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Viel zu viel Spielzeug: Kinder lieben das.
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Viel zu viel Spielzeug: Kinder lieben das.

Von Theodor Ziemßen


Kinder lieben es, Dinge zu bekommen. Herkunft, Qualität, Produktionsbedingungen? Egal! Trotzdem sollte man sie zu mündigen Konsumenten erziehen. Nur wie, wenn wir das in Wahrheit nicht mal selbst sind?

Es ist schon einige Wochen her. Aber wenn ich an den Abend denke, spüre ich immer noch einen kleinen Stich: Mit seinen Großeltern hatte mein Sohn Benjamin den Tag auf dem Erntedankfest in meinem Heimatort verbracht. Ein Tag auf den sich das Dorf Jahr für Jahr wochenlang vorbereitet. Die Bauern schmücken ihre Traktoren und Anhänger, etliche Spielmannszüge aus Deutschland und den Niederlanden kommen, es gibt sogar ein paar Karussells. Ich erinnere mich daran, dass es in meiner Kindheit immer einer der schönsten Tage des Jahres war.

Am Abend fragte ich Benjamin, was ihm am meisten Spaß gemacht hat.

"Dass Opa mir das Schwert gekauft hat."

Ich verbarg den Schlag, den mir seine Antwort versetzte. Mit tausenden Blüten geschmückte Wagen, Spielmannszüge, bunte Karussells - und mein Sohn freute sich über ein Stück Plastik.

Von Schwertern, iPhones und Inkonsequenz

Schon seit er wieder zu Hause war, fuchtelte er mit seinem neuesten Spielzeug herum. Es war ein Samurai-Schwert aus hauchdünnem Kunststoff und sah so billig aus, dass es wehtat. Es war klar, dass es beim ersten entschlosseneren Schlag abknicken würde. Es war klar, dass es bald kaputt in einer Ecke und wenig später auf dem Müll landen würde.

Ich dachte: Ich möchte nicht, dass meine Kinder so aufwachsen. Mit Dingen, die eigentlich schon Müll sind, wenn sie in einem Billigproduktionsland vom Fließband fallen. Ich möchte, dass meine Kinder wissen, dass die Chance groß ist, dass ein solches Spielzeug von unterbezahlten Menschen unter traurigen Bedingungen hergestellt wird. Ich möchte, dass meine Kinder nicht zu unmündigen Konsumenten aufwachsen, die von Werbung und dem Wunsch nach Statussymbolen vor sich hergetrieben werden.

Ich selbst besitze ein iPhone, obwohl ich Berichte über die prekäre Situation der Arbeiter bei den chinesischen Herstellern Foxconn und Pegatron kenne.

Ich selbst häufe Comicstapel an und Benjamin sieht regelmäßig meine leuchtenden Augen, wenn mich ein neues Heft aus den USA erreicht.

Meine Frau jagt passioniert gebrauchte Designerkleidung auf Ebay, obwohl ihr Kleiderschrank aus allen Nähten platzt.

"Einkaufen!"

Wir selbst sind also sicher keine durch und durch konsequenten Konsumenten. Aber wir geben uns Mühe. Vielleicht manchmal nicht genug.

Aber ich selbst habe früher öfter als heute in einem ungesunden Leerlauf konsumiert. Wenn ich zu viel arbeitete, wenn es mir schlechtging, wenn ich dachte, dass ich mich belohnen müsse, kaufte ich etwas. Ich möchte, dass meine Kinder einmal bessere Mittel haben, mit solchen Gefühlen umzugehen.

Das Einkaufen habe ich bei Benjamin schon öfter als merkwürdig positiv besetzte Beschäftigung wahrgenommen. Schon einige Male fragte ich ihn, worauf er Lust hätte, und er sagte: "Einkaufen!". Zudem schleppen Freunde, Verwandte, Nachbarn - und ja - auch wir immer mehr Spielzeug an. Benjamin hat Massen zu viel Spielzeug.

Wir versuchen dem Überfluss und dieser Wahrnehmung von Konsum als einem Glücksspender etwas entgegenzusetzen. Wir backen gemeinsam Brot, basteln Dinge, statt sie zu kaufen, versuchen, ihm eine Idee davon zu vermitteln, wie bewussteres Einkaufen das Leben von Menschen direkt verbessern kann.

Fair gehandelt, teuer gekauft, durch Wunder vermehrt

Wir kaufen zum Beispiel nur noch fair gehandelte Schokolade. Als Benjamin einmal fragte, warum, sagte ich ihm, dass mir Schokolade, deren Kakaobohnen vielleicht von Kindern geerntet wurden, einfach nicht schmecke, dass ich finde, dass diese Kinder wie er spielen oder zur Schule gehen sollen, statt auf Feldern arbeiten zu müssen.

Und natürlich sind wir auch in Sachen Spielzeug inkonsequent. Denn zugleich bringt die Schnullerfee ein "Star Wars"-Lego-Set für 100 Euro. Warum? Benjamin hatte vorher wochenlang über Luke und Darth Vader gesprochen. Er war fasziniert davon, dass die beiden Vater und Sohn waren - und gleichzeitig einer gut und der andere böse. Das bewegte mich. So kaufte ich das einzige Set, in dem es die beiden Figuren gab. Zwei Tage später war die langwierig errichtete Burg natürlich unwiederbringlich in ihre Einzelteile zerfallen und im restlichen Lego aufgegangen. Weil Lego in Wahrheit immer dann am besten ist, wenn man daraus möglichst große Raumschiffe bauen kann. Findet Benjamin. Finde ich auch.

Es gibt auch Momente, in denen sich unser Besitz nicht durch einen Einkauf, sondern wie durch ein Wunder vergrößert. Etwa als Benjamin mir eine angekeimte Kartoffel brachte. "Schau mal, Papa", sagte er. Dann gruben wir sie gemeinsam im Hochbeet ein. Monate später hatten wir zwanzig Knollen, aus denen wir gemeinsam Kartoffelbrei machten. Von dem Benjamin übrigens trotzdem kaum probierte. Ein tolles Erlebnis war es trotzdem.

Tiefschlag mit Holzschwert

Über das Plastikschwert habe ich noch lange nachgedacht. Und irgendwann platzte in meinem Kopf ein Knoten. Plötzlich war ich fasziniert davon, wie Benjamin ein doofes Stück Plastik mit so vielen Fantasien und Emotionen aufladen konnte.

Und an dieser Stelle muss ich ein wichtiges Geständnis machen: Die Sache mit dem Schwert wurmte mich auch so, weil ich Benjamin nur zwei Tage zuvor selbst ein Holzschwert gebaut hatte. Das war mir ziemlich schwergefallen, weil ich seine Begeisterung für Waffen und Gewalt eigentlich nicht unterstützen möchte. Aber noch größer ist eben seine Begeisterung für Ritter. Eine Zeit lang musste ich ihm Abend für Abend zum Einschlafen Bücher über das Mittelalter, Burgen, Belagerungen und Wettkämpfe vorlesen. Er ist mittlerweile ein ziemlicher Experte.

So sägte, schliff und nagelte ich an einem freien Tag ein Holzschwert für ihn. Ich erinnere mich noch, wie aufgeregt ich war, als er vom Kindergarten nach Hause kam. Ich bat ihn seine Augen zu schließen und "das Knie zu beugen", wie professionelle Ritter sagen. Dann nahm ich das Schwert, schlug ihn feierlich zu Benjamin Ziemßen, Ritter von der Eschenstraße. Seine Augen leuchteten. Meine auch, glaube ich.

"Das hier ist cooler."

Als das Samurai-Schwert kam, landete das andere in der Ecke. Ich fragte Benjamin, was an dem neuen besser sei. "Das hier ist cooler", antwortete er.

Ich frage mich, was ich aus dieser Geschichte lernen kann.

Gestern Abend haben wir beide Pläne für einen Boxroboter gemalt. Holzreste, ein paar Farben und Schrauben warten im Keller. Wir wollen in einem Elektronikfachmarkt für Bastler einen geeigneten Motor für unsere Erfindung kaufen.

Meine Frau sagt: Als wir den Plan fassten, leuchteten unsere Augen.



Liebe Leserinnen und Leser, wissen Sie, was ich aus der Geschichte lernen kann? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.




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22 Leserkommentare
grumpy53 08.12.2016
benjamin_ 08.12.2016
mawhrin101 08.12.2016
olli118 08.12.2016
sojetztja 08.12.2016
andreasclevert 08.12.2016
crazy_swayze 08.12.2016
doktor_polidori 08.12.2016
hackevoll 08.12.2016
Teilzeitalleinerzieherin 08.12.2016
dabri 08.12.2016
dabri 08.12.2016
benmartin70 08.12.2016
katja78 08.12.2016
fuerste 08.12.2016
doktor_polidori 08.12.2016
dondon 08.12.2016
Sandra A. 09.12.2016
Chaosfee 09.12.2016
ar_thur 13.12.2016
futtereimer 13.12.2016
x.adama 14.12.2016

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