Sarmiento, trat am 8. Dezember zurück, angeblich aus persönlichen Gründen.

In einem Abschiedsstatement riet er seinen Wegbegleitern, sich nicht von "Routine, Konformismus und Mutlosigkeit" besiegen zu lassen: "Die Migrationsgeschichte unseres Landes wird gerade erst geschrieben."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Recherchereise des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, das zahlreiche Projekte in Kolumbien und anderen Ländern  der Region unterstützt.