Konsum-Kinder Rasenmähen für eine Hörspielkassette

Markenklamotten, Handys und Reisen in exotische Länder - die Wohlstandskinder haben scheinbar alles, wovon sie träumen. Und doch mangelt es ihnen an dem, was sie wirklich brauchen. SPIEGEL ONLINE sprach mit der Autorin Gerlinde Unverzagt über kindliche Konsum-Junkies, Verantwortung im Vorschulalter und die Harry-Potter-Manie.


SPIEGEL ONLINE:

Frau Unverzagt, was schenken Sie Ihren Kindern zu Weihnachten?

Unverzagt: Ich würde jetzt gerne sagen, einen dicken Apfel und einen Kuss, aber das stimmt nicht. Vielleicht werden sich meine Kinder ärgern, aber ich habe beschlossen dieses Jahr ein 50 Mark Limit für Geschenke zu setzen - ein Kind bekommt ein Bilderbuch und das andere eine Uhr. Auf den ganzen Konsumzauber habe ich eine Riesenwut.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn so schlecht, wenn Kinder reich beschenkt werden?

Unverzagt: Die Motive für das Schenken und das Kaufen liegen oft am schlechten Gewissen der Eltern. Das Problem ist, dass der Konsum grenzenlos geworden ist und die Kinderwünsche in den Himmel wachsen. Jetzt ist es notwendig, eine Grenze zu ziehen. Die Kinder müssen lernen, dass die Dinge nicht unendlich und vor allem nicht ohne Anstrengung zu haben sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollen sich Kinder für Geschenke anstrengen müssen?

Unverzagt: Es geht nicht um das Beschenktwerden. Es geht darum, dass zu viele Geschenke schaden, denn Kinder finden sich dann nicht mehr in der Mangelsituationen zurecht. Auch entwickeln sie kein gesundes Selbstbewusstsein. Kurz gesagt: Wenn sie ihr Selbstbewusstsein abhängig machen von der richtigen Kappe, die sie auf dem Kopf tragen, dann ist es nichts wert.

SPIEGEL ONLINE: Also je spartanischer, desto selbstbewusster?

Unverzagt: Man muss den Blick auf Dinge richten, die man nicht mit Geld kaufen kann. Kinder müssen wieder lernen, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen und von äußeren Stilisierungsangeboten unabhängig zu werden. Sie brauchen viele Gelegenheiten, um ihre Fähigkeiten zu entdecken und sich selbst zu beweisen. Dabei können ihnen Eltern helfen. Das können gemeinsame Unternehmungen, aber auch kleine Aufgaben im Haushalt sein. Sie müssen Verantwortung übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bringt man Kindern bei, Verantwortung zu übernehmen?

Unverzagt: Das Taschengeld ist eine prima Spielwiese, um den Umgang mit Geld zu lernen. Wir sind gewohnt, unseren Kindern monatlich eine bestimmten Betrag zur freien Verfügung zu geben. Weil die Eltern für alles Notwendige sorgen, kaufen die Kids viele Sachen, die eigentlich überflüssig sind. An diesem Punkt muss man einhaken. Kinder müssen lernen, dass man für Geld arbeiten muss. Insofern wäre es sinnvoll, das Taschengeld an bestimmte Voraussetzungen zu knüpfen, die ein Kind erbringen muss.

SPIEGEL ONLINE: Also Rasenmähen für eine Hörspielkassette?

Unverzagt: Das ist vom Alter abhängig, aber warum sollen sich 13-Jährige nicht Geld durch Babysitten verdienen. Es ist wichtig, dass Kinder den Zusammenhang zwischen Leistung und Geld erkennen können, um dann die Möglichkeit zu haben, zu entscheiden, ob das, was sie haben wollen, auch wirklich den Einsatz wert ist. Geraten meine eigenen Kinder in Geldnot, können sie beispielsweise Pfandflaschen in unserer Küche sammeln und wegbringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann die Schule Kinder zur Verantwortung erziehen?

Unverzagt: Alles was mit wirtschaftlichen Grundkenntnissen zu tun hat, wird in der Schule bisher viel zu selten angesprochen. Wenn man es mit anderen Tabuthemen wie Sexualkunde vergleicht - da wird in den ersten sechs Grundschuljahren dreimal aufgeklärt. Was Sex anbelangt, wissen Kinder längst alles, obwohl das erst zehn Jahre später für sie interessant wird. Geld dagegen wird als Schulthema immer noch tabuisiert.

SPIEGEL ONLINE: Unterdrückt der Gruppenzwang in der Schule nicht das gesunde Selbstbewusstsein?

Unverzagt: Ja, aber derjenige, der es schafft, sich zu widersetzen, entwickelt ganz andere Qualitäten für seinen weiteren Lebensweg als derjenige, der nur wild Trends hinterläuft.

SPIEGEL ONLINE: War früher also doch alles besser?

Unverzagt: Nein, nur anders. Betrachtet man die allgemeine Wohlstandsentwicklung, fällt auf, dass früher schlicht weniger Geld zur Verfügung stand. Heute gehen die Taschengeldzahlungen bundesweit in die Milliarden. Waren es vor zehn Jahren noch elf Milliarden Mark, sind es heute 20 Milliarden Mark. Böse Zungen behaupten, dies sei die einzig vorhandene Wachstumsbranche.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sollte man dem Trend entgegensteuern?

Unverzagt: Kinder müssen Entbehrungen hinnehmen, um am Ende eine wirkliche Wahl haben. Wenn man weiß, dass Selbstbewusstsein nicht durch den Kauf einer Hose herzustellen ist, hat man die Wahl: Kaufe ich die teure Markenjeans oder doch lieber ein billigeres No-Name-Exemplar. Dann muss die Gleichung zwischen Selbstwert und Konsum hinterfragt werden. Man lernt aufzuschieben und zu warten. Das sind wichtige Fähigkeiten, die Kinder letzten Endes stärken.

SPIEGEL ONLINE: Wann macht Konsum Kinder süchtig?

Unverzagt: Süchtig wird man dann, wenn der Konsum an Stelle anderer Fähigkeiten tritt. Wo immer nur gekauft wird, um ein leeres "Ich" aufzufüllen. Wenn man sieht, dass Werbestrategen schon Kinder im Vorschulalter im Visier haben, kann man überlegen, ob ein Kind, das immer mehr Pokemon-Sticker will, schon süchtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Wofür geben Kinder heute das meiste Geld aus?

Unverzagt: Kleine Kinder für Süßigkeiten, Heftchen und Sticker. Später dann für CDs, das Handy und Klamotten. Außerdem beeinflussen Kinder die Kaufentscheidung der Eltern. In Wirklichkeit ist die Marktmacht noch viel größer als angenommen wird.

SPIEGEL ONLINE: Und die Werbebranche ist wieder mal böse?

Unverzagt: Werbung will nur verkaufen und nicht glücklich machen. Sie will nur das Geld aus der Tasche ziehen und empfiehlt deshalb einen bestimmten Schokoriegel. Man muss Kinder ermuntern, diesem ganzen Quatsch nicht aufzusitzen, sondern kritisch gegenüberzustehen.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Harry Potter?

Unverzagt: Ich finde es ehrlich gesagt grauenhaft. Anregung zum Lesen ist gut, aber jetzt muss jeder auch noch ins Kino und Harry-Potter-Fanartikel kaufen - das zeigt die Übermacht der Konsumgüterindustrie. Wir müssen plötzlich alles von Harry Potter haben. Das erstickt doch die Fantasie der Kinder. Ihnen werden nur vorgefertigte Bilder geliefert. Besser als ein Harry-Potter-Shirt zu kaufen wäre es, ein weißes T-Shirt selber mit Farbe zu bemalen.

Das Interview führte Sabine Hoffmann



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