Rettungsarbeiten nach Schiffsunglück in Südkorea "Hier ist alles schlammig, die Sicht ist fürchterlich"

Gelingt es den Tauchern, ins dritte Zwischendeck vorzustoßen? Im Wrack der havarierten Fähre vor der südkoreanischen Insel Jindo werden Hunderte Tote vermutet. Die Bergungsarbeiten sind hochgefährlich.

Aus Jindo, Südkorea, berichtet


Der Himmel hängt so tief, als breche am frühen Morgen schon die Nacht an. Es schüttet unaufhörlich, in den Kapuzen ihrer Regenüberzüge sammeln sich Pfützen an.

An der Kaimauer des Dorfes Paengmok steht ein Buddhisten-Mönch in seiner durchnässten Kutte und singt und trommelt ein Gebet aufs Meer hinaus. Hinter ihm betet Schwester Sarah von der katholischen Gemeinde, unter einem schwarzen Regenschirm. Die Insel Jindo ist voll von Kirchen. So trostlos wie hier an der Südwestspitze von Südkorea bricht dieser Karfreitag wohl in der ganzen Christenheit nicht an.

Der alte Mann im gelben Regenmantel geht von einem Wagen zum anderen die Kaimauer hinauf, er sucht nach Männern, die Gasflaschen und große schwarze Taschen aus ihren Autos packen. Das sind die Taucher. Auf ihnen ruhen die Hoffnungen des Alten, dessen Neffe zu den über 250 Schülern zählt, die mit der Fähre "Sewol" untergingen. Er stellt allen Tauchern dieselbe Frage: "Besteht noch eine Chance? Kann mein Neffe noch gerettet werden?"

"Hier, ins dritte Deck, da wollen wir hinein"

Ko Dae Hun, 41, malt ihm den Aufriss der gesunkenen Fähre "Sewol" auf eine nasse Windschutzscheibe. 20 Kilometer vor der Küste, an der Stelle, wo das Schiff am Mittwoch sank, ist das Meer 37 Meter tief. "Das hintere Oberdeck", sagt Ko zu dem alten Mann, "liegt also auf dem Meeresgrund, der Bug ragt aus dem Wasser, weil Luftkammern dem Schiff Auftrieb geben."

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Jindo: Suche im eiskalten Meer
Ko malt vier Etagen auf seine Skizze des untergegangenen Schiffs: "Hier, ins dritte Deck, da wollen wir hinein. Dort könnten Menschen überlebt haben, es könnte Hoffnung für deinen Neffen geben."

Seit der Havarie vor 48 Stunden ist aber noch kein Taucher in den Schiffsrumpf vorgedrungen. Bislang, sagt Ko, ein ehemaliger Kampfschwimmer der südkoreanischen Marine, seien die Taucher damit beschäftigt, Seile und Netze am Schiffskörper anzubringen, damit sich andere Taucher an ihnen hinunterhangeln können. Und selbst diese Arbeit wird dauernd unterbrochen: Der Tidenhub, der Unterschied zwischen Ebbe und Flut, kann an der Unglücksstelle bis zu sechs Meter betragen, die Insel Jindo ist berühmt für ihre Springfluten.

"Das Wasser ist kalt, das ist ein Problem für uns"

"Wir haben nur jeweils eine halbe Stunde vor und nach der Ebbe Zeit", sagt Ko. Davor und danach sei die Strömung des ab- oder zufließenden Wassers so stark, dass die Taucher selbst in Gefahr geraten.

Noch ist die Ursache des Unglücks nicht geklärt, doch die extremen Strömungsverhältnisse vor Jindo, sagen die Taucher, könnten den Untergang der Fähre beschleunigt haben.

Und die Strömung sei nur eine Besonderheit dieses Seegebiets, sagt Lee Won Tae, 60, ebenfalls ein ehemaliger Marineoffizier, der nun ein Team von 30 Tauchern führt. "Wir sind hier nicht auf den Philippinen, wo man meterweit durchs Wasser sehen kann. Hier ist alles schlammig, die Sicht ist fürchterlich. Und das Wasser ist kalt, was nicht nur für die im Schiffsrumpf Eingeschlossenen, sondern auch für uns ein Problem ist."

Der Baumanager Kim Jae In, 38, hat seinen Cousin auf der "Sewol" verloren. Er steht vorn am Kai unter einem Plastikzelt, auf das der Regen trommelt, und verflucht seine Regierung. Mehr als zwei Tage habe sie allein gebraucht, um eine Tafel aufzustellen, auf der die Namen aller Passagiere eingetragen seien.

"Ich schäme mich, ein Koreaner zu sein"

Keiner der Angehörigen wisse, ob überhaupt jemand nach den Vermissten suche. Am Donnerstagabend habe er es nicht mehr ausgehalten, habe mit 20 anderen ein Schiff gechartert und sei einfach hinausgefahren: "Es war sechs Uhr am Abend, ein paar Boote schipperten um die Bugspitze herum, niemand tat irgendwas. Wir werden versuchen müssen, private Taucher hinunterzuschicken. Ich schäme mich, ein Koreaner zu sein."

Südkoreas Rettungstaucher sind vorsichtiger als noch vor vier Jahren. Im April 2010 sank - wahrscheinlich von einem nordkoreanischen Torpedo getroffen - die Korvette "Cheonan" und riss 46 Matrosen mit in den Tod. Bei einem Rettungsversuch, der ebenfalls von der starken Strömung behindert wurde, kam einer der erfahrensten Marinetaucher des Landes ums Leben.

"Wenn es nach uns geht, dringen wir noch heute Nacht ins dritte Oberdeck ein", sagt ein Kollege des Kampfschwimmers Ko Dae Hun, "tasten uns bis in eine Luftkammer vor und finden hoffentlich Überlebende. Wir gehen alle mit zwei Flaschen und zwei Mundstücken ins Wasser, damit wir einen Überlebenden mit aus dem Wasser bringen können."

Doch das ist nur die schwindende Hoffnung an diesem Karfreitag. "Die Wirklichkeit ist, dass das Schiff ganz instabil im Wasser liegt und keiner weiß, wohin es kippt. Das Schlimmste wäre, wenn auf die erste Katastrophe eine zweite folgte."

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