Krankhaftes Schwitzen Eine Frau in Auflösung

Stephanie S. schwitzte - krankhaft. 150 Milliliter Flüssigkeit schied allein ihre linke Hand binnen fünf Minuten aus, ein Liter am ganzen Körper wäre normal. Die junge Frau litt, wurde zur Außenseiterin. Die Lösung des Problems war verblüffend.
Von Silvia Dahlkamp
Hyperhidrose-Opfer Stephanie S.: "Feel fresh, das galt nur für die anderen"

Hyperhidrose-Opfer Stephanie S.: "Feel fresh, das galt nur für die anderen"

Foto: Sylvia Dahlkamp

"Welt noch in Ordnung" hat Stephanie S. über ein Foto in ihrem Album gekritzelt. Die Aufnahme ist Jahre alt, entstand kurz nach ihrer Jugendweihe. Sie zeigt Stephanie als Teenager, im hautengen grünen Kleid. Stolz lächelt sie in die Kamera - eines der letzten Bilder ohne Flecken unter den Achseln.

Eine Seite weiter ist die unbeschwerte Jugend schon vorbei. Abschlussfoto, Realschule, 10. Klasse, in einem kleinen Nest nahe Magdeburg: Ernst steht das Mädchen in der ersten Reihe, presst die Arme fest an die Seiten, wie angeklebt sehen sie aus. 16 Jahre war sie damals alt. "Ich fühlte mich ekelig. Die Welt war nicht mehr in Ordnung."

Jahrelang war das so. Es lief und lief und lief.

Jeden Sommer schmolz Stephanie S. wie ein Schneemann in der prallen Sonne regelrecht dahin. Aus allen Poren tropfte literweise Schweiß, sogar in ihren Schuhen standen Pfützen.

"Spider-Woman" ulken die Kollegen im Sommer 2008, wenn die zierliche Bürokauffrau, 26, aus Potsdam die Handflächen auf den Schreibtisch legt und ein halbes Dutzend Blätter daran kleben bleiben. Trägt sie den Terminordner das kurze Stück Weg ins Chefzimmer, wellt sich bei der Übergabe bereits der Aktendeckel. Manchmal flutscht ihr einfach der Kugelschreiber aus den nassen Fingern - quer durch das ganze Büro.

Es tropft, es fließt, es riecht und hört eigentlich nie auf. Nicht im Winter und schon gar nicht, wenn draußen Sahara-Hitze quält.

Hyperhidrose nennen Ärzte die Krankheit. "In mir ist ein Thermostat kaputt", klagt die junge Frau. Und niemand kann es reparieren.

Dabei ist Schwitzen eigentlich gesund. Es schützt den Körper, wenn er heiß läuft. Transportiert die Wärme über bis zu vier Millionen Drüsen von innen nach außen. Eine perfekte natürliche Klimaanlage - wenn sie sich nach einer Hitzeattacke denn auch wieder automatisch abschalten würde.

Bei Stephanie S. läuft die Kältemaschine seit über zehn Jahren - nonstop. Bis zu 150 Milliliter Kühlflüssigkeit produziert allein ihre linke Hand in fünf Minuten. Tausend Milliliter am ganzen Körper pro Tag wären normal.

Von ihrem letzten Schultag, als die Welt so plötzlich in Unordnung geriet, hat Stephanie S. später noch oft geträumt. Der Direktor ruft ihren Namen auf. Sie steht auf. Das samtrote Kleid sieht sexy aus. Und dann merkt sie, wie es läuft.

"Damit musst du leben, dagegen kann man nichts tun"

Sie wird nervös, das Herz wummert, ihr Körper schmeißt panisch die "Klimaanlage" an. Sie tippelt in ihren schwarzen Pumps zum Pult und fühlt sich, als steige sie direkt aus einem Pool. Das Kleid ist klatschnass - am Rücken, an den Seiten, am Dekolleté. Und die ganze Schule sieht zu. Der Bürgermeister, die Nachbarn, auch ihre Eltern, die mit der Großmutter stolz in den hinteren Reihen sitzen.

Stephanie schämt sich. Steif wie ein Zinnsoldat nimmt sie das Abschlusszeugnis entgegen. Während der Zeremonie hängen die Arme wie festgenagelt an ihren Schultern. Sie hat dem Schulleiter nicht die Hand gegeben. Sie brauchte ihre Arme, um das Malheur zu verstecken.

Gesehen haben es alle, darüber gesprochen hat keiner

Gesehen haben es alle, darüber gesprochen hat keiner.

Direkt nach der Feier ist Stephanie S. nach Hause gerannt. Hat sich das Kleid vom Körper gerissen, hat es gegen Jeans mit schwarzem Pullover getauscht. Seit dem Tag waren Kleider und Röcke und Farben für die junge Frau tabu. Die Dorfärztin sagte: "Damit musst du leben, dagegen kann man nichts tun." Stephanie S. hat lange geglaubt: "Schwitzen ist mein Schicksal."

Woher kommt die Krankheit, unter der bis zu drei Millionen Deutsche leiden? Manchmal sind es Stoffwechselstörungen, Übergewicht, Hormonschwankungen oder chronische Infekte. In 95 Prozent aller Fälle aber schieben es die Ärzte auf die Psyche: Angst vor Prüfungen, Druck in der Firma, Stress mit den Mitmenschen.

"Die Schweißdrüsen werden von den Nerven gesteuert. Liegen die blank, beginnt der Mensch zu schwitzen", sagt Tanja Fischer vom Haut- und Lasercentrum Potsdam.

Stephanie S. klappert die Ärzte ab. Doch die finden nichts

Anschließend kühlt jeder anders ab: Manche über Hände und Füße, andere schwitzen nur unter den Achseln, am Kopf oder Rücken. Selten auch am ganzen Körper. Und nur wenige so heftig wie Stephanie S.

Sie ist nicht dick: 60 Kilo bei einer Größe von 1,65 Meter, eigentlich perfekt. Sie ist attraktiv: Früher guckten ihr oft die Jungen hinterher. Sie hatte Dates - doch nach dem ersten Treffen war sofort Schluss: "Der Schweiß war wie die Pest."

Während ihrer Ausbildung hat Stephanie S. noch an die Kosmetikwerbung geglaubt. Sie hat alle Deos, Duschgels und Badeöle ausprobiert. Jedes Einzelne hat versagt. Und schließlich hat sie resigniert: "Feel good, feel fresh - das galt nur für die anderen." Und so steckte sich Stephanie S. statt der Puderquaste ein "Fenster-Profi-Putztuch" in ihre Handtasche, als sie nach der Lehre ihren ersten Job antrat. Für die Finger - extra saugstark, plus. So konnte sie wenigstens ihre Arbeit machen. Bis heute begrüßt sie keine Kunden: "Da müsste ich ja Hände schütteln."

Die Familie hat Mitleid. Freunde sagen, "du musst was machen." Stephanie S. klappert die Ärzte ab. Doch die finden nichts.

Aber kann denn jemand gesund sein, der sich mit Tesa-Streifen Taschentücher unter die Achseln klebt, bevor er einkaufen geht?

Stephanie S. versucht, sich selbst zu therapieren - sie trinkt einfach nichts mehr. Doch ihre Klimaanlage läuft auch ohne Kühlflüssigkeit weiter. Morgens, mittags, abends, sogar nachts - schlimmer als bisher. Die Kleider sind weiterhin klitschnass, doch der Körper trocknet aus, der Kreislauf macht schlapp. Kurz nach ihrem 24. Geburtstag hockt Stephanie S. abends verzweifelt auf dem Sofa in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung. Es war ein heißer Tag. Vor der Waschmaschine stapelt sich die Wäsche. Sie schluchzt: "Wann hört das endlich auf?"

Botox, 25 bis 30 Stiche pro Seite

Und dann hat sie getan, was eigentlich nur die Besserbetuchten oder die Eitlen tun. Verzweifelt plündert sie ihr Konto und lässt sich für 500 Euro Botox in die Achseln spritzen. Eine Ärztin hatte ihr Hoffnung gemacht: "Das Nervengift glättet nicht nur die Haut, sondern stoppt auch hyperaktive Schweißdrüsen." 25 bis 30 Stiche pro Seite. Es hat wehgetan. Nebenwirkungen? Risiken? Stephanie S. wollte sie gar nicht wissen. "Mir war schon längst alles egal. Ich hätte sogar einen Kredit aufgenommen, um endlich so zu sein wie die anderen."

Zwei Jahre später: Es ist wieder Sommer. Es ist wieder heiß. Doch es hat sich vieles geändert. Stephanie S. sitzt im kurzen, engen Shirt auf ihrem Sofa und lacht: "Mein Körper hat das Schwitzen abgestellt."

Doch ohne Gift geht es nicht. Insgesamt dreimal hat die junge Frau Geld für Botox geholt. Das wirkt allerdings nur sechs Monate lang, sie konnte sich den Luxus schließlich nicht mehr leisten. Jetzt schluckt sie Anti-Schwitz-Tabletten. "Sie regulieren mein Kühlaggregat, machen aber einen trockenen Mund."

Stephanie S. hat wieder einmal ihr Album auf dem Schoß. Es fehlen viele Fotos: von ihrer Abschlussfeier, vom 20. Geburtstag ihrer besten Freundin, von Hochzeiten und Familienfesten: "Alle mit Schweißflecken mussten weg."

Nur eines durfte bleiben. Es entstand in einem Fotoatelier vor sieben Jahren: Sie lehnt an der Schulter ihres Freundes, beide lächeln. Stephanie S. erinnert sich: "Mensch, an dem Tag habe ich gestunken." Nach dem Shooting hat sie den weiß-blau-geringelten Pullover wütend in die Mülltonne gestopft, das Foto aber aufgehoben, "weil dieser Freund mich so akzeptiert wie ich bin". Sie schnüffelt. So, als röche sie den Schweiß selbst heute noch auf dem Polaroid.

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